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Blickwinkel: Dagmar Schlingmann – Intendantin des Staatstheaters Braunschweig

„Alle sitzen im selben Boot“

Mit Georg Friedrich Haas’ Komposition „Koma“ setzt man am Staatstheater Braunschweig auf ein Werk zwischen Kanon und Avantgarde. Intendantin Dagmar Schlingmann über ihren aktuellen Inszenierungsansatz.

vonPatrick Erb,

Sie haben sich für „Koma“ entschieden. Welche Besonderheiten besitzt dieses Werk und wie darf man sich die Musik vorstellen?

Dagmar Schlingmann: Ich habe Georg Friedrich Haas und seine Musik schon durch ein früheres Projekt kennengelernt. Zu meiner Zeit am Saarländischen Staatstheater hatten wir im Rahmen einer Koproduktion mit den Wiener Festwochen 2015 „Bluthaus“ präsentiert – die Musik und die Klangwelt aus Sprech- und Singstimmen hat mich schon damals unheimlich fasziniert. Da ich keine Musikwissenschaftlerin bin, kann ich diese nur subjektiv beschreiben, aber es ist eine betörende Musik, die einen regelrecht in den Bann zieht. Im Fall von „Koma“ heißt das nicht ausschließlich fordernd oder bedrückend, wie es der Stoff vermuten lässt, sondern auch besänftigend und entspannend. Es gibt da starke Kontraste.

Und auf die Inszenierung selbst bezogen: Worin besteht der Reiz am Werk?

Schlingmann: Ein Teil des Werks wird, wie es von Haas und Händl Klaus gewünscht ist, im Dunklen gespielt. Darüber hinaus nimmt das Publikum große Teile des Geschehens nur schemenhaft wahr. In vielen Abschnitten herrscht dagegen vollständige Finsternis. Ein anderer Teil wird im Tageslicht gespielt. So entsteht ein Lichtkonzept, das im Einklang mit der Musik die Handlung begleitet. Durch das kontrastreiche Spiel aus Hell und Dunkel kommt man dem Zustand des Wachkomas, den die Protagonistin durchlebt, ästhetisch erheblich näher, denn die Zuschauer:innen können die Wahrnehmungszustände der Figuren dank dieser immersiven Ebene des Stücks besser nachfühlen.

Welche Rolle spielen Bühnenbild und Inszenierung im Dunkeln, welche im Hellen?

Schlingmann: Zwar ist es Michaela, die im Koma liegt, doch auch die Familie und das Pflegepersonal leiden unter dem Eindruck der Ohnmacht. Sie wollen der Erkrankten helfen, können es aber nicht. In der Handlung gibt es darüber hinaus Rückblenden in Situationen aus der Kindheit und auch aus dem späteren Leben, die teilweise einen traumatischen Hintergrund vermuten lassen. Diese Szenen finden weitestgehend im Tageslicht statt. Für all diese Zustände, ob Tag oder Nacht, ob Koma oder Reminiszenz, habe ich mit verschiedenen szenischen Bildern nach einer adäquaten Umsetzung gesucht.

Darüber hinaus werden die Zuschauer nicht im Auditorium, sondern auf der Bühne Platz nehmen. Welche Wirkung möchten Sie dadurch erzielen?

Schlingmann: Ich erwarte mir dadurch ein noch höheres Maß an Intensität. Das Publikum selbst wird zur Protagonistin, Haas hat in der Partitur vermerkt, dass die Sängerin der Michaela nicht sichtbar ist und von einer Position hinter dem Publikum aus singt. Das haben wir umgesetzt. Obwohl die Zuschauenden nicht aktiv mitspielen müssen, sind sie doch mitten im Geschehen. Alle sind im gleichen Raum: Zuschauende, Darstellende und das Orchester erleben den Zustand einer kollektiven Ohnmacht, alle sitzen im selben Boot. Ich bin gespannt, wie diese Eindrücke aufgenommen werden.

Es gibt eine Schwetzinger Urfassung von 2016 und eine revidierte Fassung von 2019. Für welche der beiden haben Sie sich entschieden?

Schlingmann: Am Staatstheater Braunschweig haben wir uns für die Schwetzinger Fassung entschieden. Ein wesentlicher Unterschied dieser beiden ist, dass die ursprüngliche Version über Gesangs- und Sprechrollen verfügt, die revidierte Fassung nur noch für Sängerinnen und Sänger konzipiert ist, ohne Schauspielende. Da ich ursprünglich vom Schauspiel komme, fand ich die Synthese der beiden Welten, Theater und Oper, sehr reizvoll. Ich finde, dass gerade die Sprechrollen einen Aspekt der Konkretisierung mit in das Projekt geben und gleichzeitig die stilistischen Feinheiten des Librettos von Händl Klaus verdeutlichen. Der gesprochene Text ist wie ein realistischer Faden, der durch das Werk führt.

Sehen Sie am Staatstheater Braunschweig Potenzial für spartenübergreifende Projekte?

Schlingmann: Das ist auf jeden Fall ein Vorteil der Mehrspartenhäuser. In Braunschweig machen wir das regelmäßig, und bei den verschiedenen Ressortleitungen von Musiktheater, Schauspiel und Tanz besteht großes Interesse an einer Zusammenarbeit. In der letzten Spielzeit hatten wir uns mit Wagners Ring-Zyklus ein sehr großes Projekt vorgenommen, mit dem wir unseren Ressourcenreichtum dem Publikum zugänglich gemacht haben – ein absolutes Ausnahmeprojekt. Aber auch in dieser Spielzeit haben wir mit „Körperfestung/Herzog Blaubarts Burg“ nach Béla Bartók ein Opern- und Tanzprojekt geplant. Auch ein Klassiker wie Carl Orffs „Carmina Burana“ ist in unserer Version mit Tanz stark nachgefragt. Allerdings überreizen wir diese Zusammenarbeit nicht und die einzelnen Sparten entfalten auch das spezifisch Eigene.

Mit „Koma“ inszenieren Sie ein vergleichsweise populäres Werk, das man als Klassiker der Avantgarde bezeichnen könnte. Wie stellt sich das Staatstheater Braunschweig in Bezug auf die Werkauswahl generell auf?

Schlingmann: Tatsächlich legen wir Wert auf eine Kombination aus populären Klassikern, Unterhaltungsstücken und zeitgenössischem Theater. Zu den bekannten und beliebten Repertoirestücken kommen unbekannte, wiederentdeckte Werke und regelmäßig auch zeitgenössisches Musiktheater. Hier haben wir in den letzten Jahren Stücke von Reimann, Eötvös, Ronchetti und anderen präsentiert. Der Fokus liegt dabei weniger auf Uraufführungen, sondern auf dem Aufbau eines modernen Repertoires. Wir spielen gerne die interessanten Stücke nach. Und diese Kombination kommt gut an, gerade beim Stammpublikum. Nur andere Zuschauerkreise, etwa jüngeres Publikum und Gelegenheitsgänger:innen, müssen wir noch mehr für moderne Stücke begeistern und mobilisieren. Hier funktioniert wiederum unser Open Air-Format am Burgplatz sehr gut.





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