Bücherfrühling – Felix Pestemer: Alles bleibt anders

Als vor dem Musentempel das Gemüse wuchs

Zum 200-jährigen Jubiläum des Konzerthauses Berlin fängt Felix Pestemer dessen Geschichte mit eigenen Illustrationen ein.

© Felix Löchner/Sichtkreis

Konzerthaus Berlin

Konzerthaus Berlin

Ein Bauer pflügt sein Feld direkt vor der Ruine des Konzerthauses Berlin. Die doppelseitige Illustration wirkt wie eine kühne Collage und doch: Nach den verheerenden Zerstörungen durch Krieg und Straßenkämpfe wurde der Gendarmenmarkt im Jahr 1945 teilweise landwirtschaftlich genutzt. Im verbindlichsten Sinne des Wortes anschaulich fängt Felix Pestemer mit seinen detailliert ausgearbeiteten Bildern markante Stationen in der 200-jährigen Geschichte des Berliner Musentempels ein. Wir sehen die trauernde Menschenmenge hinter den vor dem Konzerthaus aufgebarten Särgen der „Märzgefallenen“ nach dem Aufstand im Jahr 1848. Wir wohnen der Umgestaltung des Gendarmenmarktes durch die Nationalsozialisten bei, schauen drei Jahre nach Kriegsende vom Dach des Schauspielhauses auf die 40.000 Zuschauer beim Auftritt des Alexandrow-Ensembles der Roten Armee und sehen Trauben wartender Menschen vor den Auftritten berühmten Musiker, die zum 750-jährigen Jubiläum der Stadt im Jahr 1987 auch in deren Ostteil auftraten.

Comic-Episoden ergänzen die großformatigen Illustrationen

© Sebastian Runge

Felix Pestemer

Felix Pestemer

Jedem Bild sind eine Jahreszahl und eine kurze textliche Erläuterung der geschichtlichen Situation beigestellt. Zudem erzählen Comic-Episoden von Persönlichkeiten rund um das Konzerthaus: So muss E. T. A. Hoffmann im Jahr 1817 mit ansehen, wie das Königliche Nationaltheater – der Vorgängerbau des Konzerthauses – knapp ein Jahr nach der Uraufführung seiner Oper „Undine“ bis auf die Grundmauern niederbrennt. Auch werden wir Zeuge der zwiespältigen Gefühle Gustaf Gründgens anlässlich eines Besuchs von Reichstagspräsident Hermann Göring, der dem gefeierten Mephisto-Darsteller anträgt, die Leitung des Preußischen Staatstheaters zu übernehmen, wie das Konzerthaus ab 1918 hieß. Abgerundet wird die grafisch ansprechend aufbereitete Geschichte des klassizistischen Schinkel-Baus mit einem ausführlichen (leider nachlässig lektorierten) Anhang, in dem auch die Vorlagen der einzelnen Bildmotive genannt werden. So erfährt der Leser, wo fiktive Szenen die historischen Lücken einer sorgfältigen Recherche füllen. Ein Schmuck für jeden Bücherschrank!

Buch-Tipp:

Alles bleibt anders

Felix Pestemer
Avant, 88 Seiten
25 Euro

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