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Opern-Kritik: Oper Frankfurt – Amor vien dal destino

Die Liebe: ein weites Feld

(Frankfurt, 25.1.2026) An der Oper Frankfurt entfacht „Amor vien dal destino“ unter der musikalischen Leitung von Václav Luks und in der konzentrierten Regie von R. B. Schlather ein tragikomisches Liebespiel, das wahrlich mehr Lust auf die Musik Agostino Steffanis macht.

vonPatrick Erb,

Äneas kann man unter den Figuren der griechisch-römischen Sagenwelt sicher als Glückspilz erachten. Nicht, weil er an ebenso vielen Küsten anlandet, wie er Frauenherzen erobert, auch nicht, da seine Heldentaten zumeist ohne die schauerliche Konfrontation mit Bestien wie Hydra, Medusa oder Zerberus auskommen. Es ist wohl eher der Umstand, dass seine Lebensgeschichte mit der „Aeneis“ eine gut dokumentierte und sehr wohl bekannte ist – von der Flucht aus Troja über das Intermezzo mit der karthagischen Königin Dido, die das Tête-à-Tête bekanntlich nicht unbeschadet übersteht, bis zum finalen Ankommen an der Küste Latiums, wo der nicht immer von der Pflicht Erfüllte zum Stammvater Roms aufsteigt.

Diese späte, freilich dennoch weniger oft erzählte Episode macht Agostino Steffani zum Zentrum seiner Oper „Amor vien dal destino“, die nun an der Oper Frankfurt eine Premiere erfahren hat – eine Aufführung, die das barocke Gefühlsempfinden in den Mittelpunkt stellt und es der ebenso genialen wie vielfältig orchestrierten Musik gegenüberstellt. Steffani, der nicht nur Komponist, sondern auch Geistlicher und Diplomat ganz im Dienste Europas war, kannte die stilistischen Strömungen Italiens, Frankreichs und Deutschlands gleichermaßen. Und so klingt diese Oper auch.

Szenenbild aus „Amor vien dal destino“ an der Oper Frankfurt
Szenenbild aus „Amor vien dal destino“ an der Oper Frankfurt

Die Musik ist der Star

Václav Luks, der für die musikalische Ausgestaltung verantwortlich zeichnet, spricht im Programmheft von einem musikalischen Eintopf – was sowohl vom herzhaften Gehalt als auch von der Wahl der Gewürze zutrifft. Steffani, fast eine Generation älter als Händel, beginnt seine Oper mit einer französischen, also adagio beginnenden Ouvertüre, die kurzerhand durch ein Chorstück durchbrochen wird, das die kommende Handlung einordnet. Es folgen so mancherlei Raffinessen, die die Musik des damaligen Hannoveraner Hofkapellmeisters so unerreichbar genial machen. Eine der schönsten gleich im Prolog in der Götterwelt: Venere (da die Oper auf Italienisch gesungen wird, sind auch die Akteure in italienischer Schreibweise), Eneas Mutter, beweint in einer still wogenden Lamentoarie zu vornehmster Dichtkunst das „grausame“ Schicksal ihres Sohnes.

Sie verlangt vom Göttervater Giove, dass Enea nach seiner langjährigen Odyssee doch endlich seine Bestimmung an Land finden soll. Nicht nur ist das Ganze aufs Tragischste grausam, sondern – wie für Steffani stilbildend – unheimlich komisch. Venere kennt in ihrer Trauer kein Ende und wiederholt ihre Melodie unaufhörlich – sehr zum Leid von Giove, der ungeduldig auf seine Taschenuhr blickt. Schließlich gewährt Giove Enea die Anlandung im erlösenden Latium, und mit Lavinia, der Tochter des dort herrschenden Latino, ist auch noch die passende Ehefrau am Start.

Szenenbild aus „Amor vien dal destino“ an der Oper Frankfurt
Szenenbild aus „Amor vien dal destino“ an der Oper Frankfurt

Wo Armor wirkt, da passt kein Blatt dazwischen, aber ein grünes Feld

Damit der Titel der Oper – frei übersetzt etwa „Die Liebe wird vom Schicksal bestimmt“ – eingelöst wird, soll Amor helfend unter die Arme greifen. Was jedoch zu einem Herrschaftskonflikt führt: Denn Lavinia ist Turno versprochen. Was nun folgt, ist ein eng gewobenes Geflecht aus Liebe und Feindschaft, aus Eifersucht, Eitelkeit und übersteigerter Abhängigkeit – schlicht: barocke Interaktion. Eine Handlung, die keine ist, die – so viel sei verraten – mit zwei glücklichen Ehepaaren endet und die dank Regisseur R. B. Schlather ausschließlich von der schauspielerischen Leistung ihrer Protagonisten lebt: von subtiler Mimik und Gestik – und von einer grünen Rasenfläche.

Schlather blickt kaleidoskopartig auf die Musik von „Amor vien dal destino“, in der durch die stetige Entwicklung neue Nuancen von Tragik, Absurdität und Emotion freigesetzt werden. Der grüne Rasen bietet dabei die passende Spielfläche: eine Spielwiese, auf der die Figuren sich untereinander bestens verhalten können, der Musik größtmöglicher Raum zukommt und das Publikum nicht durch Requisite abgelenkt wird. Kenner und Liebhaber ungewohnt individuell gestalteter Barockkompositionen sind hier ebenso gut aufgehoben wie Freunde der spielerischen Ensembleleistung. Wer üppiges Dekor wertschätzt, hat in dieser Inszenierung der allerneuesten Sachlichkeit allerdings das Nachsehen.

Szenenbild aus „Amor vien dal destino“ an der Oper Frankfurt
Szenenbild aus „Amor vien dal destino“ an der Oper Frankfurt

Das Frankfurter Prinzip

Und die Sänger: die glänzen richtig, wobei sich keiner in den Vordergrund spielt. Für Frankfurt ist „Amor vien dal destino“ ein bestens geeignetes Werk, denn Steffani verteilt die Arien gleichmäßig – was der Frankfurter Oper sehr entgegenkommt, die immer wieder aufs Neue mit gleichbleibend hohem Niveau und gut kuratierten Sängern begeistert, sei es das hauseigene Spitzenensemble oder ein Gast, den man im ersten Moment so gar nicht auf dem Schirm hat. Das ist hier am Haus schlicht Prinzip.

Da ist Michael Porter, dessen Enea mit karamellweichen Tenortönen heldenhaft bestimmt und arrogant wirkt, zugleich aber auch verweichlicht und seiner schicksalshaften Liebe zu Lavinia nicht ganz gewachsen. Die Feinheit der Stimme spielt locker weg, was an fehlender Vertrautheit in Sachen Koloratur noch durchscheint. Sopranistin Karolina Makuła darf in der Hosenrolle des Turno mit vielfältigsten charakterlichen Phrasierungen glänzen. Als rechtmäßiger Heiratskandidat und ursprüngliche Machtfigur muss sich Turno gegenüber dem Liebesusurpator Enea behaupten – was in Arien und Rezitativen eine reiche Bandbreite an ausgesungenem Ehrgefühl, Würde, Wut, Zuneigung und schlussendlicher Liebe zu Lavinias Schwester Giuturna zulässt. In seinem Matadorenkostüm spiegelt sich sowohl der ernste Stolz als auch die komödiantische Unfähigkeit, diesen zur Geltung zu bringen.

Szenenbild aus „Amor vien dal destino“ an der Oper Frankfurt
Szenenbild aus „Amor vien dal destino“ an der Oper Frankfurt

Wo Frauen die Hosen und Männer die Röcke tragen

Generell stehen die Frauen im Stück mehr ihren Mann, sie sind emotional gefestigter. Altistin Margherita Maria Sala reüssiert in der sehr starken Hauptrolle der Lavinia durch überragendes Stimmvolumen und klares Bouquet. Da das Schicksal Vorhersehung ist, unterliegt die Rolle ebenso wenig emotionalen Wirrungen: Sie empfindet aufrichtig Liebe zu Enea – genauso wie es bei Giuturna mit Turno der Fall ist. Daniela Zib, in einer Doppelrolle auch als mimosenhafte Venere zu erleben, verleiht der Schwester mit den etwas griffigeren Mezzosoprantiefen zusätzliche Kontur. Vor allem als komödiantischer Kontrast schauspielerisch tragend präsent sind Pete Thanapat als Corebo, Eneas Waffenbruder, und Theo Lebow in der gefeierten Travestierolle der Amme Nicea.

Ein Orchester wie ein Uhrwerk

Wo das Ensemble auf 99 Prozent kommt, schafft Václav Luks die 101 Prozent. Mit zahlreichen Gästen in der Continuo-Gruppe, im Schlagwerk und in den Holzbläsern sorgen das barockaffine Frankfurter Opern- und Museumsorchester und er an der Spitze für eine kleine Steffani-Erweckung. Die Entdeckerfreude und Liebe zur tiefsinnigen Gestaltung ist Luks, der wie ein Feinmechaniker an jedem seiner Instrumente schraubt, dreht und zieht, schlicht nicht abzuerkennen. Freilich ist dieses genaustens getaktete orchestrale Uhrwerk die größte Sensation dieses Abends – auf den sich ein geduldiges und aufmerksames Premierenpublikum vollends eingelassen hat. Und belohnt wurde.

Oper Frankfurt
Steffani: Amor vien dal destino

Václav Luks (Leitung), R. B. Schlather (Regie), Anna-Sofia Kirsch (Bühne), Kathrin Lea Tag (Kostüm), Jan Hartmann (Licht), Margherita Maria Sala, Michael Porter, Karolina Makuła, Daniela Zib, Thomas Faulkner, Constantin Zimmermann, Pete Thanapat, Theo Lebow, Julia Alsdorf, Frankfurter Opern- und Museumsorchester






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