Mal glitzern, mal hölzern

CD-Rezension Goldberg-Variationen im Vergleich

Mal glitzern, mal hölzern

Igor Levit beherzt, Lars Vogt bedächtig und beide mit äußerst variablem Anschlag, Alexandre Tharaud kann da nicht mithalten

In der Höhenluft tauchen die Probleme auf. Wer nicht über genug Reserven verfügt, wird schlappmachen. Das gilt besonders für die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach, eines der heikelsten und größten Werke der Klavierliteratur. Nun haben sich gleich drei Pianisten auf diesen herausfordernden Weg begeben: Lars Vogt, Igor Levit (der Beethovens Diabelli-Variationen und Rzewskis The People United Will Never Be Defeated gleich mitliefert) und Alexandre Tharaud.

Es gibt keinen klaren Favoriten

Vogt und Levit durchmessen diesen Zyklus auf gleichsam intelligente, reflektierte Weise. Bezeichnend ist etwa Variation 12: Vogt lauscht intensiv in die Klangfarben, Levit spürt eher dem dramatischen Puls nach. Ähnlich in Variation 20: Levit zelebriert geschmeidige Läufe, streut Verzierungen ein, trotz des zügigen Tempos; bei Vogt klingt das runder, entspannter, aber nicht weniger tief. Ihre Ansätze unterscheiden sich hier und dort, ihre Ergebnisse sind nicht gleich, aber gleichwertig. Wie in Variation 26: Vogt lässt diesen Abschnitt quasi organisch aus Variation 25 hervorgehen, Levit zündet den Turbo, nicht laut, aber entschlossen, brodelnd schlängelt sich die linke Hand nach oben.

Nur kleine Schwächen

Bei Levit ist insgesamt mehr Glitzern, mehr Drive, bei Vogt ein stärkeres Nachsinnen, eine größere Nachdenklichkeit. Wie beide mit dem hell singenden Diskant umgehen, ist stimmig, wie sie die Bassfiguren einbinden, zeugt von viel Umsicht. Dass sie nicht ganz an die Referenzen von Sir András Schiff und Murray Perahia heranreichen, liegt allenfalls an Kleinigkeiten. Alexandre Tharaud kann da nicht mithalten. Er überzeugt nur bedingt, hastet stellenweise getrieben durch das Werk, sein mitunter nervöses Huschen verrät zwar Eleganz und französischen Esprit, doch setzt er auch markige, etwas hölzerne wirkende Akzente. Darauf verzichten Levit und Vogt, sie ordnen ihr Spiel organischer, suchen nach den Geheimnissen, Levit beherzter, Vogt bedächtiger, beide mit äußerst variablem Anschlag.

Lars Vogt (Klavier)

Ondine

Igor Levit (Klavier)

Sony Classical

Alexandre Tharaud (Klavier)

Erato

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