Reportage Digital Concert Hall

Eine Komposition in Bildern

Warum man auch in Japan gerne die Berliner Philharmoniker hört – und sieht.

Konzentrierte Stille. Wenn sich der Taktstock vor den Berliner Philharmonikern erhebt, herrscht diese nicht nur auf der Bühne. Sondern auch in einem kleinen Studioraum drei Stockwerke über dem Konzertsaal. Hier ist die Schaltzentrale der Digital Concert Hall, einer Internetplattform, auf der fast alle Konzerte des Orchesters aus der Berliner Philharmonie live im Internet übertragen werden. Sechs Augenpaare sind auf eine Vielzahl von Bildschirmen gerichtet, die die Aufzeichnungen von sieben ferngesteuerten Kameras im Saal wiedergeben. Der Dirigent gibt den Einsatz, die ersten Töne erklingen über die Studio-Lautsprecher. Wo vorher noch Bratschenwitze erzählt wurden, ist jetzt außer der Musik nichts mehr zu hören – außer: Zahlen. 1, 2, 3, 4 – alle paar Sekunden eine, mal früher, mal später. Sie werden in den Raum gerufen vom Regisseur und geben dem Bildmischer an, wann er von einer Kameraeinstellung in die nächste schneidet. Damit beim Flöten-Solo nicht die Geigen im Bild sind und umgekehrt.

Eine revolutionäre Idee


Eine aufwendige und minutiöse Vorbereitung ist notwendig, damit bei der Übertragung, dem sogenannten Live-Streaming, das Bild zum Ton passt. Doch dazu später mehr. Alles zurück auf Anfang: An dem stand eine Idee von Olaf Maninger, Solo-Cellist des Orchesters. Als Medienvorstand hat er sich schon immer um die Belange der Berliner Philharmoniker gekümmert, die außerhalb des Konzertgeschehens zu regeln sind: CD-Einspielungen, Fernsehübertragungen, Konzertaufzeichnungen usw. Um sich von Plattenfirmen und Fernsehsendern unabhängiger zu machen, hatte er ein Ziel: In eigener Verantwortung des Orchesters sollten 1. alle Konzerte in einem Massenmedium übertragen werden, diese Übertragungen sollten 2. weltweit verfügbar und 3. alles in einem Archiv abrufbar sein. 2008 war es dann so weit: Über die Internetseite oder die Apps der Digital Concert Hall können sich Musikfans weltweit einloggen und die Konzerte live hören und sehen. Dreimal im Jahr werden Konzerte darüber hinaus deutschlandweit in Kinos übertragen. Jedoch: „Damals war das eigentlich eine völlig absurde Idee“, erinnert sich Olaf Maninger, „die Übertragungsraten im Internet gaben bei weitem noch nicht her, was wir brauchten, um die Ton- und Bildqualität zu erreichen, die uns vorschwebte.“

Große Begeisterung in Asien


Doch von solchen Lappalien ließ er sich nicht entmutigen. Denn die Motivation, die Konzerte einem weltweiten Publikum zugänglich zu machen, war groß. Entstanden war diese Motivation in Taipeh. Die taiwanesische Hauptstadt war eine der Stationen auf einer Asien-Tournee 2005 (dokumentiert im Film „Trip to Asia“, ebenso in der Digital Concert Hall zu sehen). Da das Konzert ausverkauft war, wurde es live auf den Vorplatz des Konzerthauses übertragen – 30.000 junge Taiwanesen hörten und schauten zu. „Die Herzlichkeit, mit der wir dort empfangen wurden, war unglaublich“, berichtet Maninger. Tatsächlich ist der Moment, in dem das Orchester nach dem Konzert aus der Halle heraus- und vor sein „Straßenpublikum“ tritt und bejubelt wird, einer der berührendsten im Film „Trip to Asia“. Maningers Idee war geboren: „Unsere Konzerte in Berlin, unsere Tourneen im Ausland waren ausverkauft. Wir wollten dem großen Interesse, das Orchester live zu hören, nachkommen.“

Doch so einleuchtend dies klingt, war Maningers größte Hürde zunächst, alle Beteiligten von seiner Idee zu überzeugen. Denn: Es braucht schon eine gewisse visionäre Vorstellungskraft, sich auszumalen, dass etwas funktionieren wird, was es noch nie gegeben hat. Er musste also seine Kollegen, Dirigenten und Solisten – und nicht minder Sponsoren – von seiner Idee begeistern. Denn Skeptiker gab es am Anfang viele. Nicht zuletzt mussten rechtliche Grundlagen für die Aufzeichnung und Übertragung der Konzerte geschaffen werden. Denn viele Künstler sind in Sachen Veröffentlichungen exklusiv an ein Platten-Label gebunden.

Herausforderungen des Regisseurs

Vor ganz anderen Herausforderungen stehen heute diejenigen, die für die Umsetzung zuständig sind. Zum Beispiel Daniel Finkernagel – er ist einer der Bild-Regisseure und seit der Geburtsstunde der Digital Concert Hall dabei. „Beim Live-Streaming hat man nur den einen Versuch, man kann nichts korrigieren, jeder Schnitt muss sitzen.“ Dabei sind einige Besonderheiten zu beachten. Anders als bei vielen Fernsehproduktionen sind die Kameras im Saal unbemannt, also ferngesteuert, da so das Publikum im Saal nicht beim Konzerterlebnis beeinträchtigt wird. Das bedeutet wiederum, dass im Vorfeld alle Kamerapositionen ganz genau programmiert werden müssen. Während des Konzerts wird dann von einem einzigen Operator gesteuert, welche Kamera wann wohin gelenkt werden muss.

In künstlerischer Sicht ist die Herausforderung, das Konzertereignis so gut wie möglich einzufangen. „Natürlich kann man das Live-Erlebnis nicht ersetzen. Dafür kann ich mit der Kamera Einblicke gewähren, die einem im Konzert entgehen würden“, beschreibt Daniel Finkernagel den besonderen Reiz. „Da kann man zum Beispiel mal den Holzbläsern beim Atmen zuschauen, Interaktion zwischen den Musikern beobachten oder dem Pianisten auf die Hände sehen.“ Letztlich kommt es – wie in der Musik – auf den richtigen Rhythmus an. Schnittgeschwindigkeit, Bewegungen im Bild wie Zoom oder ein Schwenk von links nach rechts – alles passt sich der Musik an. Damit diese ins rechte Bild gerückt wird, braucht es eine genaue Vorbereitung. Wie auch der Dirigent arbeitet sich der Regisseur im Vorfeld an der Partitur ab. Hierin wird genau festgelegt: Die 1. Oboe im Bild, Schnitt zum Dirigenten, Schwenk zum Konzertmeister, Schnitt auf die Blechbläser – alles muss auf die Note genau passen.

Dass so viel Aufwand in diesen Produktionen steckt, lässt sich kaum erahnen, wenn man sich durch das Archiv klickt: Über 200 Konzertmitschnitte sind dort zu sehen, mit Dirigenten von Claudio Abbado bis Gustavo Dudamel, mit Solisten von Anne-Sophie Mutter bis Maurizio Pollini. „Was für eine große Schatztruhe das ist, wird mir immer dann bewusst, wenn ich mir vorstelle, die Digital Concert Hall hätte es schon vor 50 Jahren gegeben. Dann hätten wir alle Karajan-Konzerte mit einem Maus-Klick“, sagt Olaf Maninger etwas wehmütig, aber auch stolz. Sein persönliches Highlight im Archiv? „Ganz klar die Matthäus-Passion!“ Die von Peter Sellars „ritualisierte“ Fassung des Bachschen Werkes war ein solcher Erfolg, dass sie nicht nur online zu sehen ist, sondern auch auf DVD erschien.

Pläne für die Zukunft


Wie von Anfang an vorgesehen werden die Konzerte in der besten Ton- und Bildqualität aufgezeichnet, die zu haben ist. Und das gefällt nicht nur den Berlinern oder Deutschen in der Provinz, für die der Weg in einen Konzertsaal zu weit ist. Auch die klassikbegeisterten und technikaffinen Japaner etwa nutzen das Angebot der Digital Concert Hall – immerhin 17 Prozent der Zuschauer machen sie aus. Also alles wie zu Beginn erträumt? „Ich wünsche mir für die Zukunft mehr Blicke hinter die Kulissen, mehr Persönliches über die Musiker und Einsicht in die Probenarbeit“, beschreibt Maninger seine weiteren Ideen. Und wer weiß, vielleicht kann man irgendwann nicht nur den unglaublichen Klang der Berliner Philharmoniker im Konzert belauschen, sondern auch ihren arbeitsamen Weg dorthin.

Die Termine der Digital Concert Hall finden Sie hier.

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