Buchtipp: Sarah Quigley – Der Dirigent

Bewusstlose Bläser und unterkühlte Geigerhände

Im achten Teil unserer Literaturreihe stellen wir Sarah Quigleys atmosphärischen Roman „Der Dirigent“ vor.

© Wikimedia Commons

Dmitri Schostakowitsch

Dmitri Schostakowitsch

„Natürlich habe ich kein Herz! Ich habe es ja vor vielen Jahren, auf jener Treppe in Leningrad, Schostakowitsch geschenkt.“ Pittoresk, aber ohne jede Theatralik, formt Sarah Quigley in ihrem Roman „Der Dirigent“ das Bild des Protagonisten Karl Eliasberg, dessen stoische Leidenschaft ihn zum Außenseiter – und zum Helden der Geschichte macht.

Wechselbad extremer Stimmungsschwankungen: Der Dirigent

Inmitten des Hungers und der Angriffe zurzeit des Zweiten Weltkriegs beginnt Dmitri Schostakowitsch 1941 seine siebte Sinfonie zu komponieren, die zum Symbol von Wut und Hoffnung heranwächst. Die Aufführung jener „Leningrader Sinfonie“ an ihrer Geburtsstätte soll den Widerstandsgeist der stark dezimierten Bevölkerung beschwören und ein Fanal gegen den Faschismus werden. Doch nachdem die Kulturpersönlichkeiten erster Klasse evakuiert wurden, muss Eliasberg aus der zweiten Reihe nachrücken, um diesen neuen Gipfel in Schostakowitschs Œuvre zu erklimmen. Der bis dahin unscheinbare Dirigent kämpft sich bei minus 25 Grad mit seinem Rundfunkorchester durch Proben, in denen kraftlose oder bewusstlos werdende Bläser auf unterkühlte Geigerhände und kaputte Instrumente treffen. Im August 1942 schließlich kann das Leningrader Publikum eintauchen in ein 70-minütiges Wechselbad extremer Stimmungsschwankungen.

Ähnlich dem Verlauf einer Sinfonie liest sich Quigleys Roman als fortschreitendes atmosphärisches Geflecht, bei dem es nicht auf den Ausgang der Geschichte ankommt, sondern auf das dynamische Ganze. Ausgedachte Dialoge spickt die neuseeländische, seit 2000 in Berlin lebende Autorin mit Anekdoten zu historischen Zeitgenossen wie Prokofjew. Die sowjetische Kulturlandschaft porträtiert sie bildhaft und gibt den Charakteren eine wunderbar musikalische Sprache. Während Schostakowitsch eine „Albtraumsequenz“ zu vertonen versucht oder sich „die marschierenden Töne bereits in seinen Adern sammelten“, saugen Sarah Quigleys 383 Seiten den Leser in ein Szenario hinein, dessen historisches Chaos der Komponist in ein System von fünf Notenlinien zu bannen versucht – und das der Dirigent schließlich mit schwachem Körper aber glühender Seele zum Klingen bringt.

Buch-Empfehlung

Der Dirigent
Sarah Quigley
atb, 2014

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