Nominiert zum „Publikum des Jahres 2020“: Dresdner Musikfestspiele

Alles andere als konservativ

Das Publikum der Dresdner Musikfestspiele zeigt sich erstaunlich offen gegenüber innovativen Konzertformaten – und hält dem Festival jedes Jahr die Treue.

© Oliver Killig

Dresdner Musikfestspiele

Dresdner Musikfestspiele

2019 besuchten noch knapp 60.000 Menschen die Veranstaltungen der Dresdner Musikfestspiele. Und 2020? In den Augen jener, für die das Glas halbleer ist, stürzte diese Zahl in den Keller, denn Konzerte, bei denen Publikum und Musiker in einem Raum sitzen, waren coronabedingt nicht mehr möglich. Doch diejenigen, die eher das halbvolle Glas sehen, interessiert sicher die Zahl 250.000. So viele Musikliebhaber schalteten sich nämlich beim 24-Stunden-Stream im Mai letzten Jahres hinzu. Gerade in Krisenzeiten sei es enorm wichtig, an Zuschauer und Künstler zu denken „und gemeinsam mit ihnen die Dresdner Musikfestspiele 2020 zumindest für 24 Stunden intensiv zu feiern“, erklärte Festspielintendant Jan Vogler vor dem kunterbunten Konzertmarathon, an dem unter anderem Jose Cura, Eric Clapton, Jamie Cullum und Martin Stadtfeld mitwirkten. Auch die anderen Konzertübertragungen, die in Kooperation mit der neuen Streaming-Plattform Dreamstage entstanden, erfreuten sich einer regen virtuellen Zuschauerbeteiligung, so dass die abgesagten 43. Dresdner Musikfestspiele doch noch stattfanden, wenn auch in neuer Form. Das Publikum dankte nicht nur mit Onlinekommentaren während der Veranstaltungen, sondern auch hernach mit zahllosen Emails und Briefen an die Veranstalter.

Dresdner Musikfestspiele für Alt und Jung

Treu, herzlich, großzügig: Diese Worte fallen Pressereferentin Nicole Czerwinka unvermittelt auf die Frage ein, was das Publikum der Dresdner Festspiele auszeichnet. Gerade im letzten Jahr haben sich zahlreiche Zuschauer als großzügig erwiesen, indem viele von ihnen auf eine Rückerstattung bereits gekaufter Tickets teilweise oder ganz verzichteten – Geld, das die Festspiele in ihre Educationprojekte investieren wollen. Und was die Treue des Publikums anbelangt: Da helfen die Festspiele kräftig nach, indem sie seit Jahren ihrem quer durch Deutschland verteilten Stammpublikum ein ausgefeiltes Kunden- und Bonusprogramm über die Festspiele hinaus anbietet.

Durch ihre besondere Veranstaltungsstruktur locken die Festspiele zudem auch jüngeres Publikum an. Die Offenheit gegenüber innovativen Konzertformaten hat inzwischen eine feste Tradition, auch werden oft Jazz- und Popkünstler eingeladen, und dies nicht nur für Crossover-Formate, sondern auch für reine Jazz- bzw. Popveranstaltungen. Die Neugier der Besucher auch für Veranstaltungen jenseits der klassischen Musik zeigt, dass das Dresdner Publikum vielleicht doch nicht so konservativ ist, wie man es ihm gerne nachsagt. In jedem Fall sei es sehr begeisterungsfähig, erklärt Czerwinka. Und fügt hinzu: „Die Dresdner wissen eben sehr genau, was Qualität hat.“ Möge das Publikum dies zwischen dem 14. Mai und dem 12. Juni erneut unter Beweis stellen können, wenn die 44. Ausgabe der Dresdner Musikfestspiele unter dem Motto „Dialoge“ stattfindet.

Dresdner Musikfestspiele

Dresdner Musikfestspiele

24. Mai bis 12. Juni 2021

Die Dresdner Musikfestspiele finden seit 1978 jählich zwischen Mitte Mai und Mitte Juni statt. Seit 2009 ist der Cellist Jan Vogler Intendant der Dresdner Musikfestspiele. Das Motto der Musikfestspiele 2021 lautet: „Dialoge“. weiter

Auch interessant

Opern-Kritik: Semperoper Dresden – La Cenerentola

Kleine Geschenke mit Hintersinn

(6.11.2021) Damiano Michieltetto erzählt Rossinis Aschenputtel-Märchen geschickt als Geschichte der Gegenwart, nach den dunklen Abgründen in der Komödie sucht er nicht. Mezzo-Jungstar Emily D’Angelo gibt eine modern selbstbewusste Titelfigur. weiter

Porträt Katharina Bäuml

Wiederentdeckung einer Urgroßmutter

Die Oboistin Katharina Bäuml ist mit ihrer „Capella de la Torre“ das Residenzensemble beim Heinrich Schütz Musikfest. weiter

Oper-Kritik: Semperoper Dresden – Norma

Belcanto aus dem Regie-Kühlschrank

(2.10.2021) Peter Konwitschny zeigt auch bei Bellini mit dialektischem Nachdruck allerhand menschliche Desaster, er erweist sich dabei indes immun gegen das sinnliche Fluidum des italienischen Repertoires. weiter

Kommentare sind geschlossen.