Blickwinkel: Bernhard Heß

„Es war ein langer Weg“

Bernhard Heß ist seit fünfzehn Jahren Manager des RIAS Kammerchor in Berlin. Im winterlichen Shutdown entstand unter erschwerten Bedingungen eine Aufnahme mit Werken des Jubilars Michael Praetorius (1572-1621) und seinen Zeitgenossen. Welche Hürden erfolgreich genommen wurden, erzählt er im Blickwinkel-Interview.

© Matthias Heyde

Bernhard Heß

Bernhard Heß

Was war die größte Überraschung in dem Prozess, unter Corona-Bedingungen eine Aufnahme mit einem Chor zu produzieren?

Bernhard Heß: Die größte Überraschung war, dass das Projekt überhaupt stattfinden konnte. Es sind sehr, sehr schwierige Zeiten. Eine längerfristige Planung ist völlig unmöglich. 

Für einen Chor ist es ja besonders gefährlich zu musizieren.

Heß: Sängerinnen und Sänger sind die schlimmen Aerosol-Streuer, Chorproben gelten als Superspreader-Events. Wenn wir musizieren wollen, müssen bestimmte Rahmenbedingungen gegeben sein. Normalerweise nehmen wir in der berühmten Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem auf. Weil es dort keine maschinelle Lüftungsanlage gibt, ist das zur Zeit nicht möglich. Kurze Probenintervalle von fünfzehn bis dreißig Minuten hätten durch lange Lüftungspausen unterbrochen werden müssen. Das kam nicht in Frage. Die größte Hürde war es, einen Raum zu finden. 

Was braucht ein Raum, um den Anforderungen eines Corona-konformen Singens zu erfüllen?  

Heß: Wir brauchen Räume, die maschinell klimatisiert sind, also die verbrauchte Luft absaugen und ausreichend Frischluft zuführen. Die Räume müssen zudem groß genug sein, damit der notwendige Abstand von zwei Metern der Sängerinnen und Sänger untereinander eingehalten werden kann. Die Akustik muss passen. So einen Raum zu finden war kein leichtes Unterfangen, denn auch andere Chöre – ob Profi- oder Laienchor – suchen ihn. Gefunden haben wir ihn außerhalb der Stadtmauern in Neuenhagen in Brandenburg. Die musikaffine Leiterin des dortigen Kulturhauses hat uns die Türen geöffnet. Das war ein Segen, so konnten wir uns in Ruhe mit der Musik und allen anderen Dingen befassen: Hygiene, Abstandsregeln, Gefahrenbeurteilung… 

Hat sich dort ein Gefühl der Sicherheit eingestellt?

Heß: Die Klimaanlage wurde während der Aufnahme zur Geräuschreduzierung heruntergefahren, aber nicht ganz ausgeschaltet, so dass wir bis zu sechs Mal pro Stunde einen kompletten Luftaustausch hatten. Das war eine wichtige Voraussetzung, um sicher arbeiten zu können. Darüber hinaus hat uns einer Hersteller von Schnelltests mit kostenlosen Tests versorgt, um alle Beteiligten regelmäßig testen zu können. Das hat der angstfreien Atmosphäre sehr gut getan. Der Lockdown stand im November ja schon vor der Tür, die Zahlen waren hoch. 

Wie beeinflusst die Abstandsregelung die Arbeit im Chor?

Heß: Wir mussten uns daran gewöhnen. Im Idealfall ist ein Chor ein Zusammenschluss von vielen Stimmen, die zu einem Instrument werden. Zusammenstehen, den Nachbarn und dessen Nachbarn hören: Das kann es zur Zeit nicht geben. Mittlerweile haben sich unsere Sänger auf dieses Szenario eingestellt, aber es war ein langer Weg. Es ist auch nicht normal. Außerdem funktioniert es bei dem einen Repertoire gut und beim anderen gar nicht. Daher arbeiten wir an Strategien, durch Test-Monitoring die Abstände doch wieder reduzieren zu können. 

© Matthias Heyde

RIAS Kammerchor

RIAS Kammerchor

Auf welches Repertoire müssen wir denn gerade verzichten?

Heß: Schwierig sind Werke mit filigranen Partituren, die sehr virtuos gesetzt sind, mit Koloraturen und komplizierten Tonfolgen. Mit so großen Abständen ist die erforderliche Präzision in dem Maß nicht möglich. 

Und wie verhält es sich mit Michael Praetorius und dem Frühbarock?

Heß: Mit Praetorius war es auch nicht einfach, aber wir haben das hinbekommen, weil das Bürgerhaus Neuenhagen eine relative trockene Akustik hat. Es verschwindet wenig im Nachhall, das macht das Hören einfacher als in der Kirche. Es ist vor allem der unglaublichen Konzentrationsleistung des Chores und der Cappella de la Torre zu danken, dass diese CD im Februar erscheinen konnte.  

Wie haben die Umstände das Ergebnis der Produktion beeinflusst?

Heß: Wenn man dieser Situation etwas Positives abgewinnen möchte, dann den Umstand, dass man lernt, auch mit größeren Abständen aufeinander zu hören. Das wollen wir nicht so beibehalten, aber es hat sicher nicht nur geschadet. Es schult auch. 

Was kann man auf der CD hören?

Heß: Eine schöne Mischung aus italienischem und deutschem Frühbarock. Praetorius war ja nicht nur Komponist, sondern auch der wichtigste Musiktheoretiker seiner Zeit, der auch über nationale Stile wie dem englischen, französischen oder italienischen reflektiert hat, ohne je in einem der entsprechenden Länder gewesen zu sein. Insbesondere die italienische Musik hatte es ihm sehr angetan. Wir haben seine Musik der seiner italienischen Zeitgenossen gegenübergestellt, um zu zeigen, wer wen und in welcher Form bereichert hat. Passend zum 400. Todestag ist eine abwechslungsreiche Hommage an ihn und seine Zeit entstanden. Uns hat es riesig Spaß gemacht. Wir hoffen, dass wir die geplanten Konzerte im Sommer mit diesem Programm auch umsetzen können. Die Musik hat es allemal verdient.

CD-Tipp

Praetorius & Italy

Werke von Praetorius, Monteverdi, Banchieri, Viadana u. a.

RIAS Kammerchor, Capella de la Torre, Florian Helgath (Leitung)
deutsche harmonia mundi

Termine

Donnerstag, 23.12.2021 20:00 Uhr Konzerthaus Berlin

Akademie für Alte Musik Berlin, RIAS Kammerchor, Justin Doyle

J. S. Bach: Weihnachts-Oratorium BWV 248 (Teile I-III)

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