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Blickwinkel: Susanne Bernhard zum Weltfrauentag

„Ich finde es schade, dass wir den Weltfrauentag brauchen“

In der Elbphilharmonie übernimmt Susanne Bernhard den Sopranpart in Liszts Oratorium „Die Legende von der Heiligen Elisabeth“. Ein Anlass, um über den Umgang mit antiquierten Rollenbildern und Gleichstellung in der Klassik zu sprechen.

vonBenjamin Elsholz,

Im 13. Jahrhundert wurde die aus Ungarn stammende Elisabeth von Thüringen für ihre Mildtätigkeit heiliggesprochen. Franz Liszt war so fasziniert von ihrem Schicksal, dass er ihr ein episches Oratorium widmete. Am 8. März, dem Weltfrauentag, wird es in der Elbphilharmonie mit dem Carl-Philipp-Emmanuel-Bach-Chor unter der Leitung von Hansjörg Albrecht aufgeführt.

Sie singen die Rolle der Heiligen Elisabeth in Liszts Oratorium nicht zum ersten Mal. Was reizt Sie daran?

Susanne Bernhard: Ich mag die unglaublich schönen, weit gespannten Melodiebögen und vielen Farben darin. Natürlich finde ich auch die Geschichte interessant, aber vor allen Dingen gefällt mir die Mischung aus Oratorium und groß angelegter Sinfonik mit Wagner-Anteilen. Es ist so wunderbar dramatisch.

Wie wird Elisabeth als Frau im Libretto gezeichnet?

Bernhard: Elisabeth ist sehr fremdbestimmt, wird früh an einen älteren Mann verheiratet, und dieses Schicksal wird romantisch verklärt. Sie freut sich darauf, von ihrer Heimat wegzukommen und ihrer Aufgabe und Bestimmung als Gattin zugeführt zu werden. Das ist natürlich etwas, was sich für uns in der heutigen Zeit absolut seltsam liest und was in mir wirklich beklemmende Gefühle auslöst.

Wie gehen Sie als Sängerin damit um? Haben Sie Spielraum für eine zeitgemäßere Interpretation?

Bernhard: Den Stoff kann man nicht in die heutige Zeit umsetzen. Man muss das Oratorium vielmehr als zeitgeschichtliches Dokument des 19. Jahrhunderts betrachten. Und als solches hat es eine Daseinsberechtigung. Wir müssen versuchen, die Geschichte präsent zu halten, um daraus für die Gegenwart und die Zukunft zu lernen. Man sollte das Oratorium zum Anstoß nehmen, über unsere heutige Gesellschaft nachzudenken. Aber es wäre natürlich schade, wenn man in dem Stück nur antiquierte Rollenbilder sehen würde. Darum geht es ja gar nicht so sehr.

Sondern?

Bernhard: Es wird vielmehr eine humanitäre Botschaft kommuniziert. Elisabeth ist vielleicht kein Vorbild als Frau, aber mit ihrer christlichen Nächstenliebe definitiv als Mensch. Sie sieht das Leid und handelt mit großer Hilfsbereitschaft und Hingabe. In dieser Hinsicht finde ich die Geschichte inspirierend – sich vom Ego und den eigenen Wünschen zu distanzieren und sich in den Dienst einer Sache zu stellen.

Die Aufführung in Hamburg findet am Weltfrauentag statt. Ein notwendiger Tag?

Bernhard: Sagen wir so: Ich finde es schade, dass wir den Weltfrauentag brauchen. Wenn man die Statistiken liest, dass die häusliche Gewalt und die Straftaten an Frauen und Mädchen zunehmen, weltweit sowieso, aber auch bei uns, dann muss ich diese Frage natürlich mit Ja beantworten.

Aber Sie wünschen sich etwas anderes?

Bernhard: Ich bin etwas unglücklich mit der Gleichstellungsdebatte, wie sie geführt wird. Ich wünsche mir stattdessen, dass wir alle uns im Alltag einander mit Wertschätzung begegnen, die Geschlechter nicht so voneinander trennen und das andere Geschlecht nicht immer als etwas Bedrohliches sehen, sondern als etwas Bereicherndes. Wir sind unterschiedlich, aber im besten Fall ergänzen wir uns. Schön wäre, wenn wir den Frauentag irgendwann nicht mehr bräuchten – und auch keine Quoten mehr. Der Beste sollte das Rennen machen. Obwohl es viele großartige Männer gibt, gibt es leider auch solche, die in Schlüsselpositionen sind und dort ihre Macht missbrauchen. Darunter leiden meistens Frauen. Solange das so ist, hilft ein Frauentag, um sich daran zu erinnern, wie schwierig die Lage der Frauen weltweit ist. It’s a man’s world, immer noch.

Wie schauen Sie am Weltfrauentag auf die Klassikbranche?

Bernhard: In der klassischen Musikszene gibt es keine besseren oder schlechteren Menschen als überall sonst auch. Ich kann nicht sagen, dass da Frauen bevorzugt oder benachteiligt werden. Klar, die Me-too-Debatte hat es hier auch gegeben, und es ist sehr gut, dass diese Ereignisse, die über viele Jahre passiert sind, ans Tageslicht gekommen sind. Aber wie so oft, schießen solche Bestrebungen teilweise über das Ziel hinaus. In unserer Branche geht es viel um Darstellung, und manche Menschen erliegen der Versuchung, nur sich selbst zu verwirklichen. Eigentlich sollte es aber nicht um den Menschen gehen, sondern um das Werk, das man mit anderen teilt.

Wie finden Sie es, wenn ein Konzert mit einer politischen Botschaft verbunden wird?

Bernhard: Grundsätzlich denke ich, dass jeder, der in der Öffentlichkeit steht, eine gewisse Verantwortung hat, auch im Hinblick auf politische Ereignisse. Klassische Musik mit einer Botschaft oder einer Einordnung zu versehen, kann zur Reflexion anregen. Allerdings sind musikalische Werke schon oft missbraucht worden. Letztendlich muss man dem Publikum zutrauen, dass es eine eigene Haltung hat und sich selbst Gedanken zu Aufführungen macht.

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