Zum 85. Geburtstag von Helmuth Rilling

„Mister Bach“ zum Geburtstag

Den Großteil seines künstlerischen Schaffens widmete er Johann Sebastian Bach. Heute wird der Kirchenmusiker und Dirigent Helmuth Rilling 85 Jahre alt

© Michael Latz

Helmuth Rilling

Helmuth Rilling

Er kann auch noch mit über achtzig Jahren überraschen. Von concerti kürzlich nach seinem Lieblingsstück gefragt, nannte Helmuth Rilling das „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms. Was insofern verwundert, als der Dirigent und Kirchenmusiker aus Stuttgart den Großteil seines künstlerischen Lebens einem anderen Komponisten gewidmet hatte: Johann Sebastian Bach. Mag der Thomaskantor für den Künstler Rilling noch so essenziell gewesen sein – dem Menschen Rilling ist das eigene Leben dann doch noch bedeutender. Als erster Deutscher nach dem Holocaust dirigierte er das Israel Philharmonic Orchestra. 1976 war das, in einer Zeit also, als im Orchester noch Musiker saßen, die die Gräuel des NS-Regimes miterleben mussten. Die deutsche Sprache war damals noch in weiten Teil der Bevölkerung verpönt, auch das Goethe-Institut hatte zu dieser Zeit noch keine Dependance in Israel. „Ich erinnere mich daran, dass ich den Orchesterdirektor fragte, in welcher Sprache ich die Proben abhalten sollte. Er sagte: ,Deutsch verstehen die Musiker am besten. Aber ich würde Ihnen raten, nicht deutsch zu sprechen,’“ erzählte Rilling im concerti-Interview. Jedoch wurde am Ende in deutscher Sprache gesungen, denn es stand das eingangs erwähnte Brahms-Requiem auf dem Programm. Diese Israelreise habe ihm gezeigt, „welch persönliche und menschlichen Beziehungen das Stück allein schon mit seinen Texten herzustellen vermag“.

„Mister Bach“: Helmuth Rilling

Menschliche Beziehungen herstellen – für Chorleiter ist dies wesentlicher Teil ihrer Arbeit und Berufung. Helmuth Rilling war 21 Jahre alt, als er die Gächinger Kantorei gründete und damit Menschen im musikalischen Sinne zusammenbrachte. Im kleinen Kreis sang man im Hause eines befreundeten Architekten A-cappella-Musik, zunächst von Schütz, Pachelbel und Co. sowie Musik des 20. Jahrhunderts, später trat auch noch die Chorliteratur der Romantik hinzu, die es zu dieser Zeit noch wiederzuentdecken galt. Aus dem Projektchor im Hinterland wurde bald ein renommierter Chor mit Sitz in Stuttgart, der bereits in den sechziger Jahren die Länder damaligen Ostblocks bereiste. 1968 folgte eine Tournee in die USA, ehe es 1976 gemeinsam mit dem Israel Philharmonic Orchestra das eingangs erwähnte Brahms-Requiem sang.

Bis 2013 leitete Rilling das Ensemble – länger als ein halbes Jahrhundert also. In dieser Zeitspanne brachte der Dirigent noch mehr Menschen zusammen, meist im Namen Bachs. Soviel Lebenszeit und Energie investierte er in das Werk des Thomaskantors, dass man schnell vergisst, wie breit gefächert sein Repertoire doch ist. „Müssen wir eigentlich nur über Bach sprechen?“, platzte es aus ihm vor fünf Jahren in einem Interview heraus. Nein, sicher nicht. Aber ein Musiker, der landläufig „Mister Bach“ genannt, der in der Zeitung auch mal als „schwäbischer Evangelist“ betitelt wird, der als erster Dirigent sämtliche geistlichen Bach-Kantaten auf Schallplatte eingespielt hat, der allerorts mit Bachakademien und Gesprächskonzerten das Schaffen des Barockkomponisten in die Welt trägt, dessen Autokennzeichen nach der Ortskennung die Kombination „JS 1685“ hat, nun ja: Der hat sicherlich viel über Bach zu erzählen. 1965 gründete Rilling in Stuttgart das Bach-Collegium, ein Projektorchester, das sich aus Mitgliedern internationaler Spitzenorchester zusammensetzt und das vornehmlich als instrumentaler Partner der Gächinger Kantorei fungiert. Das Collegium spielt aber auch bei Veranstaltungen mit pädagogischem Anstrich auf, etwa bei den „Gesprächskonzerten“, einem seit einigen Jahren sehr beliebten Konzertformat, das Rilling maßgeblich mitgeprägt hat. 1981 gründete er zudem die Internationale Bach-Akademie Stuttgart, eine Stiftung, die auf internationaler Ebene Konzerte, Workshops, Vorträge und Meisterkurse veranstaltet.

Pflichtbewusst und nimmermüde

So viel Einsatz bringt freilich auch zahlreiche Ehrungen ein. Den Grammy als weltweit größte musikalische Auszeichnung erhielt Rilling aber nicht für eines seiner Bach-Projekte, sondern bezeichnenderweise für die Einspielung von Krzysztof Pendereckis Credo, das er 1998 uraufgeführt hatte. Überhaupt hat Helmuth Rilling nicht wenige Uraufführungen geleitet – und tritt immer wieder mit der Forderung an die Öffentlichkeit, die Kirche möge wieder mehr Auftragswerke vergeben. Heute feiert der nimmermüde Dirigent seinen 85. Geburtstag, und noch immer zieht es ihn ans Dirigierpult. Er tut dies auch aus Pflichtbewusstsein, wie er vor fünf Jahren im Gesprächsband „Ein Leben mit Bach“ (Henschel 2013, 248 Seiten) erklärte: Gott habe ihm seine Gesundheit im Alter nicht dafür gegeben, „dass ich mich zur Ruhe setze, sondern damit ich mit der mir verfügbaren Kraft lebenslang gesammelte Erfahrungen weitergeben kann, sogar weitergeben muss.“ Das tut er denn auch gleich im August. Dann stehen nämlich fünf Konzerte an – mit Kantaten von Bach.

Helmuth Rilling dirigiert in der Stadtkirche St. Peter und Paul in Weimar:

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