Opern-Kritik: Hamburgische Staatsoper – Manon

Anmut trifft Testosteron

(Hamburg, 2.6.2021) Zur Wiedereröffnung nach der Pandemiepause überstrahlt Zauberfrau Elsa Dreisig in der Titelpartie alle Düsternis der Regie von David Bösch.

© Brinkhoff/Mögenburg

Elsa Dreisig

Elsa Dreisig

Ihr Schicksal ist beklagenswert: Extra jungen Heldinnen, die mit zarten 15 Jahren in die Niederungen von Opernhandlungen einsteigen, beenden das Stück in der Regel als Tote: Bei Puccinis Madama Butterfly ist das nicht anders als bei Massenets Manon. Zumal das 19. Jahrhundert kennt dieses Schema. Es presst das schöne Geschlecht gern in die Typen von Femme fragile und Femme fatale, deutet bei letzteren zwar bereits einen Furor der Emanzipation an, verweist die Freiheitsfreudigen freilich mit wahlweise zwei Höchststrafen in ihre von Männern gesetzten Grenzen – den Gang ins Kloster oder den Tod. Manon entgeht zu Beginn gerade noch Variante Nr. 1, erlebt dann die frühe ganz große Liebe auf den ersten Blick mit dem schwärmerischen wie wohlerzogenen Warmduscher Des Grieux, gerät als Material Girl, dessen beste Freundin bekanntlich die Diamanten sind, alsbald auf die schiefe Bahn und endet, immerhin im Liebestod wiedervereint mit ihrem ersten Angebeteten, in der Mitte des Nichts.

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Zwischen Fragilität und Fatalität des Frauseins

Massenet, der hierzulande eher mit seiner Goethe-Oper „Werther“ auf den Opernbühnen präsent ist, hat aus der stereotypen Geschichte, die auf den moralisierenden Roman des Abbé Prévost zurückgeht, ein Hybrid gebastelt: Zwischen pointensicherer Opéra comique mit gesprochenen Anteilen und leidenschaftlichem Liebesdrama mit üppigen Genrebildern in Wirtshaus, Casino und Puff, die kontrastreich mit intimen Kammerspielszenen wechseln, baut er dezidiert auf das Prinzip Stilmix. Die sprunghaft aneinander gereiten Bilder erlauben wenig psychologische Glaubwürdigkeit zumal der Titelfigur. Es sei denn, das Publikum erkennt und akzeptiert im dauernden Wechselspiel der Gemütszustände der Manon ihren unsteten Charakter, der zwischen Fragilität und Fatalität ihres Frauseins gleichsam im Minutenwechsel changiert.

© Brinkhoff/Mögenburg

Elsa Dreisig, Ioan Hotea

Elsa Dreisig, Ioan Hotea

Elsa Dreisig ist die ideale Manon der Gegenwart

Die Hamburgische Staatsoper hat nun das Riesenglück, mit Elsa Dreisig die ideale Manon der Gegenwart verpflichtet zu haben. Sie verkörpert deren unbändige Lust am Leben mit einer absolut entwaffnenden Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit, sodass die Sprunghaftigkeit von Libretto, Musik und Werkdramaturgie alsbald vergessen sind, weil man dieser Zauberfrau einfach vollends gebannt lauscht und zusieht. Die blonde Schönheit verströmt zu Anfang jene unschuldige Anmut der Manon, die hormonell primärgesteuerte Männer aller Alterklassen alsbald kirre macht. Mit dem lyrischen Liebreiz ihres Soprans entsprechen sich Figur und vokale Darstellung schlichtweg perfekt. Der Wechsel zum Glamour Girl vollzieht Elsa Dreisig dann nicht bloß in Kostüm, Maske und Frisur, sie erweitert das stimmliche Spektrum mit stupender Koloraturagilität. Den Abstieg in die Gosse stattet sie mit ihrem golden gerundeten Sopran besonders berührend  aus. Die französisch-dänische Sängerin löst die in sie gesetzten hohen Erwartungen mehr als ein. Ihr Auftritt ist eine Erfüllung.

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vorne: Elsa Dreisig, Dimitry Ivashchenko; hinten: Ida Aldrian, Narea Son

vorne: Elsa Dreisig, Dimitry Ivashchenko; hinten: Ida Aldrian, Narea Son

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Parfümfreie Philharmoniker

Die Wiedereröffnung der Hamburgischen Staatsoper nach der Pandemiepause, die zunächst mit Händels „Agrippina“ und nun nur wenige Tage später mit Massenets „Manon“ gefeiert wurde, ist ansonsten indes von Ernüchterung geprägt. Zwar stimmt sängerisch auch das Umfeld von Elsa Dreisig. Ioan Hotea gibt mit seinem jungmännischen, gut ansprechenden Tenor einen grundsympathischen Des Grieux, Björn Bürger mit hellem Kavaliersbariton Manons Cousin Lescaut, Dimitry Ivashchenko ist ein wunderbar basskultivierter Vater und Graf Des Grieux. Doch Sébastian Roulaud buchstabiert die Partitur mit dem Philharmonischen Staatsorchester ohne jede französische Finesse und Eleganz – gänzlich parfümfrei.

© Brinkhoff/Mögenburg

Elsa Dreisig, Ioan Hotea

Elsa Dreisig, Ioan Hotea

Regie ohne Zwischentöne

David Böschs einzig treffende Regieidee ist, seiner Manon in den Videos, die den fünf Bildern der Oper vorangehen, eine Katze als Attribut der Freiheit beizufügen. Ansonsten reiht der Regisseur Klischees aneinander: Männer sind notgeil, Frauen sind Nutten. Zwischentöne fehlen. Ebenso der in die Logen verbannte Chor der Staatsoper, dessen die Dramaturgie der Oper zwingend szenisch bedürfte. Der gesellschaftliche Sprengstoff des Stücks wird nicht erzählt. Da auch die Personenregie matt bleibt, macht sich alsbald Langeweile breit. Doch zum Glück überstrahlt ja Elsa Dreisig die Düsternis der Inszenierung.

Hamburgische Staatsoper
Massenet: Manon

Sébastien Rouland (Leitung), David Bösch (Regie), Patrick Bannwart (Bühnenbild), Falko Herold (Kostüme), Michael Bauer (Licht), Elsa Dreisig, Tahnee Niboro, Narea Son, Ida Aldrian, Ioan Hotea, Dimitry Ivashchenko, Björn Bürger, Daniel Kluge, Alexey Bogdanchikov, Martin Summer, Chor der Hamburgischen Staatsoper, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

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