Blickwinkel: Julia Stoschek

„Jeder, der neugierig ist, wird auch belohnt“

Julia Stoschek über das Sammeln und Ausstellen von Medienkunst in Coronazeiten, unnötige Schwellenängste und ihre ungebrochene Liebe zur Oper.

© Peter Rigaud

Julia Stoschek

Julia Stoschek

Frau Stoschek, dass Sie aus einem Unternehmerhaushalt stammen, ist bekannt. Sie haben aber auch musikalische Wurzeln.

Julia Stoschek: Richtig, mein Großvater war der erste Intendant am Landestheater Coburg nach dem Zweiten Weltkrieg, meine Großmutter war Schauspielerin. Manchmal überspringt das „Kreativ-Gen“ ja auch eine Generation, sagt man.

Wurden Sie in einem musikalischen Haushalt groß?

Stoschek: Absolut! Als Kind und besonders als Teenager fand ich es manchmal anstrengend, wenn bei uns Tag und Nacht klassische Musik lief, und zwar in jedem Raum und bei jeder Autofahrt. Meist waren es die großen italienischen Opern, also Verdi, Puccini, Bellini… Heute bin ich ein großer Opernfan und sehr glücklich darüber, dass ich so früh mit dieser Musik in Berührung gekommen bin. Salzburg soll in diesem Jahr stattfinden, Bayreuth ebenso – einfach großartig!

Sie lieben Wagner?

Stoschek: Absolut! Mein schönster Abend in Bayreuth war, als Christoph Schlingensief den „Parsifal“ das erste Mal inszeniert hat. Christoph Schlingensief und mich hat über viele Jahre hinweg eine sehr enge Freundschaft verbunden, vor allem während seiner Bayreuth-Zeit. Da habe ich ihn sehr oft auf Proben begleitet, auch zur Premiere im ersten Jahr und in den Folgejahren war ich dabei. Ich bin Christoph Schlingensief sogar nach Manaus in den Urwald nachgeflogen, als er dort den „Fliegenden Holländer“ aufgeführt hat.

Sie bewegen sich aber auch gerne fernab der Klassik auf den Pfaden der elektronischen Musik.

Stoschek: Ich lasse gerne mal ein paar Epochen aus – sowohl in der Musik also auch in der Kunst, wo meine Leidenschaft einerseits den alten Meistern und dann eben der Medienkunst gehört.

Letztere haben Sie sich zur Lebensaufgabe gemacht: Sie kaufen Medienkunst und stellen sie in Ihren Ausstellungshäusern in Berlin und Düsseldorf aus. Derzeit arbeiten Sie daran, sämtliche Werke Ihrer Sammlung online verfügbar zu machen, haben aber gleichzeitig mehrfach betont, dass digitale Formate die Ausstellungen in öffentlichen Räumen nicht ersetzen können. Warum nicht?

Stoschek: Kunst ist ein Kompass, ist Inspiration, bietet Zuversicht und unterstützt nicht zuletzt die Demokratiefähigkeit. Museen und Ausstellungshäuser sind geschützte Orte zur Reflexion und für den Diskurs. Ich verstehe auch unsere Ausstellungshäuser in Düsseldorf und Berlin als Orte der Bildung. Daher bin ich eine große Verfechterin davon, dass unter Einhaltung aller Hygienemaßnahmen und Regeln die Museen endlich wieder öffnen können – nicht obwohl, sondern gerade weil wir diese Corona-Krise haben: In solchen Zeiten kann Kunst eine emotionale Stärkung sein und eine perspektivische Hilfestellung in unserem so komplexen Alltag geben.

© Simon Vogel

Installationsansicht „GENERATION LOSS“ der JSC Düsseldorf

Installationsansicht „GENERATION LOSS“ der JSC Düsseldorf

Was ist dann Ihr Antrieb, Ihre Sammlung zu digitalisieren?

Stoschek: Ich sehe das als Ergänzung. Man kann sich am Laptop informieren und vorbilden, sich bis zu einem bestimmten Grad mit einer Arbeit auch auseinandersetzen – und danach die entsprechenden Kunstwerke nochmal installiert erleben auf mehreren Screens, mit speziellem Soundsystem und eingebettet in einem entsprechenden Environment. Die ursprüngliche Idee der Medienkunst war ja, dass sie für alle zugänglich ist. Insofern ist sie, wenn man so will, die demokratischste Kunstform überhaupt.

Was genau verstehen Sie unter einer demokratischen Kunstform?

Stoschek: Das ist ein bisschen wie in der Musik: Bei einer Oper würde ja auch keiner beanspruchen, dass sie nur ihm gehöre.

Wobei man gerade die Oper allzu gerne als elitär etikettiert, was den demokratischen Gedanken konterkariert…

Stoschek: Warum wird sie als elitär bezeichnet? Weil sei so anspruchsvoll ist? Jeder kann doch Opern genießen, wenn er sie erleben möchte, ob auf digitalem Weg oder vor Ort in einem Opernhaus!

Trotzdem vernimmt man oft gerade unter sporadischen Operngängern, dass man eine Opernaufführung beispielsweise „nicht verstanden“ hätte.

Stoschek: Ja, hoffentlich! Ich selbst freue mich, wenn Menschen zu mir ins Ausstellungshaus kommen und gleich von sich aus sagen, sie hätten überhaupt keine Ahnung von Medienkunst. Das ist doch wunderbar, dann kann ich gleich mit der Vermittlung beginnen und versuchen, Menschen für etwas zu begeistern, das sie noch nicht kennen. Klar, den ersten Schritt kann man niemandem abnehmen. Aber jeder, der neugierig ist, wird auch belohnt, ob im Museum oder im Konzerthaus.

In einem Gastbeitrag in der Wirtschaftswoche regen Sie an, verwaiste Geschäfte für Kunst und Kultur zu öffnen.

Stoschek: Ich sehe einfach unglaublich viel Leerstand, wenn ich durch Berlin laufe! Das sind immense, teils denkmalgeschützte Flächen. Das ist natürlich eine Entwicklung, die schon vor Corona begann, aber die Pandemie wirkt da noch einmal wie ein Brandbeschleuniger und lässt die Innenstädte veröden. Auf der anderen Seite kenne ich sehr viele Künstler, die Räume und Ateliers suchen – auch wir suchen Ausstellungsräume. Selbst wenn solche Öffnungen für die Kultur nur interimsmäßig für zwei, drei Jahre funktionieren würden, wäre es meiner Meinung nach schon wert, dass Verantwortliche der Stadtplanung vermehrt in diese Richtung denken. Und wer weiß denn, ob die Shopping Malls überhaupt wieder belebt werden können? Bis man darauf eine Antwort gefunden hat, könnte man sie ja mit Kunst besetzen.

Wie planen Sie selbst die Zeit nach der Coronakrise, so es überhaupt ein eindeutiges „Danach“ geben wird?

Stoschek: Ehrlich gesagt hat sich bei mir und meinem Team fast nichts verändert. Im letzten Jahr habe ich sogar die meisten Ankäufe getätigt seit ich aktiv Kunst sammle, auch um auf diesem Weg Künstler und Galerien zu unterstützen. Außerdem haben wir in der Coronazeit drei Ausstellungen fertiggestellt. Es war mir ein großes Anliegen, weiterzuarbeiten. Ich hoffe sehr, dass wir sie bald vielen Menschen zeigen können.

Wie hat sich eigentlich Ihr eigener Kunst-„Konsum“ im letzten Jahr gestaltet?

Stoschek: Ich habe mir sehr viel online angesehen. Die Reisen zu Festivals und Messen fallen bis heute komplett aus. Das fehlt mir schon. Auf der anderen Seite gab es aber auch einfach zu viel – zu viele Messen, zu viele Biennalen, Ausstellungseröffnungen… Man muss nicht unbedingt für ein Opening nach New York fliegen, auch wenn mir der persönliche Kontakt schon etwas fehlt.

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