Interview Eckart Altenmüller

„Gut angeleitet lernen die Kinder schnell“

Musik ist Chemie – und diese ist explosiv. Eckart Altenmüller plädiert für einen unverkrampften Umgang mit einem hehren Kulturgut.

© HMTM Hannover

Der studierte Querflötist und Neurologe Eckart Altenmüller befasst sich wissenschaftlich mit der Musikalität des Menschen

Der studierte Querflötist und Neurologe Eckart Altenmüller befasst sich wissenschaftlich mit der Musikalität des Menschen

Was passiert im Gehirn, wenn wir Musik hören oder spielen? Und was passiert bei Kindern, wenn sie im Bauch der Mutter zum ersten Mal mit Musik in Kontakt kommen? Eckart Altenmüller weiß Antworten. Der Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin in Hannover forscht seit vielen Jahren im Bereich der Neuroplastizität.

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Jugendliche wirken heute im verstärkten Maße zappelig, unkonzentriert, nicht fokussiert. Tiktok und Spotify versprechen schnellen und hochfrequenten Spaß. Hat klassische Musik bei dieser Generation überhaupt noch eine Chance?

Eckart Altenmüller: Ja, sie hat eine Chance. Aber es ist nicht unbedingt wichtig, dass man den Kindern und Jugendlichen nur diese eine Musik nahebringt. Da passiert mittlerweile sehr viel, auch informell. Sie glauben gar nicht, was Jugendliche sich an Videos aus YouTube und anderen Kanälen ziehen, um zu Hause Gitarre, Schlagzeug oder auch Keyboard zu lernen. Die Jugendlichen werden musikalisch selbst aktiv ohne die „­Pädagogen“. Was sie nicht gerne machen, ist im Schulunterricht beigebracht zu bekommen, wie wahnsinnig wichtig die Sinfonien von Beethoven sind. So sieht zeitgemäße Pädagogik aber auch nicht aus. Da sind die modernen, gut ausgebildeten Musikpädagoginnen und Musikpädagogen inzwischen wesentlich weiter. Ich halte es nicht unbedingt für ausschlaggebend, dass die Schülerinnen und Schüler klassische Musik nach den Epochen klassifizieren können. Viel wichtiger ist, dass sie selbst ein Instrument spielen – oder singen. Die Stimme ist das ursprünglichste Instrument des Menschen. Das sollte gefördert werden, schon in der Kita und im Kindergarten!

Eine ganz naive Frage: Warum mögen Kinder Musik?

Altenmüller: Musik ist in unseren Genen angelegt. Es gibt sozusagen einen Trieb zur Musikwahrnehmung und zum Musikmachen. Insofern ist es ganz natürlich und unvermeidlich, dass musikalische Ereignisse bei Kindern immer die Aufmerksamkeit erregen. Und nicht nur das: Kinder wollen die Dinge selbst ausprobieren, also Musik machen. Sie wollen lernen, sie wollen ihre Fertigkeiten verfeinern und ihre Sinneswahrnehmungen testen. Außerdem wollen sie ihre körperlich-muskulären Funktionen ausprobieren. Das nennt man Selbstwirksamkeit. Das Hören von einfach strukturierten Kinderliedern ist für die Kleinen in der Regel ein riesengroßes Vergnügen. Dazu kommt, dass sie, wenn sie selber Musik machen, mitsingen, mittanzen oder mitklatschen, diese Selbstwirksamkeit erleben, was im Gehirn Belohnungshormone – die sogenannten Dopamine – freisetzen. Unser ganzes Verhalten hat ja mit Chemie zu tun. Ausgangspunkt des Musiktriebes ist das Gehirn.

Warum wollen Kleinkinder immer nur das eine Lied wieder und wieder hören?

Altenmüller: Das hat damit zu tun, dass sie es lernen wollen. Sie brauchen aber Zeit, um die akustischen Muster erst einmal zu verstehen. Am Anfang ist das, was sie hören, nur eine unstrukturierte Klangmasse. Der Prozess des Musikhörens bei Kindern ist äußerst interessant: Es geht um die Überführung von Unsicherheit in Sicherheit. Am Anfang ist das Stück, das sie hören, ein sehr komplizierter, unstrukturierter Reiz. Im Laufe des häufigen Hörens – also nach ihrer lautstarken Forderung „Nochmal, nochmal!“ – wird dieser Reiz für das Kind verstehbar. Es kann dann voraussagen, was als Nächstes kommt, die nächste Melodie, die nächste Figur. Unser Gehirn belohnt dieses Lernerlebnis. Die Kinder wandeln Unsicherheit in Sicherheit um und merken, dass ihr Wahrnehmungsapparat gut funktioniert, weil sie immer besser lernen, Muster zu erkennen. Sie spinnen die Musik sozusagen weiter. Das sorgt für große Freude.

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Gibt es den Mozart-Effekt? Oder ist er ein Mythos?

Altenmüller: Ja, es gibt ihn. Das ist ein sogenannter Präferenzeffekt. Der ist dadurch bedingt, dass wir, wenn wir Musik hören, die uns gut gefällt unsere rechte Gehirnhälfte besser durchbluten. Das ist ein indirekter Effekt, der von den Emotionszentren kommt. Diese Durchblutung sorgt dafür, dass ich bestimmte Intelligenzaufgaben kurzfristig besser löse, zum Beispiel Konstruktionsprobleme, virtuelle Rotationen, Papierfalz-Aufgaben. Der Mozart-Effekt ist jedoch völlig überzogen interpretiert worden, weil bisher niemand gezeigt hat, dass er nachhaltig ist. Ein Kollege von mir konnte zeigen, dass das Lesen einer Kurzgeschichte von Stephen King genauso wirksam ist, um den IQ kurzfristig zu erhöhen. Weil Jugendliche, die Stephen King mögen, eben darauf ansprechen. Statt Mozart könnten es also auch Tokio Hotel oder Amy Winehouse sein, die für einen Effekt sorgen. Alles eine Frage der Präferenz. Mozart wäre über das Ergebnis sicher überrascht gewesen.

In einem Interview sagten Sie, dass Musik „Gedächtnis-Kunst“ sei. Können Sie das näher erläutern?

Altenmüller: Wenn wir ein Musikstück hören, entfaltet es sich in der Zeit. Um eine Melodie zu verstehen, müssen wir den Anfang der Melodie im Gedächtnis behalten, speichern und dann mit dem weiteren Verlauf vergleichen, um ein Muster zu konstruieren. Dieses Gedächtnis, das auch Harmonien und Rhythmen speichert, ist die Voraussetzung, um überhaupt Freude an Musik zu haben. Wenn man jeden Klang sofort vergessen würde, würde man gar keine Melodie verfolgen und auch nicht reproduzieren können. Es gibt kein Lebewesen auf der Erde, das so viele Klänge, Melodien, akustische Muster und Sprachäußerungen im Kopf behalten und verknüpfen kann wie wir. Wir Menschen sind Hör-Tiere. Wissenschaftlich ausgedrückt: Mit Abstand haben wir Menschen das höchste auditive Gedächtnisrepertoire aller Lebewesen. Lediglich zwei Prozent der Menschheit kann nicht Melodien hören, was genetisch bedingt ist. Der Befund heißt Kongenitale Amnesie. Diesen Menschen geht es ansonsten gut, aber sie machen sich halt gar nichts aus Musik, egal wie schön oder schräg sie auch klingen mag.

Welche Fortschritte hat die Hirnforschung speziell in Ihrem Bereich in den letzten zehn Jahren gemacht?

Altenmüller: Wir haben verstanden, dass unser Gehirn als Netzwerk aufgebaut ist und dass es sich rasend schnell verändern kann. Es ist nicht mehr so, wie ich es noch im Studium gelernt habe, dass wir ein Hörzentrum, ein Sehzentrum oder ein Bewegungszentrum singulär benennen könnten. Heute wissen wir, dass es hoch komplizierte Netzwerke sind, die sich über das gesamte Gehirn verteilen. Diese Netzwerke sind schnell adaptierbar, sie können lebenslang lernen. Der Fachbegriff dafür ist Neuroplastizität. Kinder lernen unfassbar schnell. Wenn man als Kind allerdings Dinge falsch lernt, zum Beispiel in der Orthografie, wird es mit zunehmendem Alter immer schwieriger, diese Fehler zu korrigieren. Sie sind sozusagen stabil und widersetzen sich. Deshalb ist es auch wichtig, in der Erziehung nicht nachlässig zu sein, auch bei kleinen Dingen wie Schuhe binden oder in der Beschäftigung mit Sport, Fahrradfahren, Schwimmen und so weiter. Und es betrifft natürlich auch die Musik. Gut angeleitet von Expertinnen und Experten lernen die Kinder schnell. Deshalb sollten wir unbedingt dafür sorgen, dass wir gute Lehrer ausbilden und an die Schulen bringen. Quereinsteiger, die heute vermehrt wegen des Lehrermangels eingesetzt werden müssen, haben leider häufig nicht diese Ausbildung und diese Erfahrung, die Kinder zu fördern und ihr Verhalten richtig zu interpretieren.

Spielen Sie selbst ein Instrument?

Altenmüller: Ja. An der Musikhochschule Freiburg habe ich Querflöte studiert, ich spielte früher außerdem Klavier. Ich komme aus einer Musik liebenden Familie und war das jüngste von acht Kindern. Alle spielten ein Instrument, ich habe mit sechs Jahren begonnen, Klavierstunden zu nehmen. Mit zehn Jahren durfte ich mir ein zweites Instrument aussuchen, und das war die Querflöte. Ich fand den Klang so toll, diesen silbernen Glanz und diese aparte Haltung beim Spielen. Ich musste aber warten, bis meine oberen Schneidezähne groß genug waren – das war Bedingung meiner Eltern. Also habe ich jeden Abend vor dem Spiegel gestanden und geschaut, ob sie inzwischen gewachsen waren. Ich habe an ihnen gezogen, damit sie schneller wachsen (lacht). Mit dreizehn Jahren durfte ich endlich Querflöte spielen. Und bei dem Instrument bin ich geblieben und trete heute manchmal auch professionell auf. Macht immer noch viel Spaß!

Buch-Tipp

Eckart Altenmüller: Vom Neandertal in die Philharmonie. Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann

Springer
525 Seiten
27,99 Euro

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