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Musikland Schweiz

Intimität und Vision

In der Schweiz werden Resonanzräume für klassische Musik nicht bloß behauptet, sie entstehen auf ganz natürliche Weise.

vonPeter Krause,

Wer einmal auf einer Wanderung der tosenden Stille des Gebirges gelauscht, wer einmal den Ruf eines Alphorns von der gegenüberliegenden Seite eines Tals wie in einem von Gott geschaffenen Amphitheater in gleichermaßen mystischer und klarer Präsenz vernommen hat, der versteht vollkommen: Natur und Kultur bilden in der Schweiz kein Gegensatzpaar. Das Echo ist hier keine wohlfeile essayistische Metapher, sondern eine wunderbare Alltagserfahrung. Denn die Aufmerksamkeit für musikalische Zwischentöne und Pianissimi wird in den Traumlandschaften zwischen Gebirgen und Seeufern ungemein geschärft: Resonanzräume der klassischen Musik muss man hier nicht gesellschaftspolitisch behaupten, sie entstehen auf ganz selbstverständliche Weise. Die Topografie spielt mit, sie akzentuiert, öffnet die Ohren, fokussiert. Und fungiert als Steilvorlage für die Konzeption international strahlkräftiger Festivals, die in dieser idealen Voraussetzung weit mehr finden als das genüssliche Mehr an schöner Atmosphäre und klangkulinarischer Kulisse.

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Stelldichein der Weltelite vor Schweizer Alpenkulisse

Wenn das beschauliche Davos zum Treffpunkt der Talente und Stars von morgen mutiert, die hier kammermusikalische Allianzen bilden und aufregende Programme erarbeiten, dann wird der ganze Ort zur Bühne: von der dörflichen Station der rätischen Bahn, deren Schalterhalle zum Miniaturkonzertsaal mutiert, bis zum historischen Hotel der Schatzalp, die durch Thomas Mann mit dem Nimbus der Weltliteratur umflort wurde. Zum Fixstern der Klassik und ihrer ganz großen Namen hat sich Luzern emporgespielt, wo sich im architektonisch und akustisch herausragenden, mit seinem enormen Dachvorsprung den Vierwaldstättersee gleichsam umarmenden Saal des Kultur- und Kongresszentrums einmal mehr etwas typisch Schweizerisches ereignet: die Versöhnung von Natur und Kultur.

Auf seinem 1 500 Meter hoch gelegenen Plateau spielt auch Verbier genau diese Karte voll aus: Der malerische Blick auf die Gletscher des Bergmassivs Grand Combin ist so spektakulär wie die Besetzungen. Ein kaum 3 000 Seelen zählendes Dorf im Wallis dient dem Stelldichein der Weltelite. In der kleinen, reichen, diskret höflichen, das Understatement pflegenden Schweiz scheinen sich die Intimität der musikalischen Wahrnehmung und das visionäre Denken in Metropolenformaten nicht auszuschließen, sondern direkt zu bedingen.

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Traditionsbewusst mit dem klaren Blick für Erneuerung

In den etablierten Institutionen von Orchestern und Opernhäusern setzt sich die Selbstverständlichkeit internationaler Spitzenqualität fort. Die Orchester in Zürich oder Genf gehören ebenso zu Europas besten wie die Opernhäuser. Und doch gibt es einen feinen Unterschied zu den Benchmarks in Paris oder Wien: Der schweizerische Tonfall hat den Nimbus des Spektakulären nicht nötig. Der Applaus ist herzlich, nicht hysterisch. Die Programme sind klug, nicht effekthascherisch. Die klassische Musik wird nicht als kulturelles Erbstück ausgestellt, sondern als lebendige Praxis behandelt – ernsthaft, aber nicht verkrampft, traditionsbewusst und mit dem klaren Blick für die Erneuerung. Die Avantgarde, wie sie zumal das Musikfestival Bern feiert, schreibt die Geschichte dieses Musiklandes viel- und feinstimmig fort. Dafür sorgen auch die exzellenten Musikhochschulen und vor allem auch die Musikschulen, in denen die künstlerische Breitenbildung von jüngsten Jahren an mit hohem Anspruch das kundige Publikum von morgen prägt.

Wie lebendig und neugierig hier Musik gehört und erfahren wird, zeigt sich nicht zuletzt in der schweiztypischen Klassikkultur des Apéro, der eben viel mehr als die notwendige Zwischenverpflegung in den Konzertpausen ist. Der Apéro fungiert als zentrales soziales Scharnier, das den elitären Rahmen der Hochkultur mit der ureigenen eidgenössischen Geselligkeit verbindet. Im gemeinsamen Anstoßen wird das klassische Konzert zu einem ganzheitlichen gesellschaftlichen Erlebnis – ob im idyllischen Bergdorf oder auf einem Zürcher Premierenempfang.

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