100 Jahre Leonard Bernstein – Der Komponist

Grenzen sprengen mit einer Botschaft

Als Komponist feierte Leonard Bernstein große Erfolge. Er nutze seine Werke sowohl zur politischen Kritik als auch zur Beschäftigung mit seinen jüdischen Wurzeln

Leonard Bernstein © Susesh Bayat/DG

Leonard Bernstein

Mit Jazz und Mambo gelang ihm der Durchbruch als Komponist: In „West Side Story“, 1957 am New Yorker Broadway uraufgeführt, präsentierte Leonard Bernstein eine moderne Lesart von Shakespeares „Romeo und Julia“. Die Lebenswelten zweier verfeindeter New Yorker Jugendgangs charakterisierte er mit Tanzrhythmen seiner Zeit. Einiges davon findet sich in Keimzellen schon in „On the Town“, einem frühen Musical über drei Matrosen auf Landurlaub in New York. Ein Kritiker schrieb nach der Uraufführung 1944, Bernstein habe „neues Tempo nach New York gebracht“. Wirkt „On the Town“ noch wie eine übermütige Stilübung mit Anspielungen an Tschaikowsky, Debussy, Copland sowie an den Jazz, findet Bernstein in „West Side Story“ seine eigene Handschrift in der Verarbeitung verschiedener Idiome. Und er sprengt die Grenzen des Genres: Eine Tragödie als Musical war ebenso ein Wagnis wie der Einsatz von Dissonanzen, ungewöhnlich großen Tonsprüngen und freitonalen Harmonien. Auch insofern war „West Side Story“ ein Durchbruch.

Politischer Einspruch im Werk

Im Jahr zuvor hatte Bernstein schon versucht, die Koordinaten der Oper neu abzustecken, nämlich mit „Candide“, einer Satire nach Voltaire, bei der die Protagonisten von einer Katastrophe in die nächste schlittern. „Candide“ ist eine launige Travestie traditioneller Opernelemente mit überdrehten Cancans, exaltierten Koloraturen, zuckersüßen Duetten und überzeichneter Habanera-Sinnlichkeit. Das Werk zielt auf die Bigotterie, den Chauvinismus und den „Schöne-Neue-Welt-Optimismus“ (Bernstein) der USA. Schärfer gerät die Kritik Bernsteins, der sein Leben lang politisch Einspruch erhob, im weniger bekannten Musical „1600 Pennsylvania Avenue“ (1976), einem Kommentar zum Watergate-Skandal, und in der Oper „A Quiet Place“ (1984), einer Entlarvung des weißen, heterosexuellen US-Familienidylls.

Der junge Leonard Bernstein komponiert

Der junge Leonard Bernstein komponiert © Courtesy of The Leonard Bernstein Office Inc.

Was in „West Side Story“ zwischendurch im swingenden Song „Cool“ aufblitzt, hat Bernstein in anderen Werken noch konsequenter eingesetzt, nämlich freie Tonalität und Reihentechnik, etwa in seiner Symphonie „Kaddish“ von 1963, einer Auseinandersetzung des modernen Menschen mit der Religion und ihren Erlösungsangeboten. Überhaupt hat sich Leonard Bernstein, dessen Eltern einst aus Russland in die USA kamen, als Komponist wiederholt mit seinem jüdischen Erbe beschäftigt. Auch 1974 im Orchesterwerk „Dybbuk“, wo er mit Reihen- und tonalen Themen die sichtbare und die mystische Welt zeichnet. Weitere Techniken der Neuen Musik, freie Form, Zufall und Improvisation, hat er etwa im „Concerto for Orchestra“ erprobt, 1989, ein Jahr vor seinem Tod in Tel Aviv uraufgeführt.

Machte keinen Unterschied zwischen E- und U-Musik: Leonard Bernstein

Sein wohl experimentellstes Werk wurde 1971 in Washington uraufgeführt: „Mass“, ein Bühnenstück als Messe mit Ingredienzen aus Pop, Rock, Gospel, Blues, Jazz und Neuer Musik. Diese Komposition, die bis heute kontrovers betrachtet wird, steht exemplarisch für Bernsteins Anspruch, Grenzen zu sprengen, Formen und Gattungen, E- und U-Musik zu vereinen. Und das Ganze mit einer zutiefst sozialen, von Menschenliebe geprägten Botschaft. Dass diese Vision Bernstein nicht so leicht von der Hand ging wie die klingenden Ergebnisse glauben machen, davon zeugen die zahlreichen Überarbeitungen und Neufassungen seiner Kompositionen.

Leonard Bernstein dirigiert „Symphonic Dances“ aus „West Side Story“:

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