Bücherherbst – Moshe Zuckermann: Wagner, ein ewig deutsches Ärgernis

Wäre Wagner ein Nazi geworden?

Herbstzeit – Lesezeit. Die schönsten Bücher für die dunkle Jahreszeit, ausgewählt von der concerti-Redaktion. Teil 2: Moshe Zuckermann – Wagner, ein ewig deutsches Ärgernis.

© Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermann

Seine Faszination für Richard Wagner gesteht der Soziologe offen ein. Doch sie schränkt seinen differenzierten wie distanzierten Blick auf den musikalischen Magier und bekennenden Antisemiten nicht ein. ­Moshe Zuckermann benennt die Widersprüche in Wagners Leben, Werk und Wirkung, er schlägt sich nicht auf die eine oder andere, gern ideologisch verengte Seite der Bewunderer oder der Verächter. Der jüdische Links­intellektuelle, der in Deutschland aufwuchs und in Israel lehrte, steht für den ergebnis­offenen Diskurs, fürs faire Fragen: Wie glaubwürdig ist die oft behauptete Kausalkette vom Judenhass des 19. Jahrhunderts hin zum Massenmord des Holocaust? Verträgt sich das ästhetische Weltbild der Romantik mit dem nationalistischen Rassenwahn Hitlers? Reicht dessen Begeisterung für den Bayreuther Meister als Beleg für eine chauvinistisch-rassistische Verschmutzung der Inhalte der Musikdramen? Und wäre Wagner, ein bekennender Revoluzzer, hätte er denn deutlich länger gelebt, zum Nazi geworden?

Wagners Ideologie auf der Spur: Moshe Zuckermann

Zuckermann hat für seine Antworten genauer als viele bisherige Forscher Wagners antisemitische Hetzschrift analysiert, diagnostiziert darin dessen Definition des Jüdischen nicht als rassenbiologische, sondern als kulturelle Kategorie. Zuckermann zieht die geistesgeschichtliche Linie von Schopenhauer über Wagner zu Nietz­sche und Thomas Mann scharf nach und argumentiert präzise, dass dem Werk und seinem Schöpfer die entstellende rechte Rezeption nur bedingt vorzuwerfen ist.

Zuckermann bewegt sich inhaltlich und sprachlich souverän zwischen Kultur-, Musik-, und Politikwissenschaft. Seine pointierte Eloquenz wird nur im Kapitel über den durch den Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick befeuerten Parteienstreit zwischen den Vertretern der absoluten Musik und jenen einer Gefühlsästhetik, mithin zwischen der konservativen Brahms-Schule und den Zukunftsmusikern um Liszt und Wagner, getrübt. Da bezeichnet er die letzteren kurioserweise als „die Norddeutschen“, er meint freilich „die Neudeutschen“. Wollte der Verlag das Fachlektorat sparen? Oder haben digitale Korrekturprogramme längst die Macht im schnelllebigen Geschäft der Buchveröffentlichungen übernommen?

Buch-Tipp:

Wagner, ein ewig deutsches Ärgernis

Moshe Zuckermann:
Westend, 144 Seiten
18 Euro

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