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Opern-Kritik: Staatstheater Wiesbaden – Tristan und Isolde

Die Macht der Worte

(Wiesbaden, 1.5.2026) Das Staatstheater Wiesbaden startet mit einer wort- und lehrreichen Übernahme aus Nancy in die Maifestspiele: mit Tiago Rodrigues’ dem Brecht’schen Theater verwandten Exegese von „Tristan und Isolde“. Musikalisch fand das Gehörte dabei deutlich mehr Anklang als die feinsinnige, aber fordernde Regie.

vonPatrick Erb,

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, so heißt es bekanntlich – doch was ist, wenn tausend Worte ein Bild evozieren sollen? Tausend Worte, tausend Informationen, tausend in die Luft gehaltene Tafeln, die mit den Mitteln des Brecht’schen Theaters das nacherzählen und nachzeichnen, was eingefleischte Wagnerianer aus dem Effeff kennen und beherrschen – und was beim Betrachten ja gewissermaßen ohnehin ersichtlich scheint? Am Staatstheater Wiesbaden starteten die Maifestspiele mit einer „Tristan und Isolde“-Produktion, die der portugiesische Schauspieler, Regisseur und Dramatiker Tiago Rodrigues 2023 für die Opéra National de Lorraine entwarf – damals sein erstes Musiktheaterprojekt und zugleich eines mit deutlichem Polaritätspotenzial. Kern seiner Regie ist es, das fünfstündige Meisterwerk durch eine Fülle an Sprachtafeln, die das Szenario beschreiben, die Handlung deuten und kommentieren und als Requisit auch in sie eingreifen, regelrecht seiner illusionistischen Kraft zu berauben und die narkotische Wirkung der Musik durch das ständige Nachliefern neuer Informationen geradezu zu unterwandern.

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Szenenbild aus „Tristan und Isolde“
Szenenbild aus „Tristan und Isolde“

Ein Musiktheater ist ein Musiktheater ist ein Musiktheater

Diese radikale Form der Entzauberung – man mag gar nicht daran denken, Rodrigues eröffnete mit „Sie sehen nun Musiktheater“ – hat Witz und Ironie. Doch bedarf diese Art des Erzählens wohl eher selbst der Erläuterung, als es die träge, handlungsarme Handlung selbst nötig hätte. Daran scheiterten nun Teile des Wiesbadener Premierenpublikums, die ebenso sehnsüchtig die ersten harmonischen Schwingungen des „Tristan“-Vorspiels erwarteten, wie die beiden Tänzer Sofia Dias und Vítor Roriz, die – als Dopplungen des titelgebenden Liebespaares – zunächst das folgende Spiel mit den weißen Schildern erklären mussten: Man befinde sich in einem Archiv, das nun in allerlei imaginäre und reale, in erträumte und existente Welten entführen werde. Es seien ebenso viele Worte in deutscher Sprache nötig, wie Zeit und deren Verschwendung dafür aufzubringen sei. So weit, so wagnerianisch.

Die Konsequenz des sachte skandalisierenden Regiekonzepts ist absolut – nicht wenige Zuschauer verließen nach dem ersten Aufzug unter Unmutsbekundungen den Saal. Für den erprobten Rest ist dieser „Tristan“ dann Geschmackssache. Eine objektivere Schwäche jedoch lässt sich aus dem Konzept nicht tilgen: Rodrigues’ Texte, im Original selbstverständlich im Französischen verfasst, verlieren in der Übersetzung ihren poetischen Gehalt und Wortwitz. So lässt sich etwa Tristan, der „L’homme triste“, eben nur als trauriger Mann wiedergeben. Auch verlieren die anfangs proklamierten „deutschen Worte“ ihren Reiz; wer im deutschen Publikum das Gesungene im Idealfall akustisch versteht, versteht es auch inhaltlich. Die Schilder werden da zu Ballast. Wer „Tristan und Isolde“ gar nicht kennt, ist dann ebenso verlassen wie ein Franzose ohne Deutschkenntnisse, der sich im Zweifel auf die Worttafeln verlassen muss und sich mit der Neutextierung sehr viel zuverlässiger auf die Reise begibt.

Szenenbild aus „Tristan und Isolde“
Szenenbild aus „Tristan und Isolde“

Transparente und luzide Musik

Musikalisch lässt Generalmusikdirektor Leo McFall nur wenig offen. Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden präsentiert einen luziden, transparent durchschimmernden Klang, der die klaren, luftigen Raumstrukturen des Archivs beinahe musikalisch zu spiegeln scheint. Die Streichertremoli flimmern in feinsten, seidigen Tönen; gelegentlich gibt McFall seinen Bläsern zu viel dynamischen Raum. Das hält die Musik lebhaft, kostet die Sänger jedoch Kraft.

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Ric Furman kämpfte am Premierenabend in der Titelfigur des Tristan deutlich mit begrenzten Kapazitäten und Stimmverlust – ausgelöst durch eine Pollenallergie, wie es nach dem zweiten Aufzug hieß. Im dritten Aufzug gelingt der Sterbemonolog dennoch neu entfesselt und von delikater Intensität. Stärker präsentiert sich Carla Filipcic Holm als Isolde mit lichtem, hell brennendem und kraftvollem Sopran, mit dem sie dem buchstäblichen Versinken in den Tönen souverän entgegentritt.

Sehr schön besetzt sind die Nebenrollen dieses sinfonischen Kammerspiels: Irene Roberts liefert eine formvollendete, aus der Ferne vibrierende, fast kosmische Brangäne. Der Finne Tommi Hakala (Kurwenal) besitzt jene wohlproportionierte baritonale Tiefe, klug ausgebaute Verständlichkeit und Sicherheit in der Artikulation, wie sie Tenöre kaum erreichen. Seine Stimme ist musikgewordener Text. Der koreanische Bass Young Doo Park (Marke), seit 2014 im Wiesbadener Ensemble, komplettiert als gestalterischer Allrounder – ebenso emotional unterkühlt, wie es die Schildchen sind – diese charakterlich facettenreiche Produktion.

Staatstheater Wiesbaden
Wagner: Tristan und Isolde

Leo McFall (Leitung), Tiago Rodrigues (Regie), Fernando Ribeiro (Bühne), José António Tenente (Kostüme), Rui Monteiro (Licht), Aymeric Catalano (Chor), Sofia Dias & Vítor Roriz (Tanz & Choreografie), Ric Furman, Carla Filipcic Holm, Irene Roberts, Tommi Hakala, Young Doo Park, Trey Smagur, Katleho Mokhoabane, Yoontaek Rhim, Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden



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