concerti Bücherfrühling – Maya Lasker-Wallfisch: Briefe nach Breslau

Psychokrimi des Überlebenwollens

Maya Lasker-Wallfisch galt lange nur als die „Tochter der Cellistin von Auschwitz“, bis sie für das verschwiegene Trauma ihrer Mutter, das auch ihres wurde, die Kraft heilender Worte und ihre eigene Identität findet.

© Privatarchiv der Autorin

Die Großeltern von Maya Lasker-Wallfisch mit den Töchtern Renate (links), Anita und Marianne, Breslau 1931

Die Großeltern von Maya Lasker-Wallfisch mit den Töchtern Renate (links), Anita und Marianne, Breslau 1931

Man spricht Deutsch – die Sprache von Bach und Beethoven. Die Sprache der Täter. Über Deutschland allerdings wird geschwiegen in dieser deutschen Familie jüdischen Glaubens. Anita Lasker-Wallfisch und ihr Mann reden viel über Musik, sie ist Cellistin, er ist Pianist. Über den Holocaust aber decken sie den Mantel des Schweigens. Ihre Kinder sollen im London der Wirtschaftswunderwelt nach dem Krieg genauso aufwachsen wie ihre englischen Mitschüler. Mutter Anita gibt ihrer Tochter Maya zu verstehen, sie wolle für Ihre Familie einfach nur ein ganz normales Leben. Verdrängung wird zur Überlebensstrategie.

Die Mär von der Stunde Null als neuem Anfang der Geschichte verbindet Opfer und Täter im gemeinsamen Ausblenden des Schrecklichen. Doch die Traumata bleiben. Und sie zeigen ihre verheerende Wirkung noch in der Kinder- und Enkelgeneration. Während ihr Bruder das Vorzeigewunderkind wird, das in die großen Musikerschuhe der Eltern schlüpft und zum erfolgreichen Solocellisten heranreift, ist die jüngere Maya, Jahrgang 1958, das Problemkind. Der erste Satz ihres so krimispannenden wie berührenden Buches lautet: „In meinem Elternhaus wurden zwei Sprachen gesprochen: Musik und Deutsch. Ich beherrschte keine von beiden.“

Maya Lasker-Wallfisch findet in transgenerationalen Traumata ihr Lebensthema

Als ihre Mutter mit 16 Jahren als Vollwaise in der sicheren Erwartung des eigenen Todes nach Auschwitz deportiert wurde, rettete ihr die Beherrschung des richtigen Instruments das Leben. Denn es fehlte just die Bass-Stimme im Mädchenorchester des Lagers. Ihrer Tochter aber will die Cellistin noch Jahre nach dem Ende des Grauens nicht die Welt erklären. Die Heranwachsende fühlt sich verlassen. Sie driftet ab ins Drogenmilieu, sucht ihre Identität jenseits der Berühmtheit als „die Tochter der Cellistin von Auschwitz“.

Mit dem Trauma hat sie den Überlebenswillen von der Mutter geerbt. Sie überwindet die tödliche Abhängigkeit, wird psychoanalytische Psychotherapeutin, hilft Drogenabhängigen und findet in transgenerationalen Traumata ihr Lebensthema. Kunstvoll überbrückt Maya Lasker-Wallfisch in ihrem Buch die Zeit- und Generationensprünge, indem sie zu Beginn jeden Kapitels Briefe an ihre ermordeten Großeltern stellt. Darin berichtet sie den Toten vom Weiterleben ihrer drei Töchter, sie arbeitet sich am Trauma ab, sie findet ihre Sprache für das Unsagbare – und in einem langen Weg der Heilung zu einer wunderbar tiefen Versöhnung mit ihrer Mutter und der Musik – und zudem mit dem Land, das ihrer Familie einst Heimat war. Mit der Mutter hält die Autorin heute gemeinsam Vorträge. Der Prozess der Sprachfindung als heilende Erinnerung geht weiter.

Buch-Tipp:

Maya Lasker-Wallfisch & Taylor Downing: Briefe nach Breslau. Meine Geschichte über drei Generationen

Insel
254 Seiten
24 Euro

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