Mozart: Sinfonie Nr. 40 g-Moll KV 550

(Entstehungszeit 1788)

Ob diese Sinfonie zu Mozarts Lebzeiten aufgeführt wurde, ist unsicher; sicher ist, dass sie schon zehn Jahre nach Mozarts Tod sehr beliebt und für die Romantik „die Sinfonie der Sinfonien“ war. Was faszinierte die Romantik an dieser Sinfonie? Vielleicht: das Geheimnis ihrer Entstehung – ohne Anlass, ohne Auftrag, in persönlich und beruflich schwieriger Lage nur um ihrer selbst willen und für die Nachwelt geschrieben ... Sicher: Das Geheimnis ihres Wesens – allem äußeren Aufwand abhold (ohne Trompeten und Pauken), leidenschaftlich im Ausdruck und unentrinnbar in ihrem Schmerz gefangen (Kopf- und Finalsatz in düsterem g-Moll). Die Romantik projizierte ihre eigene Ichbezogenheit in ein klassisches Werk, das freilich in seiner thematischen Gereiztheit und harmonischen Hitze ihr sehr entgegenkam.

Das Hauptthema des ersten Satzes könnte als Text die Worte Cherubins tragen: Ich weiß nicht, wo ich bin, was ich tue – ein sehr sprechendes, vor Erregung bebendes Thema. Das Seitenthema wird zwischen Streichern und Bläsern hin und her gerissen, und glüht in chromatischer Harmonik. Die Durchführung entbindet starke dramatische und dynamische Kräfte, dabei dreht sich alles manisch um das Hauptthema, welches schier aufgerieben wird. In der Coda nimmt eine zuckende Sequenz Paminas Selbstmordszene vorweg, dann ruft ein resignativer Nachsatz nach biografischer Deutung.

Die pulsierende Bewegung im Andante verdichtet sich erst nach drei Takten zu einem Thema, dann glauben wir schon Tamino zu hören: Ich fühl es, ich fühl es. Das Thema passt in kein Schema und hat doch klassisches Ebenmaß: acht Takte, die ein ganzes Leben ausdrücken. Das zarte Seitenthema klingt wie der Nachruf auf eine Nachtigall. Dann fasst eine ominöse, dunkle Harmonienfolge kadenzierend den Satz zusammen.

Dem Menuetto ist nicht nach Tanzen zumute – der Ton ist schroff, der Rhythmus wirft den Tänzern Knüppel vor die Füße. Das Trio ist die einzige Episode in G-Dur – ein blasser, milchiger Schimmer fernen Lebens ...

Kopfsatz und Finalsatz trugen ursprünglich die gleiche Tempobezeichnung: Allegro assai, dann änderte Mozart den Kopfsatz in Allegro molto – vermutlich, um die Dummköpfe unter den Dirigenten daran zu hindern, beide Sätze gleich schnell nehmen zu wollen!

Das Finale ist drohend entschlossen! Mozarts schwarze Gedanken, die er sonst mit Gewalt zügeln musste, hier lässt er ihnen freien Lauf. Die Tutti sind lang und wild; es herrscht eine finstere Brillanz, denn selbst Zorn zu komponieren macht Spaß! Die Romantik empfand das zarte, empfindliche Seitenthema (besonders in der letzten g-Moll-Version) sicher als Liebesbrief; wir würden heute eher an einen Abschiedsbrief denken ...

Gut, dass die g-Moll-Sinfonie keine Autobiografie, sondern nur ein klassisches Werk ist! Keine romantischen Deutungen bitte – sie könnten wahr sein ...

(Mathias Husmann)

Werk der Woche – Mozart: Sinfonie Nr. 40 g-Moll KV 550

Mozarts finstere Brillanz

Nicht nur innerhalb der Trias von Mozarts letzten Sinfonien gehört… weiter