Musikalische Spurensuche: Mitteldeutschland

Die Einheit von Musik und Natur

Richard Wagner kann man sich rund um Graupa erwandern.

© Richard-Wagner-Stätten

Im Jagdschloss Graupa werden Kindheit und Jugend sowie das musikalische Wirken Richard Wagners beleuchtet

Im Jagdschloss Graupa werden Kindheit und Jugend sowie das musikalische Wirken Richard Wagners beleuchtet

Seine Herkunft konnte der lieblich sächselnde Richard Wagner nie verleugnen. Dennoch hatte der in Leipzig geborene und in Dresden aufgewachsene Operngigant immer ein ambivalentes Verhältnis zu seiner Heimat, denn Sachsen verweigerte dem jungen Mann zunächst die gebührende Anerkennung. Noch heute sind in beiden Städten nur vergleichsweise kleine Denkmäler oder Tafeln ausfindig zu machen. Erst mit dreißig wurde Wagner Hofkapellmeister in Dresden und durfte sich im Ruhme des Genies sonnen, für das er sich zeitlebens hielt. Nach den erfolgreichen Uraufführungen von „Rienzi“, dem „Fliegenden Holländer“ und „Tannhäuser“ konnte Wagner es sich leisten, 1846 mehrere Monate Urlaub im nahe gelegenen Graupa zu verbringen, einem ehemaligen Fischerdorf an der Elbe, das heute zu Pirna gehört. Hier weiß der Sachse, was er an Richard Wagner hat, denn Graupa atmet seinen Geist.

Bei seinen ausgedehnten Touren durch die Sächsische Schweiz kam der leidenschaftliche Wanderer unter anderem auch durch den Liebethaler Grund, ein reizendes Tal, das die Wesenitz, ein der Elbe zustrebendes Flüsschen, tief eingeschnitten hat. In der Nähe der alten Lochmühle – um deren Erhalt und Ausbau derzeit zwischen Eigentümer und sächsischer Landesdirektion ziemlich erbittert gestritten wird, weil nahebei ein Hotel im Landschaftsschutzgebiet entstehen soll – hatte Wagner, so erzählt es eine Anekdote, die Eingebung für seinen „Lohengrin“. Folgerichtig steht hier das wohl größte Komponistendenkmal weltweit: Die mit Sockel insgesamt mehr als zwölf Meter hohe Statue – ein Entwurf des Dresdner Kunstakademie-Professors und leidenschaftlichen Wagnerianers Richard Guhr von 1911 – zeigt den Musikgott als gewaltigen Gralsritter mit wehendem Gewande, dem fünf allegorische Figuren zu Füßen liegen: das sphärische, lyrische, dionysische, dämonische und tragische Element Wagnerscher Gesamtkunst.

Abseits der überlaufenen Hotspots

Die für asketische Geister wohl recht kitschige Bronze, die zwar 1912 fertig gegossen war, aber erst in den Dreißigerjahren aufgestellt wurde und nur knapp der Einschmelzung für Kriegszwecke entging, ist schon deshalb eine Wanderung auf dem so genannten Malerweg wert, weil sie die Inspiration von Sandsteinfelsen, wildromantischem Flusslauf und unberührt wirkender Natur auf jedweden Künstler nacherleben lässt. Abseits der überlaufenen Hotspots des Elbsandsteingebirges bekommt man im Liebethaler Grund eine Ahnung davon, wie ursprünglich die Sächsische Schweiz vor ihrer touristischen Erschließung nicht nur auf Wagner, sondern auch auf andere namhafte Besucher wie Hans Christian Andersen, Canaletto oder Caspar David Friedrich gewirkt haben mag. Wegen der maroden Felsen, deren Sanierung und Sicherung wohl von der Hotelerrichtung abhängt, ist der Weg zum Denkmal, zurzeit von fröhlichem Vogelgezwitscher durchweht, eine Sackgasse. Aber er bietet in jede Richtung Gelegenheit zu vielfältiger Kontemplation und Beobachtung. Die beredte blau-grüne Ruhe des Tals könnte man fast für eine Inspiration des „Lohengrin“-Vorspiels halten.

© Richard-Wagner-Stätten

Musikalische Vorbilder Wagners und Hörstationen

Musikalische Vorbilder Wagners und Hörstationen

Keine vier Kilometer flussabwärts findet sich im ehemaligen Bauerngehöft, auf dem Richard Wagner mit seiner Frau Minna wohnte, das von ortstypischem Fachwerk durchzogene „Lohengrinhaus“, in dem die berühmte Oper um den unbekannten Schwanenritter entstand. Bereits 1907 waren hier Gedenkzimmer eingerichtet worden, 2009 wurde es aufwändig generalsaniert. Neben einer interessanten Ausstellung zur Werkgeschichte beherbergt es recht liebevoll nachgestaltete Räume mit Mobiliar der Wagnerzeit. Sinnvoll ist es jedoch, zunächst durch einen wunderschönen Park auf dem „Kulturpfad“ mit Wagners Lebensstationen das wenige Gehminuten entfernte Jagdschloss in Graupa anzusteuern. Hier eröffnete zum 200. Geburtstag des sächsischen Komponisten 2013 eine moderne Dauerausstellung, die mithin zu den wenigen Wagnermuseen weltweit gezählt werden darf. Wenn sich die Viren ausgetobt haben, finden hier auch wieder regelmäßig Lesungen und Konzerte im kleinen Saal statt.

Anfassen erlaubt!

Und man muss beileibe kein Wagnerianer sein, um sich von dem multimedialen Musikgeschichtserlebnis begeistern zu lassen. Selbst für Kinder ist das Museum eine Entdeckung: Hier darf und soll man vieles anfassen. Mit kleinen Kärtchen, die es an der Kasse gibt, werden die Ausstellungsgegenstände zum Leben erweckt. Hier kann man Musik nicht nur hören, sondern sogar sehen. So ist in einem Raum ein virtuelles Orchester aufgestellt, und während die Noten auf einem Bildschirm dahinrattern und die wohlbekannte Musik aus dem Lautsprecher tönt, kann man sich auch als Laie gut erschließen, welche Instrumentengruppe gerade spielt. Mit der eigenen Hand kann man sodann die einzelnen Instrumente zum Leuchten bringen. Dazu gibt es eine interaktive Erklärung zur Bühnentechnik, die von Richard Wagner wie so vieles andere auch revolutioniert wurde.

Das kleine, aber feine Museum, das ganz in Wagners Lieblingsfarbe Lila gehalten ist, wirkt trotzdem sehr hell und luftig und präsentiert sich alles andere als muffig. Die sechs Räume mit einer gut austarierten Mischung aus Bildern, Texten, Theater-Kulissen und multimedialen Elementen lassen den Besuch ebenso kurzweilig wie lehrreich werden. Hier drängt keine bleierne Schwere das dräuende Genie auf, jeder Besucher kann sich dagegen ganz unvoreingenommen sein Bild des musikalischen Sachsen machen. Und auch für ironische Geister ist gesorgt: Im kleinen Teich schwimmt ein Plastikschwan, der erstaunlicherweise ganz harmonisch wirkt. Denn Musik und Natur – in Graupa bilden sie eine Einheit.

Aktuell

Die Richard-Wagner-Stätten sind ab sofort wieder für Mundschutzträger dienstags bis freitags von 11 bis 17, am Wochenende und an Feiertagen 10 bis 18 Uhr geöffnet. Es gelten die üblichen Hygienevorschriften. Da das Museum recht klein ist, kann es wegen der Abstandsregeln zu Wartezeiten kommen.

Anreise

Vor allem für Wandersleute empfiehlt sich die Anreise mit dem ÖPNV: Graupa erreicht man problemlos von Dresden aus mit den Buslinien 63 und 83. Das Denkmal ist ohnehin nur zu Fuß erreichbar. Für Autofahrer lautet die Anreiseadresse des Jagdschlosses (hier befindet sich die Kasse): Tschaikowskiplatz 1, 01796 Pirna OT Graupa.

Preise

Erwachsene 7, Ermäßigte 4 Euro. Inklusive ist der Besuch des Lohengrinhauses.

Informationen

www.wagnerstaetten.de

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