Porträt Helmuth Rilling

„Musik muss die Menschen aufrütteln“

Im Norden regt Helmuth Rilling nun ein Ensemble seines ehemaligen Schülers Rolf Beck zum Nachdenken an

© Holger Schneider

Helmuth Rilling

Helmuth Rilling

Bach also wieder. Ja, manchmal leidet Helmuth Rilling schon darunter, dass die Außenwelt ihn nur als „Mr. Bach“ wahrnimmt. „Müssen wir nur über Bach sprechen?“, seufzt er dann. „Ich habe noch so viel anderes gemacht …“ Aber eben sich auch rund ein halbes Jahrhundert dem vielleicht größten aller Komponisten gewidmet: 1965 das Bach-Collegium Stuttgart gegründet, 1970 das Oregon Bach Festival in Amerika, 1981 schließlich die Bach-Akademie Stuttgart, die er zu Weltruhm führte. Und mit der Einspielung des Bach‘schen Gesamtwerks auf 172 CDs hat sich der Dirigent schließlich selbst ein Denkmal gesetzt.

Und nun konzentriert sich bei seinen Konzerten in Rendsburg und Lübeck also wieder einmal alles auf Mr. Bach, steht dessen Johannespassion auf dem Programm. Doch statt ob des unvermeidlichen Gesprächs über das Bach-Werk aufzustöhnen, ist Rilling voller Vorfreude auf das anstehende Projekt: „Wenn hier Sänger aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen zusammen kommen, um eines der wesentlichen Werke der deutschen Oratorienliteratur einzustudieren, ist das wohl eine einzigartige Möglichkeit, diese großartige Musik einer jungen Generation nahe zu bringen“, begeistert er sich. „Da kann bei den Proben eine sehr besondere Stimmung herrschen, die dann auch in den Konzerten spürbar wird.“ Schließlich arbeitet der Anti-Maestro mit einem ganz besonderen Ensemble: Rund 70 junge Sänger aus einem Dutzend Nationen, die in weltweiten Castings ausgewählt wurden – der Internationalen Chorakademie Lübeck.

Ihn interessiert der musikalische Nachwuchs

Dass Rilling hier sogleich zugesagt hat, liegt indes nicht allein an seiner Begeisterung für die Arbeit mit dem Nachwuchs: „Händels Messias in irgendeiner amerikanischen Großstadt zu dirigieren: Das lasse ich gleich absagen – aber für einen Meisterkurs irgendwo auf der Welt oder für ein Gesprächskonzert vor einer Gruppe junger, interessierter Musiker gewinnt man mich fast immer sofort.“ Nein, diesen Abstecher in die Provinz unternimmt der Vielbegehrte auch einem ehemaligen Schüler zuliebe: Rolf Beck, Gründer der Chorakademie, und bis Ende vergangenen Jahres Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) sowie Leiter der NDR-Klangkörper.

Musik den Menschen persönlich nahe bringen

Nun auf seine alten Tage, hat der Jurist, „meine Eltern wollten, dass ich etwas Ordentliches lerne, deshalb habe ich zunächst in Frankfurt Jura studiert“, wieder mehr Zeit für den Taktstock. Und da sein SHMF-Nachfolger Christian Kuhnt die von Beck gegründete Chorakademie beim Festival nicht weiterführen wollte, hat Netzwerker Beck seine guten Kontakte in der Hansestadt genutzt, um mit finanzieller Rückendeckung der Possehl-Stiftung eine eigene Chorakademie auf die Beine zu stellen. Dass er dabei gleich für die erste Projektphase seinen ehemaligen Lehrer als Aushängeschild gewinnen konnte, freut Beck riesig: „Ich bewundere ihn sehr und bin froh, dass er mich wohl mittlerweile auch als Dirigent wahrnimmt.“ Was nicht immer so war, wie der Hamburger sich erinnert: Als er seinerzeit noch in Frankfurt Jura studierte, habe er versucht, zu dem dort lehrenden Rilling vorzudringen – „ich bin allerdings nie über das Vorzimmer hinaus gekommen.“

Tempi passati, jetzt steht die Koryphäe der deutschen Bach-Interpretation vor „seinem“ Ensemble, freut sich auf die Arbeit und verteilt schon vorab Lorbeeren: „Ich bin sicher, dass die künstlerische Qualität der Chorakademie eine sehr hohe sein wird.“ Nun, zweifellos vor allem für die jungen Sänger, ist doch Rilling im besten Sinne Kapellmeister geblieben, handwerklich perfekt, in seiner Arbeit nie sentimental oder geschmacklos. Einer, der sich Zeit nimmt, ein begnadeter Musikvermittler. Er möchte die Menschen einfach zu einem tieferen Verständnis der Musik führen. Sei es in seinen, einst in Anlehnung an sein großes Vorbild Leonard Bernstein initiierten Gesprächskonzerten oder eben auch mit jungen Musikern aus aller Welt. Immer aber getreu seinem Credo: „Musik darf nie bequem sein, nicht museal, nicht beschwichtigend. Sie muss aufrütteln, die Menschen persönlich erreichen, sie zum Nachdenken bringen.“ Was mit Bach ganz besonders gut geht.

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