OPERN-KRITIK: Deutsche Oper am Rhein – Romeo und Julia

Der Tod ist die Meisterin

(Duisburg, 17.4.2021) Boris Blacher beweist, wie man für Shakespeares legendäres Liebespaar an Charles Gounod vorbeikomponieren kann – ganz ohne Brokat, Gold und Renaissance-Plüsch.

© Hans Jörg Michel

Jussi Myllys (Romeo) und Lavinia Dames (Julia)

Jussi Myllys (Romeo) und Lavinia Dames (Julia)

Die Produktionen seiner Ballettoper „Preußisches Märchen“ in Münster und Radebeul wurden durch Corona verhindert, und das Theater Altenburg Gera verschiebt Gottfried von Einems Oper „Dantons Tod“, für die er nach Georg Büchner das Textbuch einrichtete: Boris Blacher gehörte als Präsident der (West-)Berliner Musikhochschule und maßgebliches Mitglied der Berliner Akademie der Künste zu den wichtigsten musikalischen Vertretern der Moderne nach dem Zweiten Weltkrieg.

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Er war das das kreative Nadelöhr zwischen Paul Hindemith, für den er sich während des Nationalsozialismus stark machte, und prominenten Schülern wie Aribert Reimann. Blacher erprobte große Formen, Verspieltes und Experimentelles, schrieb sogar eine „Abstrakte Oper Nr. 1“ und hatte hohe Affinität zum Ballett. Das zeigt sich auch in den kleinzelligen Phrasierungen seiner Kammeroper „Romeo und Julia“, deren musikalische Motive oft wie abbrechende Bewegungen sind – meistens vorsichtige. Es ist beeindruckend, wie Blacher mit filigranen Mitteln eine Atmosphäre von Druck und Gewalt entwickelte.

© Hans Jörg Michel

Jussi Myllys (Romeo), Beniamin Pop (Benvolio) und Andrés Sulbarán (Tybalt)

Jussi Myllys (Romeo), Beniamin Pop (Benvolio) und Andrés Sulbarán (Tybalt)

Alternative zu Gounod, Bellini und Tschaikowski

Die Absicherung durch Corona-kompatible Stücke brachte die Deutsche Oper am Rhein auf das Werk: Die Premiere wurde im November 2020 abgesagt, jetzt läuft die Aufzeichnung als Video bei OperaOnVideo. Beim ramschigen Slogan von der „berühmtesten Liebesgeschichte der Welt“ sollte man gleich vorbeizappen. Denn anders als sein wenige Jahre früher am gleichen Sujet arbeitender Kollege Heinrich Sutermeister, der an eine zeitkonform auffrisierte Grand Opéra dachte, komponierte und  librettisierte Blacher am Highway von Charles Gounod zu Franco Zeffirelli vorbei.

Blachers einstündige Kammeroper ist wie der betonierte Transportweg neben den Leitplanken. Die in der zunehmend aussichtslosen Kriegssituation 1943 entstandene Partitur gelangte 1950 bei den Salzburger Festspielen zur Uraufführung: Ein Werk für individualistische Interpreten wie den Dirigenten Paul Sacher und Soprankönigin Edda Moser, mit denen es eine Einspielung der Hochschule für Musik und Darstellende Künste Berlin gibt. Und eine tolle Erfahrung: Die Liebenden von Verona kommen bestens ohne Brokat, Gold und Renaissance-Plüsch aus. Auch musikalisch: Bei Blacher gibt es keine Madrigale und nicht einmal Kanzonen. 

© Hans Jörg Michel

Lavinia Dames (Julia)

Lavinia Dames (Julia)

Gelungene Zeitlosigkeit

Dieser Prolog deshalb, weil Manuel Schmitt und Helke Scheele für die knappe Stunde eine pointierte, zielgerichtet schlichte Inszenierung mit geradliniger Symbolik der Farben, Gesten, Zeichen und Formen schufen. Sie verschmähen Aufwand nicht, solange er sinnvoll bleibt. Gerade hier macht Denken in Schwarzweiß Sinn. Die Liebenden aus den verfeindeten Familien sind zu Körpern gewordenes Licht wie die nach ihrem Sterben von der Galerie geworfenen Lilien. Julias Eltern (Katarzyna Kuncio und Günes Gürle) als vergoldete Alpha-Tiere im Piranha-Becken des Mobs halten sich mit Flasche und Zigarettenspitze aufrecht.

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Es fließt kein Blut durch die Schergen einer stilisierten Tötungschoreografie. Das Schwarz der Kostüme gähnt stumpf vor betongrauen Wänden und Flügeltüren. Schade nur, dass Renée Morloc als Amme in dieser Szenerie ständiger Gewaltbereitschaft wie weggedimmt wirkte. Blacher warnt schon in der ersten Spielszene vor „Friedensfeinden“, die sich nicht des „Nachbarsblutes“ schämen. Zwei Jahre vor der Kapitulation artikuliert sein Text wenn nicht latente Systemkritik, so doch Auszehrung und Erschöpfung. Die Musik zwingt zum choreographisch gedachten Maßhalten.

© Hans Jörg Michel

Katarzyna Kuncio (Lady Capulet)

Katarzyna Kuncio (Lady Capulet)

Vokale Berührung statt Kuschelorgien

Es entstehen also keine Mangelerscheinungen, wenn diesmal das Spiel der Hände, die Kuschelorgien oder auch etwas heftigere erotische Gangarten ausgespart bleiben. Hier berühren sich Romeo und Julia physisch nie und demzufolge vor allem vokal. Lavinia Dames wirkt eine kleine Nuance spröder als naiv, und bei Jussi Myllys weiß man sofort, dass der weder zum Morden noch zum Herrschen geboren wurde. Gesangliche Bravourmomente wie in Bergs „Lulu“ oder Reimanns „Lear“ gibt es bei Blacher nicht. Sänger „knacken“ Blachers Partien am besten mit einer Haltung wie für Schubert, mit Maßhalten in den Ausdrucksfarben und Detailgenauigkeit für textverständliche Töne.

Christoph Stöcker nimmt den Gestaltungsdruck auch aus dem neunköpfigen Kammerensemble, in dem Blacher mit Vorliebe Flöte, Violinen und Klavier mit Soli bedachte. Die nicht mehr tonalen und meist diatonischen Motivzellen sind wichtiger als Harmonien. Zum fetten Farbfleck gerät der Chansonnier, hier besetzt mit einem Mann. Zu Beginn gibt Florian Simson mit roter Perücke und Krinoline eine Allegorie des Elisabethanischen Theaters in Gestalt der Königin, dann die Sphinx im roten Kleid wie Dix‘ Modell Anita Berber. Der Tod ist eine Meisterin aus Deutschland, singt im Duktus à la Kurt Weill und John Kander: Vor der burlesken Friedhofsszene, dem Sterben der Liebenden und Epilog fährt der Bühnenboden hoch und gibt den Blick frei in Marlene Dietrichs Reich.

© Hans Jörg Michel

Florian Simson (Chansonnier), Lavinia Dames (Julia) und Jussi Myllys (Romeo)

Florian Simson (Chansonnier), Lavinia Dames (Julia) und Jussi Myllys (Romeo)

Musik, Szene und Bild wie aus einem Guss

Es gelingt Manuel Schmitt und Heike Scheele eine eindrucksvolle Zeitlosigkeit. Musik, Szene und Bild sind in dieser Produktion aus einem Guss, auch im Stream. Trotzdem: Die Produktion setzt auf Wirkungen nicht nur durch Distanz der Darsteller untereinander, sondern auch zum Publikum. Die Kameras rücken dem Bühnengeschehen mit Notwendigkeit und zwangsläufig vergröbernder Impertinenz zu nahe. Dabei hatten Gerhard Michalski das ausgezeichnete Chor-Oktett, die Regie auch alle Nebenrollen und Christoph Stöcker die Musikerinnen und Musiker zu geschärfter Konzentration motiviert. In dieser atmenden, pulsierenden Holzschnittartigkeit spürt man bis zum letzten Takt die sensitive Photosynthese eines intakten Ensemblekörpers.

Deutsche Oper am Rhein
Blacher: Romeo und Julia

Christoph Stöcker (Leitung), Manuel Schmitt (Regie), Heike Scheele (Bühne & Kostüme), Thomas Tarnogorski (Licht), Gerhard Michalski (Chor), Anna Grundmeier (Dramaturgie), Florian Simson (Chansonnier), Jussi Myllys (Romeo), Lavinia Dames (Julia), Katarzyna Kuncio (Lady Capulet), Günes Gürle (Capulet), Andrés Sulbarán (Tybalt), Beniamin Pop (Benvolio), Renée Morloc (Amme), Peter Nikolaus Kante, Steffen Weixler & Klaus Pütz (Musikanten), Anna Elisabeth Hempel & Diana Klee (Chorsopran), Ekaterina Aleksandrova & Karolin Zeinert (Choralt), Sander de Jong & Bohyeon Mun (Chortenor), Josua Guss & Andrei Nicoara (Chorbass), Duisburger Philharmoniker (Kammerensemble)

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