Die meisten Menschen, die noch nicht in der Altersrente sind, dürften „Zar und Zimmermann“ von Albert Lortzing noch nie auf der Bühne erlebt haben. In anderen Gegenden dieses Planeten sowieso nicht. Das war mal grundlegend anders. Bis in die 1980er Jahre gehörte dieses Stück aus der Tradition der Spieloper zum Stammrepertoire deutschsprachiger Opernhäuser. Auch an der Deutschen Oper Berlin, wo jetzt ein Reanimationsversuch des einstigen Bühnenhits stattfand. Heutzutage haben nur noch wenige Sänger das Stück in ihrem Portfolio.
Was für eine Rarität „Zar und Zimmermann“ heute darstellt, zeigte sich in Berlin konkret an der Tatsache, dass bloß mit Mühe ein kurzfristiger Ersatz für die gleich zwei erkrankten Sänger der Titelpartie, vorgesehene Besetzung und Nachrücker, gefunden wurde: Der Bariton Daniel Schmutzhard von der Volksoper Wien hat die Partie drauf, doch es fehlte bei ihm die Zeit fürs Szenische. So sang er am Bühnenrand, während Regisseur Martin G. Berger in die Rolle des Zaren schlüpfte und lippensynchron agierte. Fürs Publikum immer wieder eine reizvolle Abwechslung in der Routine des Opernbetriebs.
Historisch verbürgter Handlungsrahmen
„Zar und Zimmermann“, 1837 in Leipzig uraufgeführt, seit dem Riesenerfolg 1839 in Berlin 150 Jahre lang immens populär, ist eine Verwechslungskomödie. Der Rahmen der Handlung ist historisch verbürgt, Zar Peter der Erste, heroisch als „der Große“ in Geschichtsbüchern bezeichnet, ging tatsächlich 1697 als junger Herrscher für zwei Jahre in den Westen, um weltpolitische Allianzen zu schmieden und neueste Technologien kennenzulernen. Dabei verdingte er sich inkognito auch auf einer Schiffswerft in den heutigen Niederlanden. Lortzings Oper bringt ihn dort mit einem weiteren Peter zusammen, einem Untertanen des Zaren, der als Dissident im Exil lebt. Im Verlauf der Handlung werden beide verwechselt, was für Theaterspannung und Komik sorgt.

Den Blick durch die Operettenbrille gewagt
Ein russischer Herrscher, der auf Geheimaktionen und Industriespionage im Westen setzt? Die Inszenierung tappt glücklicherweise nicht in die Falle plump-plakativer Aktualisierung. Was könnte man, außer in einer grauenhaft düsteren Dystopie, auch mit Putin als Opernfigur anfangen? Stattdessen wagen Regisseur Martin G. Berger und sein Kreativteam den Blick durch die Operettenbrille: Das Russland von Lortzing wird zum Zwergstaat namens Tschirikistan, ein fantastisches spätsozialistisches „Volkszarentum“ auf wenigen Quadratkilometern zwischen Lettland und Russland. Um dies zu erklären, gibt es zur Ouvertüre einen herrlich hanebüchenen Propagandafilm im Stil zwischen Sowjet-Ästhetik und Camp (Video: Vincent Stefan): Im fantastischen Tschirikistan gibt es schneebedeckte Berge, eine subtropische Lagune, Paläste wie aus 1001-Nacht, Balkan-Trachten und ein durch die Luft schwebendes Einhorn, das auch als Wappentier dient.
So dürfte Sozialismus als Disneyland aussehen. Das wunderbar kitschige Video macht neugierig auf das, was auf der Bühne anschließend folgen mag. Doch dieses knallige Operettenprickeln wird während der Inszenierung nicht mehr erreicht. Trotz betörend trashiger Kostüme im 60er- und 70er-Retrolook, mit teils wildgemusterten Anzügen und Smokings in Pastell-Perlmutt-Optik, und 1990er-Jogginganzügen als Arbeitskleidung (Kostümbild: Esther Bialas) sowie einer gut bespielbaren Drehbühne, die eine Werkstatt für Edelkanus mit Chromhaut à la „James Bond“ zeigt und eine riesige Hochzeitstorte als Spielfläche bietet.

Aus dem Füllhorn aktueller Diskurse: Kapitalismuskritik, Migration, Rassismus, Wasserknappheit, Emanzipation, Queerness
Auf jeden Fall wird einiges entstaubt in dieser Produktion. In den neuen, von Martin G. Berger verfassten Dialogen (die – gute Idee – auch als Übertitel erscheinen) und im gesamten Regieansatz sind viele Bezüge auf aktuelle Diskurse enthalten: Kapitalismuskritik, Migration, Rassismus, Wasserknappheit, Emanzipation, Queerness. Der Zarenonkel verteidigt die Idee der Gleichheit aller im behaupteten „Volkszarentum“ (das die wirtschaftlichen Probleme und Revolten gewaltsam unterdrückt) gegen die Ungerechtigkeiten des Kapitalismus. Die beiden Peters in der Werft erleben Fremdenfeindlichkeit. Marie, die resolute Freundin des Dissidenten Peter Iwanow, engagiert sich für Menschenrechte und trägt eine Frisur wie Heidi Reichinneck. Im Ballett gibt es ein lesbisches und ein schwules Paar, und am Ende zeigen auch die beiden männlich gelesenen Gesandten von Frankreich und Russland ihre Zuneigung. Die Titelfigur, der Zar, versucht einen Deal mit westlichen Politikern, um Lithium aus seinem Land zu verhökern, auch wenn das den Grundwasserspiegel sinken lassen würde.
Noch mehr Biss wäre erwünscht
Insgesamt zündet diese neue Lesart trotz der frischen Zutaten jedoch nicht ganz. Das Operettige verblasst, weil versucht wird, relativ nah am Originalstück zu bleiben. Eine respektlosere, frechere, anarchische Überschreibung hätte da mehr Biss entfaltet. Indem gleichzeitig die Handlung zu sehr aus dem Privaten ins Politische gezogen wird, werden die Beziehungen zwischen den einzelnen Opernfiguren eher diffus. Eine komische Paradeszene wie die Chorprobe der Jubelkantate „Heil sei dem Tag“ ist natürlich unverwüstlich – und Regisseur Berger inszeniert sie wirkungsvoll, auch dank eines hinreißenden Sängerdarstellers wie Patrick Zielke als Witzfigur-Bürgermeister van Bett und dem Chor der Deutschen Oper, der wirklich amüsant ein Kollektiv mürrischer Untertanen gibt.
Auch die Idee, den Zarenonkel als sozialistischen Geheimdienstchef samt Mitarbeiter das Geschehen kommentieren zu lassen, funktioniert. Genauso wie die Neudeutung der berühmten Balletteinlage „Holzschuhtanz“ als flotte Stepptanznummer (Choreographie: Marie-Christin Zeisset). Aber die Personenzeichnung der Gesandten bleibt verschwommen, ohne markante Kontur. Und auch die Titelfigur, Zar Peter, ist wenig glaubhaft charakterisiert zwischen einem Herrscher eines Operettenstaates einerseits und einem brutalen Diktator andererseits. Actionfilm-Realismus mit MGs und Sturmtruppen wie aus der Berichterstattung über Terroranschläge und Krieg steht quer zur bunt gewandeten übrigen Schar auf der Bühne.
Lediglich die Beziehung des Exilanten Peter Iwanow und der Aktivistin Marie wird genauer beleuchtet, durchaus schlüssig und überzeugend, sogar wenn dafür ein gesprochener Dialog in die Strophen einer musikalischen Nummer eingefügt wird. Die musikalischen Strukturen von Lortzing halten das auf jeden Fall aus. Gelungen ist die hoffnungsvolle Neudeutung am Schluss der Oper. Dann wird nämlich der Zar in Handschellen abgeführt – und die Demokratie setzt sich in seinem Operettenstaat durch. Ach, wäre die Welt doch auch so …

Lorztings musikalische Qualitäten kommen voll zur Geltung
Musikalisch ist diese Neuinszenierung ein voller Erfolg. Das gesamte Ensemble überzeugt, die jeweiligen Partien werden fulminant gestaltet. Daniel Schmutzhard hat das markante und gleichzeitig flexible Baritonmaterial, um die Ambivalenzen des Zaren Peter zu zeigen. Philipp Kapeller als Peter Iwanow und Nadja Mchantaf geben differenzierte Charakterbilder als ungleiches Liebespaar. Patrick Zielke schließlich als Karikatur eines zu Größenwahn neigenden Politikerdilettanten hat echte Entertainerqualitäten und einen wendigen Bass, der das Komödiantische perfekt bedient.
Dirigent Antonello Manacorda kitzelt die Qualitäten der Musik Lortzings wundervoll heraus. Der Chor und das Orchester der Deutschen Oper sind in Bestform. Die Chorstimmen sind kraftvoll und haben gleichzeitig eine feine Phrasierung. Aus dem Orchestergraben erklingen Ouvertüre und die Opernnummern schwungvoll und voller Spannkraft, sprudelnd und schnurrend wie Rossini und atmosphärisch in vielfachen Schattierungen wie Weber. So interpretiert, zeigt sich: Die Musik von Lortzing funktioniert bis heute. Auf eine spritzige Idee, die Handlung heute interessant zu erzählen, müssen wir indes noch warten.
Deutsche Oper Berlin
Lortzing: Zar und Zimmermann
Antonello Manacorda (Leitung), Martin G. Berger (Regie), Sarah-Katharina Karl (Bühnenbild), Esther Bialas (Kostüme), Vincent Stefan (Video), Sascha Zauner (Licht), Marie-Christin Zeisset (Choreographie), Thomas Richter (Chor), Daniel Schmutzhard, Philipp Kapeller, Patrick Zielke, Nadja Mchantaf, Jared Werlein, Padraic Rowan, Kieran Carrel, Nicole Piccolomini, Fabian Gerhardt, Katharina Brehl, Jörg Schörner, Tanzensemble des Opernballetts der Deutschen Oper Berlin, Chor der Deutschen Oper Berlin, Orchester der Deutschen Oper Berlin
Do., 25. Juni 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Lortzing: Zar und Zimmermann
Artur Garbas (Peter der Erste), Philipp Kapeller (Peter Iwanow), Tobias Kehrer (van Bett), Nadja Mchantaf (Marie), Jared Werlein (Lefort), Antonello Manacorda (Leitung), Martin G. Berger (Regie)
Sa., 27. Juni 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Lortzing: Zar und Zimmermann
Artur Garbas (Peter der Erste), Philipp Kapeller (Peter Iwanow), Patrick Zielke (van Bett), Nadja Mchantaf (Marie), Jared Werlein (Lefort), Antonello Manacorda (Leitung), Martin G. Berger (Regie)
Do., 02. Juli 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Lortzing: Zar und Zimmermann
Artur Garbas (Peter der Erste), Philipp Kapeller (Peter Iwanow), Tobias Kehrer (van Bett), Nadja Mchantaf (Marie), Jared Werlein (Lefort), Antonello Manacorda (Leitung), Martin G. Berger (Regie)
Do., 09. Juli 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Lortzing: Zar und Zimmermann
Artur Garbas (Peter der Erste), Philipp Kapeller (Peter Iwanow), Patrick Zielke (van Bett), Nadja Mchantaf (Marie), Joel Allison (Lefort), Antonello Manacorda (Leitung), Martin G. Berger (Regie)
Sa., 11. Juli 2026 17:00 Uhr
Musiktheater
Lortzing: Zar und Zimmermann
Artur Garbas (Peter der Erste), Philipp Kapeller (Peter Iwanow), Patrick Zielke (van Bett), Nadja Mchantaf (Marie), Joel Allison (Lefort), Antonello Manacorda (Leitung), Martin G. Berger (Regie)




