Wiedereröffnung nach Sanierung: Stadtcasino Basel

Platz, Licht, Farbe, Alphornklang

Nach vier Jahren Umbauzeit wird das Basler Konzerthaus Stadtcasino wieder neu eröffnet. Es könnte eine neue Ära im Musikleben der gesamten Region einläuten.

© Roman Weyeneth/Stadtcasino Basel

Stadtcasino Basel

Stadtcasino Basel

Die gute Stube für Konzerte in Basel, der Musiksaal im Stadtcasino, ist berühmt für ihre phänomenale Akustik. Der Saal rangiert auf Listen der zehn besten Konzertsäle weltweit. Wie das Concertgebouw in Amsterdam und der Wiener Musikvereinssaal ist er nach dem „Schuhschachtelprinzip“ gebaut: In Basel konkret mit einer Saallänge von 36 Metern, was die Summe von Breite (21 Meter) plus Höhe (15 Meter) ausmacht. Ebenfalls entscheidend für den Raumklang des 1876 im neobarocken Stil gebauten Stadtcasino-Saals ist die Ausschmückung mit Pilastern und Stuckornamenten, was für eine gleichmäßige Streuung des Klangs sorgt. Das Ergebnis: Transparenz und Klarheit verbunden mit klanglicher Wärme.

Aber einiges an Patina und eine gewisse Beengtheit in den Stuhlreihen trübten schon lange das Konzerterlebnis. Zudem führte das Fehlen einer Belüftungsanlage im Saal in den Sommermonaten regelmäßig zu Ohnmachtsfällen im Publikum und durchgeschwitzter Garderobe bei den Musikern. Jetzt jedoch strahlt alles in neuem Glanz. Nach vier Jahren Bauzeit unter Federführung des Basler Architekturbüros Herzog & de Meuron, nicht zuletzt berühmt für die Hamburger Elbphilharmonie, kann das Stadtcasino Basel wieder die Pforten öffnen. Der denkmalgeschützte Musiksaal wurde mit Bedacht und Feingefühl erneuert, die helle historische Farbgestaltung wieder aufgenommen, der Boden mit Eichenparkett erneuert.

© Roman Weyeneth/Stadtcasino Basel

Musiksaal im Stadtcasino Basel

Musiksaal im Stadtcasino Basel

Neue Flexibilität im Stadtcasino Basel

Hans-Georg Hofmann, Künstlerischer Direktor des Sinfonieorchesters Basel, das im Stadtcasino zu Hause ist, freut sich auf die moderne, automatisch verstellbare Bühne und die damit verbundene neue Flexibiliät: „Es gibt jetzt vier verschiedene Varianten, die schnell aufbaubar sind, von der XL- bis zur S-Größe.“ Mehr Beinfreiheit für das Publikum bietet sich durch die Neugestaltung der Stuhlreihen von vormals 1.512 auf jetzt 1.397 Plätze. Doch nicht nur atmosphärisch wirkt alles aufgelichtet. Was Hofmann vor allem schätzt: Endlich sind die jahrzehntelang zugebauten Fenster befreit und lassen Tageslicht in den Saal. Früher war die Abschottung nötig, weil Außengeräusche eindrangen. Vor allem das Quietschen und Rumpeln der Trams, schließlich ist der benachbarte Barfüsserplatz ein Verkehrsknotenpunkt mit acht sich kreuzenden Linien. Seitdem jedoch schon vor Jahren luftgefederte Technik im Schienenbetrieb eingesetzt wurde, gibt es sowieso keine Erschütterungen mehr im Saal. Zweckdienliche Verglasung tut ihr Übriges. Selbstverständlich wurde auch die schon lange Zeit fällige Belüftungsanlage eingebaut. Die neue Orgel auf dem historischen Projekt macht den Umbau des Saals perfekt. Ähnlich behutsam wurde der 400 Besucher fassende Hans Huber-Saal für Kammerkonzerte erneuert.

Die Künstler, die in Zukunft im Stadtcasino auftreten werden, dürften den großzügig gestalteten Backstagebereich und moderne Garderoben zu schätzen wissen. Nun ist endlich Platz. Wie auch im neugestalteten Foyer: Früher quetschte sich das Publikum durch enge Gänge, der geduckte Eingang am Steinenberg wirkte wie eine Hintertür. Jetzt gibt es ein zusätzliches Entrée mit urbaner Anmutung an der Ecke zur Barfüsserkirche. Überhaupt die Foyerbereiche und Treppenhäuser: Hier haben sich die Architekten kreativ ausgetobt und als Kontrast zur dezenten Erneuerung der Säle mit kräftigen Farben und sinnlichen Formen gespielt. In einer Art schwungvollem Neobarock 2.0 trifft sattes Bordeauxrot auf Graumetallic. Lüster mit raffinierten Lichtwirkungen setzen Glanzpunkte. Spektakulärer Blickfang im oberen Foyer ist ein exzentrisches weißes Rundsofa unter einem tief hängenden Kronleuchter, die zusammen eine regelrechte Raumskulptur ergeben. „Das Foyer soll ja nicht nur ein Begegnungszentrum für die Pausen und vor dem Konzert werden. Die Idee ist, dass man es auch für Veranstaltungen bespielen kann“, erläutert Hans-Georg Hofmann vom Sinfonieorchester Basel. Raum wurde gewonnen, indem man vor allem in die Tiefe ging und das historische Konzertsaalgebäude vom prosaischen Nachbartrakt, der zum Barfüsserplatz hin vorgelagert ist, baulich abgekoppelt wurde: Die Passage dazwischen wurde abgerissen und damit das Konzerthaus im Stadtbild als eigenständiges Gebäude aufgewertet.

© Roman Weyeneth/Stadtcasino Basel

Das Foyer im Stadtcasino Basel

Das Foyer im Stadtcasino Basel

Das Publikum kann beim Wiedereröffnungskonzert am 26. August den Musiksaal in neuem Glanz erleben, mit dem Sinfonieorchester Basel, seinem Chef Ivor Bolton und der Sopranistin Christina Landsamer. „Dabei wird mit dem neuen Werk Einkreisung von Helena Winkelman die Akustik des Saals von acht Alphörnern, die auf den Emporen und Seitengalerien platziert sind, klanglich ausgelotet. Die in Basel lebende Komponistin ist Composer in Residence des Orchesters während der Eröffnungssaison. Schweizer Musikschaffende unserer Zeit und Repertoire von Komponisten, die einen Bezug zu Basel hatten, etwa Johannes Brahms, bestimmen die Wiedereröffnungssaison des Sinfonieorchesters Basel. In Zeiten von Corona werden bei den Konzerten immerhin 900 Besucher eingelassen, Registrierungen, neun voneinander getrennte Sektoren auf den Plätzen und ein ausgeklügeltes Wegeleitsystem machen es möglich. Die Modernisierung des Stadtcasinos ist ein starkes Signal für die Zukunft, darin sind sie sich in Basel einig – und dies nicht nur für die Stadt: „Ich erhoffe mir, dass dieser Leuchtturm auch über die Grenzen im Dreiländereck strahlt“, erklärt Hans-Georg Hofmann.

Weitere Infos unter:

www.stadtcasino-basel.ch/de

www.sinfonieorchesterbasel.ch/de/

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