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Opern-Kritik: Tiroler Landestheater Innsbruck – Don Quichotte

Quichotte, Ritter des Sturm und Drang

(Innsbruck, 20.6.2026) Mit guten Ansätzen dem hartnäckigen Stück begegnet: Julia Burbach inszeniert am Tiroler Landestheater Jules Massenets „Don Quichotte“ – mit Tanz, revitalisierender Verjüngungskur, aber auch mit offenem Regieansatz.

vonPatrick Erb,

Raus aus dem Haus, fort von der Lektüre – hinein in die Welt, ins Abenteuer. Mit seinem erstmals 1605 veröffentlichten Roman „Don Quijote“ schrieb Miguel de Cervantes Weltliteratur. Vor allem mit seinem Titelhelden, einem den Ritterromanen verfallenen Edelmann, der unfähig scheint, zwischen Dichtung und Wirklichkeit zu unterscheiden, öffnete Cervantes ein Fenster zur literarischen Moderne. Diese erzählt nicht nur episch von äußeren Handlungen, sondern untersucht ebenso sorgfältig die Psychologie ihrer Protagonisten. Einer, der sich des Romans für die Bühne annahm, war Jules Massenet, dessen „Manon“ und „Werther“ im deutschsprachigen Raum zum Standardrepertoire zählen. Sein sehr viel seltenerer „Don Quichotte“ ist nun in einer Neuproduktion am Tiroler Landestheater in Innsbruck zu erleben. Weniger das Heldenabenteuer oder die Figuren selbst interessierten Massenet dabei, er sucht vielmehr einen poetischen, abstrakten Zugang zu Ritterlichkeit und Idealismus.

Szenenbild aus „Don Quichotte“
Szenenbild aus „Don Quichotte“

Zähes Inneres, schrilles Äußeres

Massenets Musik ist keineswegs einfach in Szene zu setzen: 1910, zwei Jahre vor dem Tod des Komponisten, in Monte-Carlo uraufgeführt, offenbart das Werk eine erstaunlich experimentelle Tonsprache. Sie bricht mit der traditionellen, mitreißenden Effektzauberei des Genres und fordert zugleich die naturalistischen und symbolistischen Ausdruckswelten der französischen Zeitgenossen deutlich heraus. Wie an einer Kette aufgefädelt, entwickeln sich Musik und dramatische Erzählung aus einer äußerlich spanisch kolorierten Fantasiewelt in einen introvertierten Seelenspiegel hinein, der Don Quichottes träumerischer Leidenschaft Rechnung trägt. Aus emphatisch-schrillen Chortableaus mit Kastagnetten und Becken wird intime Kammermusik, aus äußerer Lautstärke zunehmend innere Stille.

Kluge Regie durch Tanz

Auffällig ist, wie träge sich dabei die Szenen entwickeln und wie stringent Massenet sein Konzept verfolgt, ohne dem Affen auch nur ein Stück Zucker zu viel zu geben. Regisseurin Julia Burbach findet in ihrer Innsbrucker Inszenierung zwei zentrale, belebende Ansätze, um damit umzugehen. Zwar fügt sich die aufwendig gestaltete, karge Felsenlandschaft in die nocturnale Stimmung des Stücks ein: Das einsame Bäumchen und die melancholisch illuminierten Horizontfarben, die zwischen nächtlichem Blau, zartem Rosa und Blutrot changieren, lassen die Landschaft vor Don Quichottes geistigem Auge geradezu plätschernd vorüberziehen. Dank des Tiroler Tanzensembles kommt jedoch eine zusätzliche Ebene hinzu, die sowohl Handlungsaspekte effizient vertanzt als auch die abstrakte „Stimmung im Raum“ ausdeutet. So wird der Kampf gegen die Windmühlen zum feurigen Flamenco-Pasodoble, die spanische Landschaftsidylle im Tango evoziert; Leidenschaft wird zu Bewegung.

Szenenbild aus „Don Quichotte“
Szenenbild aus „Don Quichotte“

Rollentausch

Ferner kehrt Burbach die charakterlichen Verhältnisse um. Don Quichotte ist hier nicht der altersweise Edelmann, der sich, von seiner Lektüre angespornt, ins Abenteuer stürzt, um vergangenen Ritteridealen nachzueifern. Er ist vielmehr ein junger Mann, der sich in unbeholfener Naivität blindlings auf die Bewährungsprobe einlässt, Dulcinée eine gestohlene Kette zurückzubringen. Die Verjüngungskur passt bestens, spricht Don Quichotte doch wie ein Autor des Sturm und Drang fortwährend mit träumerischer Sehnsucht von Liebe, Jugend, Leidenschaft, Selbstbehauptung und Erfüllungswillen.

Warum Burbach dem Stück allerdings eine zusätzliche Bedeutungsebene voranstellt, auf der Don Quichotte als Platzanweiser in einem Kino oder Theater gleich bei der ersten Begegnung seiner Dulcinée verfällt, bleibt unklar. Denn der so geöffnete Rahmen wird am Ende des Stücks nicht mehr geschlossen. Der Ritter stirbt auf seiner Reise. Dulcinée wiederum zeichnet Burbach als lebenserfahrene Frau, die zwischen ihrer persönlichen, ungebundenen Freiheit und ihrer Zuneigung zu Don Quichotte hadert. Beide Möglichkeiten scheinen ihr keinen Ausweg zu bieten. Auch das ist bereits bei Massenet angelegt: „Indem ich ablehne, beweise ich echte Zuneigung.“

Schließlich schwächt die Regie auch die Wirkung Sancho Panzas als Dienerfigur und komischen Kommentator seines Herrn ab. Beim nächtlichen Überfall von Angst erfüllt und am Leben hängend, ist er dennoch der Realist, der sich um die Reittiere kümmert und nach geeigneten Rastplätzen Ausschau hält, während der Ritter in seine verheißungsvollen Traumwelten entgleitet – und sich als Opfer des Ganoven-Überfalls wie der Märtyrer Sebastian an den Baum gefesselt seinem Schicksal ergibt.

Szenenbild aus „Don Quichotte“
Szenenbild aus „Don Quichotte“

Zuschnitt fürs Hausensemble

Mit Kräften des eigenen Hauses besetzt, erweist sich dieser „Don Quichotte“ als erfolgreiches und reizvolles Wagnis. Der junge Bass Oliver Seiler wirkt auf den altersmüden Ritter geradezu revitalisierend. Es hat eine feine Ironie, dass der junge Sänger als nachdenklicher Ritter sämtliche Bewegung auf der Bühne zurücknehmen muss, während sein extrovertierterer Reisebegleiter Sancho Panza, in der Literatur gerne ein eher beleibter Mann, dafür umso agiler und raumgreifender agiert.

Benjamin Chamandy füllt diese Anlage mit sängerdarstellerischer Verve aus. Seine Stimme braucht sich für die komische Intonation nicht zu verbiegen; zugleich kann Chamandy die mitfühlende Seite Panzas ausleben, der zunächst noch über die Narretei der Mission Don Quichottes spottet, seinem Herrn später jedoch Trost bietet, nachdem dieser wiederholt von Dulcinée abgewiesen worden ist.

Camilla Lehmeier gelingt wiederum der Zweischlag zwischen taffer Selbstbehauptung nach außen und resigniertem innerem Zerwürfnis überzeugend. Gesanglich bringt sie ein farbenreiches vokales Bouquet und eine sprachliche Reife im Französischen mit, die jene der beiden Herren sogar übertrifft und sie für expressivere Rollen wie die Charlotte in Massenets „Werther“ empfiehlt.

Szenenbild aus „Don Quichotte“
Szenenbild aus „Don Quichotte“

Ein bisschen mehr Orchesterzauber ist erlaubt

Dirigent Matthew Toogood hat in seiner musikalischen Exegese die Schwierigkeiten des beinahe pathosfreien Werks durchaus erfasst, bei dem man sich von einem Rettungsanker zum nächsten hangeln muss. Dabei hätte er sich jedoch noch entschlossener in die überschwängliche Emphase stürzen dürfen. Bei aller Schläfrigkeit des Stücks darf auch ein Dirigent einmal daran rütteln und es ordentlich zischen lassen – nicht nur in den feierlichen Chortableaus, sondern ebenso in den vermeintlichen Nachtstücken. Dass Massenet diese Lebendigkeit in sein melancholisches Rührstück einbaut, sie aber gewitzt verbirgt, bezeugt umso mehr die komplexe Klasse dieses Werks.

Tiroler Landestheater Innsbruck
Massenet: Don Quichotte

Matthew Toogood (Leitung), Julia Burbach (Regie), Cécile Trémolières (Bühne), Andrea Kuprian (Kostüme), Cameron McMillan (Choreografie), Raphael Fuchs (Licht), Camilla Lehmeier, Oliver Sailer, Benjamin Chamandy, Hazel Neighbour, Qiong Wu, Horbatuk Rodriguez, Jakob Nistler, Tanzensemble des Tiroler Landestheaters, Chor & Extrachor des Tiroler Landestheaters, Tiroler Symphonieorchester Innsbruck






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