concerti Bücherfrühling: Albrecht Selge – „Beethovn“

Der multiple Beethoven

Der concerti Bücherfrühling feiert den großen Jubilar mit einem Schwerpunkt. Den Auftakt der Reihe macht Albrecht Selge mit seinem Roman „Beethovn“.

© Sven Meissner

Philosophisch und humorvoll: Autor Albrecht Selge

Philosophisch und humorvoll: Autor Albrecht Selge

Albrecht Selges Roman „Beethovn“ ist von hoher Fabulierkunst geprägt. Er macht den Komponisten zum wahren Romanhelden, indem er lediglich biografische Eckpunkte verwendet und seiner dichterischen Fantasie ansonsten freien Lauf lässt. Und diese ist bewundernswert. So lässt er beispielsweise eine als Hexe dem Feuertod überantwortete Vorfahrin Beethovens auftreten und Einblick in das ganze Familiengeschlecht geben, die „Unsterbliche Geliebte“ Gestalt annehmen und ihre Version der Geschichte erzählen, ebenso wie die mittlerweile heruntergekommene Prostituierte, die der Komponist in ihren besseren Jahren aufgesucht haben soll.

Selge schildert dabei die völlig verschiedenen, individuellen Blicke dieser Figuren auf den Protagonisten, so dass ein schillerndes Bild Beethovens entsteht, das ihn dem Leser nicht wirklich nahe rückt, sondern gleichsam mögliche Persönlichkeitsvarianten anbietet. Das dürfte einer historischen Gestalt eher gerecht werden als der Versuch eines Autors, den einzig wahren Blick auf seinen Gegenstand beanspruchen und eine Nähe und Objektivität herstellen zu wollen, die schlicht nicht möglich sind.

So erlebt der Leser einen jeweils anderen Beethoven, je nachdem, ob er gerade durch die Augen seines lebenslustigen Neffen Karl geschildert wird, den der pingelige Onkel nervt, oder des Dichters Franz Grillparzer, der sich nicht entscheiden kann, ob er den großen Komponisten verehrt oder verabscheut. Auch eine Tochter dichtet Selge ihm an. Die bleibt ähnlich schattenhaft wie die auf dem Scheiterhaufen verbrannte Ahnfrau. Sogar Prometheus wird dem Leser als Romanfigur vorgeführt. Nicht nur hier, sondern generell richtet sich Selge an ein bildungsbürgerliches Publikum, indem er berühmte Gedichtzeilen nahtlos in den Text einfügt, vornehmlich solche, die aus Vertonungen Schuberts (dem auch ein kurzer Auftritt zukommt) und Beethovens bekannt sind.

Buch-Tipp:

Albrecht Selge: Beethovn

Rowohlt Berlin
240 Seiten
22 Euro

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