Vor 41 Jahren hatte Starregisseur Jean-Pierre Ponnelle in München auf die Synapsen zwischen Alban Bergs „Lulu“ und Kurt Weill hingewiesen. Für das Kurt Weill Fest 2026 hat nun Johannes Weigand, Generalintendant des Anhaltischen Theater Dessau, vor einigen Jahren ein Werk entdeckt, das mit Weill und auf den zweiten Blick mit „Lulu“ in noch viel engerer Bindung steht: die 1998 in Manaus uraufgeführte und in Brasilien bisher nur einmal nachgespielte Oper „Alma“ von Cláudio Santoro (1919-1989). Mehr noch. Die europäische Erstaufführung in Dessau geriet nun zum großartigen Wurf mit tonaler Originalität und dramatischen Überwältigungen, zu denen alle Abteilungen des Theaters mit leidenschaftlichem Engagement beitrugen: die Anhaltische Philharmonie, der unter Sebastian Kennerknecht alles gebende Opernchor mit zahlreichen Gästen, das brillante Ballett und ein sensibles Ensemble unter krönender Führung von Iordanka Derilova als eine Frau, der Männer die Schuld an allen Miseren der Seelen und des Fleisches geben – in portugiesischen Originalsprache mit Sprachcoach Gerson Sales.

Opernselbstfindung
Cláudio Santoro hatte bis in die 1980er-Jahre die wesentlichen Stile des 20. Jahrhunderts von Folklore über serielle bis zur elektronischen Musik erkundet, wurde in der DDR und in der Bundesrepublik geschätzt. Er unterrichtete Komposition in Heidelberg und hinterließ ein umfangreiches Werk, unter anderem 13 Sinfonien. Nach António Gomes, der zur Verdi-Zeit Opern im italienischen Stil schrieb, und Heitor Villa-Lobos gehört Santoro zu den ganz wichtigen Komponisten Brasiliens. Dabei ist Santoro weitaus bedeutender und substanzieller als ein Eklektiker von regionaler Ausstrahlung.

Spannung und vages Katastrophen-Feeling
An Liebe, Sex, Zärtlichkeit, Mutterschaft, überschaubarem Wohlstand und Achtbarkeit fordert die hemmungslos liebende und lebende Alma weitaus mehr, als ihr das Patriarchat, die Konvention und das Gesetz der Straße zu geben bereit sind. Santoros Musik dazu strömt wie ein unaufgeregter und gerade deshalb eindringlicher Strom mit Tiefgang – von der Anhaltischen Philharmonie rezitativisch und üppig, manchmal Richtung lateinamerikanische Großstadtklänge greifend ausgeführt. Die Spannung trägt über zwei Stunden. Schmerzende Dissonanzen gibt es nicht. Aber in der gedrängten, dichten Klangsprache entsteht aus dem vielstimmigen Tonsatz ein schwer erklärbares Gefühl mit vagem Unbehagen bis zum bösen Ende.
Markus L. Frank hat diese kompositorischen Feinheiten mit einer fünfköpfigen Salonkapelle im Bordell und den erstklassig arbeitenden Korrepetitoren Wolfgang Kluge, Paul Drouet und Alexander Koryakin in Feinheit, Sorgfalt und Deutlichkeit durchgestaltet. Die Konversation ist klar. Die zahlreichen Grausamkeiten wurden von der hier an ihren bewundernswert subtilen „Wozzeck“ vom Vorjahr kongenial anknüpfenden Christiane Iven seziert und mit seelischen, auch physischen Hieben gesteigert.

Die brasilianische „Lulu“
Davon gibt es eine ganze Menge: Sexuelle Nötigung, häusliche Gewalt und Psychoterror in der Beziehung Almas zu ihrem Langzeitliebhaber und Zuhälter Mauro, dazu mehrere Abtreibungen. Kay Stiefermann steht als Mauro so vor ihr, dass man die auf Alma einprasselnden Torturen und Lusttrostpflaster selbst zu spüren glaubt. Nicht viel besser ist Almas bigotter Großvater Lucas (Michael Tews), der Alma Fußwaschungen und Rasieren abverlangt, ihren Lebenswandel tadelt und selbst gern ins Bordell geht.
Die Männerkette Almas ist lang wie die von Bergs „Lulu“: In sie reihen sich der reiche Ingenieur Teles Melo (Edilson Silva Junior) und Lobão (Alexander Argirov), der Alma und ihren kleinen Sohn aufnimmt wie ein hübsches Wohlstandspaket. Das Bordell und das dort verkehrende Publikum wurde in Rifail Ajdapasics Ambiente und Ariane Isabell Unfrieds Kostüme farbenfroh, dabei ohne Denunziation gezeichnet. Eine solche überaus direkte bis anzügliche Delikatesse zeichnet auch die Choreografie von Marcos Vinicius dos Anjos sowie die von Alyson Rosales und Alejandra Franco angeführten, gewerbeüblichen Genrefiguren aus – immer deutlich und dabei lebensecht: „Die Hoffnung ist wie ein Grillspieß ohne Fleisch“ singt eine Figur. Daran wird man sich erinnern, wenn Alma in der bürgerlichen Doppelmoral noch mehr entwürdigt wird als im Bordell und deshalb vom goldenen Käfig zurück zur käuflichen und eigenen Lust flüchtet.

Schwule Projektion
Aber Santoro und de Andrade sind noch perfider als Berg und Wedekind, bei denen Lulu am Ende wenigstens noch die große melodische Trauergeste erhält. Denn der letzte Satz in „Alma“ gilt der „zerfetzten Katze“ und damit dem Schriftsteller João do Carmo, der Alma nur als Projektionsfläche liebt und – von Iven hellsichtig verdeutlicht – ihr nichts geben kann, weil er nicht zu seinem Schwulsein steht. Während diese Figur bei Santoro eigentlich nur Almas zwar gefühlsstarker, aber wenig strapazierfähiger Rettungsanker ist, nützt er in der Dessauer Neuproduktion Alma aus wie alle anderen Kerle. Wohl kaum Zufall ist, dass João am Krisenpunkt, an dem ihm der „Polizist“ Dagoberto (beste Nebenpartie: Marcelo de Souza Felix) eindeutige Avancen macht, Alma des Charismaverlusts anklagt. Costa Latsos geht erst mit Nonchalance, dann mit psychischem Selbstwürgegriff an diese von der Regisseurin packend wie sensibel aufgewertete Partie.

Iordanka Derilova als vom Schicksal vergewaltigte Prachtfrau
Latsos und Iordanka Derilova steigern in ihren porösen Krisenszenen sexuelle Frustration und Liebesentzug zum großartigen Frostschleudern. Derilova erscheint schon in der ersten Szene mit lila Dessous und Longdrinks als Star des Milieus. Die Gewaltszenen bestätigen nur alsbald die mit Buntheit überzuckerten Grausamkeiten. Alma ist eine riesige Partie – anstrengend weniger durch dramatische Expression als die explosiven Dauerturbulenzen der empathischen Details. Iordanka Derilova singt und agiert mit unermüdlicher Energie und verletzlicher Wildheit, auch Liebe zu dieser von Santoro aufregend erfundenen Figur. Diese psychische Extrembelastung verdichtet Iordanka Derilova wie immer mit einem warmen, persönlichkeitsstarken und schattierungsreichen Edelsopran. Das Anhaltische Theater und das Kurt Weill Fest haben also ein ganz starkes Stück – über das Kurt Weill Fest hinaus.
Anhaltisches Theater Dessau
Santoro: Alma
Markus L. Frank (Leitung), Christiane Iven (Regie), Sebastian Kennerknecht (Chor), Rifail Ajdapasic (Bühne), Ariane Isabell Unfried (Kostüm), Guido Petzold (Licht), Yuri Colossale (Dramaturgie), Iordanka Derilova (Alma), Costa Latsos (João do Carmo), Michael Tews (Lucas, Almas Großvater), Kay Stiefermann (Mauro, Almas Zuhälter), Edilson Silva Junior (Teles Melo, ein reicher Ingenieur), Alexander Argirov (Lobão, ein Freund von João), Marcelo de Souza Felix (Dagoberto Lessa, ein Polizist), Alyson Rosales (Dona Rosaura, Bordellbesitzerin), Alejandra Franco Vega (Camilla, eine Freundin von Alma), Opernchor des Anhaltischen Theaters Dessau, Ballett des Anhaltischen Theaters Dessau, Anhaltische Philharmonie
Termintipp
Sa., 07. März 2026 17:00 Uhr
Musiktheater
Santoro: Alma
Kurt Weill Fest
Termintipp
Fr., 20. März 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Santoro: Alma
Iordanka Derilova (Alma), Costa Latsos (João do Carmo), Michael Tews (Lucas), Kay Stiefermann (Mauro), Markus L. Frank (Leitung), Christiane Iven (Regie)
Termintipp
Sa., 25. April 2026 17:00 Uhr
Musiktheater
Santoro: Alma
Iordanka Derilova (Alma), Costa Latsos (João do Carmo), Michael Tews (Lucas), Kay Stiefermann (Mauro), Markus L. Frank (Leitung), Christiane Iven (Regie)
Termintipp
So., 03. Mai 2026 17:00 Uhr
Musiktheater
Santoro: Alma
Iordanka Derilova (Alma), Costa Latsos (João do Carmo), Michael Tews (Lucas), Kay Stiefermann (Mauro), Markus L. Frank (Leitung), Christiane Iven (Regie)





