Salzburgerr Festspiele 2020

Salzburger Festspiele trotzen Corona

Ein Projekt gegen die Krise waren die Salzburger Festspiele bereits zu ihrer Gründung vor 100 Jahren. Mit zwei ihrer Festivalheiligen feiern sie nun das Jubiläum: Opern von Mozart und Strauss stehen ab 1. August für einen Monat auf dem Covid-19-konformen Programm.

© Luigi Caputo

Aussicht auf Salzburg vom Festspielhaus

Aussicht auf Salzburg vom Festspielhaus

Die Schützengräben waren noch nicht zugeschüttet, die Wunden der Überlebenden noch lange nicht verheilt. Europa lag in Trümmern, die Katastrophe des Ersten Weltkriegs war als Erschütterung all jener als ewig angenommener Gewissheiten ein historischer Wendepunkt, nach dem nichts mehr so war wie je zuvor. Da sorgte just die Geburt eines Festivals für ein Hoffnungszeichen. Die Renaissance der Kultur als geistigen Lebensmittels sollte den Menschen Sinn stiften und jenem Land, das einst über halb Europa geherrscht hatte, neue Bedeutung verleihen. Hundert Jahre ist diese Geburt der Salzburger Festspiele nun her. Und man denkt unweigerlich an die Gegenwart, in der ein weltweites Virus scheinbar alles verändert und infrage stellt, aber man zögert auch und zuckt zusammen angesichts des Vergleichs des Nicht-Vergleichbaren.

Doch der Mut, den Intendant Markus Hinterhäuser gemeinsam mit Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler und dem gesamten Team derzeit aufbringen, um den Jubiläumsjahrgang 2020 Covid-19-konform durchzusetzen, ist durchaus historisch zu nennen, und er lässt eben doch an jene Auferstehung aus Ruinen denken, die den Gründungsvätern vor hundert Jahren gelang – nach einigen deutlichen Auseinandersetzungen über die eher österreichisch-nationale oder doch vielmehr europäisch-internationale Ausrichtung, über kulturpolitischen Zweck und touristisch-wirtschaftliche Ziele, auch über das Zusammenspiel von Oper (die es zunächst gar nicht zu hören gab!) und Schauspiel (das der lebenden Theaterlegende Max Reinhardt naturgemäß am Herzen lag). Dass mit den Salzburger Festspielen das heute weltweit bedeutendste, die Sparten transzendierende Festival der Klassik existieren würde, war anno 1920 kaum vorherzusehen.

Von der Dialektik des „kosmopolitischen Nationalismus“ und des „Mythos Mozart“

© SF/Luigi Caputo

Künstlerplakate für die Jubiläumsserie der Salzburger Festspiele

Künstlerplakate für die Jubiläumsserie der Salzburger Festspiele

Es ehrt die aktuellen Macher der Salzburger Festspiele, dass sie all die Ambivalenzen dieser bewegten Geschichte des Festivals benennen und nicht in unreflektierter Feierlaune zukleistern. Helga Rabl-Stadler betont, dass die Salzburger Festspiele zu ihrer Gründung ebenso sehr ein „Projekt gegen die Krise“ gewesen seien wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Welchen Willen des Überlebens den Geist der Festspiele von jeher beflügelt, wurde schließlich dadurch spürbar, dass nur drei Monate nach Kriegsende dank der Unterstützung der amerikanischen Besatzer eine Wiederauflage des Festivals möglich wurde.

Nicht zuletzt die soeben eröffnete Landesausstellung „Großes Welttheater – 100 Jahre Salzburger Festspiele“ und die fundierten Essays des begleitenden Katalogs lassen sehr wohl auch die Widersprüche anklingen, etwa jene der frühzeitigen Rehabilitierung mehr oder weniger durch den Nationalsozialismus belasteter Dirigenten oder die ideologische Zerrissenheit der Festspielgründer im Sinne jenes durchweg dialektischen „kosmopolitischen Nationalismus“, der den Vielvölkerstaat Österreich über Jahrhunderte geprägt und ausgezeichnet hatte. Auch der Mythos Mozart, der in der keineswegs unproblematischen Kommerzialisierung des Musensohns in der katholischen Kleinstadt im deutsch-österreichischen Grenzgebiet gepflegt wird, wird reflektiert.

Restauration und Repräsentation versus Aufbruch und Moderne

Der ästhetische Aufbruch der Festspiele, der heute im Besonderen mit der Intendanz Gerard Mortiers verbunden wird und den konservativen Verkrustungen der Karajan-Ära geradezu folgen musste, war der DNA des Kulturereignisses durchaus nicht immer eingeschrieben. Restauration und Repräsentation statt Aufbruch und Moderne, wie sie die europäischen Metropolen zu Gründungszeiten der Festspiele auszeichneten, waren im barock-beschaulichen Salzburg durchaus zentraler Teil des eigenen Selbstverständnisses. Wenn im an die Pandemie angepassten Opernalternativprogramm ab 1. August just zwei der absoluten Festivalheiligen gehuldigt wird, spiegeln sich die beiden Seiten der Festspiele darin nunmehr höchst harmonisch.

„Così fan tutte“ und „Elektra“ zieren das Opernprogramm

© SF/Monika Rittershaus

Mozarts „Cosí fan tutte“ mit Andrè Schuen (Guglielmo), Marianne Crebassa (Dorabella), Elsa Dreisig (Fiordiligi) und Bogdan Volkov (Ferrando) bei den Salzburger Festspielen 2020

Mozarts „Cosí fan tutte“ mit Andrè Schuen (Guglielmo), Marianne Crebassa (Dorabella), Elsa Dreisig (Fiordiligi) und Bogdan Volkov (Ferrando) bei den Salzburger Festspielen 2020

Den Mythos Mozart macht Meisterregisseur Christof Loy in seiner auf gut zwei pausenlose Stunden gekürzten Version von dessen „Così fan tutte“ lebendig. Als erste Dirigentin in der Festspielgeschichte wird Joana Mallwitz die Neuinszenierung leiten. Dem musikalischen Gründungsvater Richard Strauss, seinerzeit einer der krassesten Neutöner, ist die andere Premiere gewidmet. Der immer noch als wild geltende polnische Schauspiel- und Opernregisseur Krzysztof Warlikowski wird den freudianisch aufgeladenen, blutrünstigen Schocker in Szene setzen, der österreichisch gediegene Maestro von Weltgeltung Franz Welser-Möst steht am Pult der Wiener Philharmoniker.

„Salzburg live“ gibt’s auch für kleines Geld: Kinoübertragungen und Jugendkarten schaffen Zugänglichkeit

Nicht nur die grundsätzlich gute Nachricht des „Wir spielen“ und des „Wir feiern 100 Jahre Salzburger Festspiele“ ist freilich hier zu vermelden. Denn auch die Zugänglichkeit zu dem als allzu exklusiv verschrienen Großereignis der Hochkultur ist heuer spürbar niedriger als sonst. Kurz vor der Eröffnung am 1. August gibt es noch Karten im Vorverkauf, für Jugendliche bis 27 Jahren sogar zu stark vergünstigten Preisen. Und wer sich in Coronazeiten dennoch nicht spontan zu einer Reise an die Salzach entscheiden mag, hat die Chance, die Eröffnungspremieren für kleines Geld live im Kino zu verfolgen. Am 1. August wird nacheinander sowohl die „Elektra“ aus der Felsenreitschule als auch der traditionelle „Jedermann“ vom Domplatz über den Äther in ausgewählte deutsche Kinos übertragen.

Kinokarten über:

www.salzburgimkino.de

Das Festspielprogramm über:

www.salzburgerfestspiele.at

Jugendkarten über

https://ticketgretchen.app.link/festspiele_U27

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