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Blickwinkel: Reinhold Messner

„Schwieriges Klettern gleicht einer Choreografie“

Extrem-Bergsteiger Reinhold Messner führt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (DSO) Richard Strauss’ Alpensinfonie auf. Ein Gespräch über Töne in großer Höhe, wechselnde Gefühle während des Bergwanderns und das Überleben.

vonJan-Hendrik Maier,

Wie ist es zur gemeinsamen Alpensinfonie gekommen?

Reinhold Messner: Das Orchester hat den Kontakt zu mir über meine Frau Diane Schumacher geknüpft. Anfangs war ich skeptisch, da ich es gewohnt bin, alleine auf der Bühne zu stehen und mit Bildern und Filmausschnitten einen sachlichen Vortrag zu halten. Aber mir gefiel der Gedanke, diese emotionale Musik einmal anders anzupacken. Früher, noch vor meiner Zeit, gab es die Stummfilme, zu denen ein Orchester live seine Emotionen gespielt hat. Das „Gipfeltreffen“ in Berlin ist ein interessantes Experiment, bei dem Live-Erzählungen auf Live-Musik treffen.

Richard Strauss beschreibt mit Tönen eine Bergwanderung. Welche Bilder und Emotionen löst die Musik in Ihnen aus?

Messner: Ich bin tausende Male am frühen Morgen bei absoluter Dunkelheit ins Gebirge aufgebrochen. Dieses Hineingehen in den Berg, dabei höher und höher zu steigen und dem Licht näher zu kommen, versuche ich in Worte zu fassen. Bei den Konzerten sage ich keinen auswendig gelernten Text auf, sondern bekomme vom Dirigenten Robin Ticciati einen Einsatz und gebe aus dem Moment heraus meine Erfahrungen am Berg wieder, ohne jedoch ein konkretes Ereignis zu benennen. Für die Musiker ist das ähnlich: Sie haben zwar die Noten vor sich und kennen das Stück, aber das feinste Detail kommt ad hoc aus dem Instrument heraus. So hat der Zuhörer die Musik und meine Sprache im Ohr und am Ende seine eigenen Bilder im Kopf.

Inwiefern ist ein Tag am Berg auch ein Auf- und Abstieg der Gefühle?

Messner: Das Aufsteigen hat mit Mühe und mit Neugierde zu tun: Gelingt unser Vorhaben? Wir kommen dem Licht immer näher, aber selbst der Achttausender ist angesichts der Unendlichkeit des Universums ein Nichts. Die Aussicht dort oben ist unvorstellbar, aber aufgrund des Sauerstoffmangels nehmen wir sie kaum wahr. Auch in den Alpen ist der Gipfel immer nur ein Umkehrpunkt. Der Abstieg strengt weniger an, ist aber mindestens so gefährlich wie der Aufstieg, weil wir müde sind oder sich das Wetter geändert hat. Die großen Emotionen kommen erst, wenn uns der Berg entlässt und wir die Gefahrenzone verlassen haben. Für mich ist das jedes Mal wie eine Wiedergeburt.

Bei Strauss hingegen strahlt die Ankunft „auf dem Gipfel“ förmlich Erhabenheit aus.

Messner: Strauss erzählt das Ankommen auf einem Berg, von dem man weit sieht, wo man in der Sonne steht und dem Kosmos sehr nah ist. Ich bin in einem Tal aufgewachsen, das für mich die ganze Welt bedeutet hat, bis ich mit fünf zum ersten Mal auf einem Dreitausender stand und glaubte, die schiere Unendlichkeit zu sehen. Bei Strauss ist auf dem Gipfel die Selbstmächtigkeit am größten, aber an den höchsten Bergen der Welt oder auch bei einer extremen Klettertour in den Alpen, die senkrechte Passagen beinhaltet, empfinden wir dieses Glück erst, wenn wir zurück in Sicherheit sind. Am Berg begeben wir uns freiwillig in eine schöne, jedoch menschenfeindliche Welt.

In der Tondichtung hören wir „gefahrvolle Augenblicke“, „Gewitter und Sturm“. Sie haben in einem Interview kürzlich gesagt, die Kunst des Bergsteigens bestünde darin, nicht zu sterben. Welche Faszination geht von dieser Gefahr aus?

Messner: Ich glaube, das Bergsteigen ist nach außen mit dieser Aussage stark geworden. Es ist völlig unverständlich, dass jemand dorthin geht, wo er sterben könnte, nur um nicht zu sterben. Es wäre jedoch keine Kunst, bestünde dieses Risiko a priori nicht. Angesichts des Todes wird das Leben absurd, und mir wurde klar, dass Nützlichkeit und Sinnhaftigkeit zwei völlig verschiedene Werte sind. Meine Erfahrungen während extremer Bergtouren haben mich gelehrt, dass ich es selbst bin, der meinem Leben Sinn geben kann. Lange Zeit war das der Versuch, mit immer weniger Ballast auf die großen Berge zu steigen. Als ich alle bestiegen hatte und merkte, dass ich mich nur noch wiederholen könnte, bin ich durch die Antarktis gelaufen.

Das DSO mit Robin Ticciati bei den Aufnahmen zu „Eine Alpensinfonie“ im Tempodrom
Das DSO mit Robin Ticciati bei den Aufnahmen zu „Eine Alpensinfonie“ im Tempodrom

Was hört man am Berg?

Messner: Ich befinde mich gerade auf Schloss Juval in Südtirol, das auf einem Berg auf eintausend Metern über dem Meeresspiegel liegt. Wenn ich mit meinem Hund spaziere, höre ich die Vögel, das leise Rauschen des Windes und die Glocken der Schafe und Ziegen, die hier weiden. Das ist Musik am Morgen, die man so bei aufrechtem Gang in den Alpen hören kann. Am Mount Everest gibt es nur noch den Gletscher, der ganz langsam nach unten fließt. Wenn ich dort nachts im Zelt liege – schlafen kann man aufgrund des Sauerstoffmangels nicht –, höre ich, wie das Eis knackt und kracht. Im Himalaja höre ich jeden noch so kleinen Windstoß. Das sind die Töne, ich sage absichtlich nicht Geräusche, die mir die Natur schenkt.

Was bedeutet Musik für Sie?

Messner: Beim Autofahren läuft Klassik im Radio, aber ansonsten bin ich kein musischer Mensch. Meine Frau und ich hören viel Musik aus Tibet und dem Himalaja, weil ich dort oft gewesen bin. Die Instrumente, die es bei uns nicht gibt, können die dortigen lokalen Stimmen aus der Natur auffangen und wiedergeben.

Welche Gemeinsamkeiten sehen Sie zwischen dem Aufführen der Musik und einer Klettertour?

Messner: Schönes, schwieriges Klettern gleicht einer Choreografie. Ich hatte bei solchen Touren oft eine Musik im Ohr, die sich die ganze Zeit über wiederholt hat. Ich bin zu diesen Tönen wie in einem Tanz geklettert. Wenn man aber beim Bergsteigen vor einer Gletscherspalte steht, die es zu überqueren gilt, zögert man, sucht nach der richtigen Stelle, bespricht sich mit dem Partner am Seil. Das ist kein harmonisches Gehen in der Senkrechten. Ganz anders als im leichten Gelände, etwa im Wald oder auf einer Alm: Wenn ich dort unter meiner Leistungsgrenze in einem Rhythmus gehe, den ich ein paar Stunden durchhalten kann, entsteht eine meditative Haltung, die man auch bei Strauss hören kann.

Begleitet von Kammermusikern aus dem DSO erzählen Sie in Berlin auch von Ihren Erfahrungen, die Sie auf zahlreichen Expeditionen gemacht haben.

Messner: In meinem Vortrag „ÜberLeben“ zerlege ich das Wort in drei verschiedene Formen. Erstens: Üb‘erleben. Die Erfahrungen, die aus Strauss‘ Musik fließen, bekommt man im Gebirge nicht geschenkt, man muss erst lernen, mit den Emotionen dort umzugehen. Je früher man in die Berge gehen kann, desto einfacher ist es. Zweitens: In der Mitte meines Lebens war das Überleben die Kunst, denn ich bin viele extreme und schwierige Abenteuer angegangen. Und drittens glaube ich heute, etwas über das Leben zu wissen. Ich habe ein anarchisches Leben gelebt, was draußen in der Wildnis niemanden gestört hat. Zurück in der Zivilisation habe ich aber wie jeder andere Mensch auch die Verpflichtung, die gemeinsamen Regeln einzuhalten.

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