Opern-Kritik: Oper Leipzig – Undine

Das Loch in der Treppe

(Leipzig, 29.10.2022) Mit „Undine“ von Albert Lortzing startet die Leipziger Oper in die neue Spielzeit und in eine neue Intendanz – musikalisch hochkarätig, szenisch missglückt.

© Kirsten Nijhof

Regisseur Tilmann Köhler nutzt für seine Inszenierung von Albert Lortzings „Undine“ an der Oper Leipzig eine Freitreppe als Großmetapher

Regisseur Tilmann Köhler nutzt für seine Inszenierung von Albert Lortzings „Undine“ an der Oper Leipzig eine Freitreppe als Großmetapher

Am Leipziger Opernhaus gibt es im Moment ein Treppenproblem. In das innen tadellos herausgeputzte und schon immer besonders zuschauerbequeme Haus gelangt man nur über eine schmale Nottreppe. Die über die ganze Breite auf den Augustusplatz führende muss erneuert werden. Das hatte niemand wirklich auf dem Plan, aber die Ableitungen der Klimaanlage haben da über die Jahrzehnte ihre Spuren hinterlassen, und nun wird das eben in Ordnung gebracht, damit kein Besucher plötzlich in irgendeinem Loch verschwindet. In der Eröffnungsinszenierung der neuen Intendanz von Tobias Wolff und der Spielzeit gibt es auf der Bühne auch eine gewaltige Freitreppe. Der Regisseur Tilmann Köhler hat sie von Karola Risz bauen lassen. Die bekommt in der Mitte tatsächlich ein großes Loch, durch das man verschwinden bzw. auftauchen kann. Und sie löst sich am Ende tatsächlich, zumindest in Teilen, auf. Wer nur das Schlussbild diese „Undine“ sieht, mag das sogar für einen Coup halten, der nüchterne Reduktion mit Opulenz kombiniert.

© Kirsten Nijhof

Szenenbild aus „Undine“

Szenenbild aus „Undine“

Freitreppe als Großmetapher

Eine große Freitreppe als singuläre Großmetapher hat durchaus Deutungspotenzial. Zumindest wenn man sie klug dafür nutzt und das Riesenteil nicht nur auf der Drehbühne rotieren und das Personal rauf und runter rennen lässt. Wenn die fünfzehn breiten Stufen sich drehen, die Rückwand, die mit Parkettmuster Fischgräte (Achtung: Wasserwesen!) versehen ist, ins Publikum zeigt und von dort oben gesungen wird, dann ließe sich durchaus der berühmte Schritt vorm Abgrund assoziieren; singen dort zwei, auch der Verweis auf die berühmte Filmszene auf der Titanic. Natürlich steht eine so dominante Treppe von vornherein für Auf- und Abstieg, für die Hierarchiestufen in einer Gesellschaft. Im speziellen Fall sogar zwischen den „Elementen“, dem Wasserreich und seinen seelenlosen Bewohnern und der Menschenwelt mit all ihren armen und reichen, machtlosen und mächtigen Exemplaren.

© Kirsten Nijhof

Szenenbild aus „Undine“

Szenenbild aus „Undine“

Fiese Vorgeschichte

Albert Lortzings „Undine“ ist ein Werk, in dem es tatsächlich um solche Grenzüberschreitungen geht. Die Geschichte hat eine Vorgeschichte, die in das geradezu zynische Experiment einführt. Der Wasserfürst Kühleborn will herausfinden, was es mit den Seelen auf sich hat, durch deren Besitz sich die Menschen von seinen Untertanten unterscheiden. Dazu entführt er das Kind einer armen Fischerfamilie (ziemlich fies), legt es aber wenigstens dem Herzog Heinrich (der sonst weiter keine Rolle spielt) auf die Schwelle. Der lässt diese Bertalda im Bewusstsein eine Fürstin zu sein aufwachsen. Den ihres Kindes beraubten Fischern jubelt er seine eigene Tochter Undine unter. So weit so hinterhältig und soziologisch bzw. psychologisch interessant. Diese Vorgeschichte gibt es als gespielte Zugabe während der Ouvertüre.

In Berührung kommen die beiden jungen Frauen, fünfzehn Jahre später, über den schönen und ziemlich flatterhaften Ritter Hugo von Ringstetten, der sich bei einer wetterbedingten Rast bei den Fischern in Undine verliebt und sie heiratet. Als Undine ihrem Mann ihre sonderbare Herkunft verrät, kommt der ins Zweifeln. Als dann auch noch Bertalda, die sich als Braut des Ritters wähnt, auftaucht, steuert alles auf den Eklat zu. Kühleborn, der inkognito (und hier ziemlich albern kostümiert) als neapolitanischer Diplomat sein Experiment bzw. seine Tochter überwacht, platzt der Kragen: Er gibt die wahre Herkunft von Bertalda als Fischerstochter preis, sich zu erkennen und verschwindet mit Getöse in einem Brunnen (sprich dampfendem Loch in der Treppe) in sein Reich.

© Kirsten Nijhof

Szenenbild aus „Undine“

Szenenbild aus „Undine“

Der vorzüglich singende Chor ist in grausliche Kostüme gesteckt.

Klar, dass es von nun an auch für Undine bergab geht. Hugo wendet sich wieder Bertalda zu, Undine dem Reich ihrer Herkunft. Bei der Hochzeit haben die zwei lustigen bzw. trinkfreudigen Figuren im Stück, Veit und Hans, den sicherheitshalber abgedeckten Brunnen wieder geöffnet, so dass Undine hier als gleichsam rächender Geist erscheinen und den nunmehr öffentlich untreuen Ex mit sich in die Tiefe nehmen kann. Bei Köhler bleibt sie (durchaus nachvollziehbar) allein an der Rampe zurück, während die Bühnentechnik zeigt, was sie kann und für den einen opulenten Moment mit den schwebenden Treppenelementen und dem Auf und Ab des Restes, in einer insgesamt ziemlich drögen und missglückten Inszenierung sorgt. Zur Treppe gibt es nur noch die Vorhänge links, rechts und hinten. Manchmal wedeln sie wie säuselnde Wellen. Dass sie ein paar Mal auch den Chor verdecken, ist sogar ein Glücksfall.

Dass er von Thomas Eitler-de Lint vorzüglich einstudiert mit Lust singt, ist davon unbenommen. Aber so wie ihn Susanne Uhl kostümiert hat, ist er optisch ein Graus. Freizeitklamotten aus der Wühltheke. Man hat den Verdacht, dass der im Programmheft zu Leo Falls „Dollarprinzessin“ (als erste Premiere in der Musikalischen Komödie zu recht gefeiert!) erwähnte Manager für Nachhaltigkeit seine Finger im Spiel gehabt haben könnte. Mit ihren Bierbüchsen (die könnte man wirklich mal verbieten) und Flaschen in der Hand sehen sie, obwohl ein paar der Damen plötzlich auch mal festlich gekleidet sind, aus wie eine Billigreisegruppe auf Mallorca-Trip.

© Kirsten Nijhof

Szenenbild aus „Undine“

Szenenbild aus „Undine“

Unbeholfen wirkende Personenregie

Kein Zauber, keine sozialen oder Milieu-Abstufungen – nichts. Viel Rumstehen, eine für einen vom Schauspiel kommenden Regisseur erstaunlich unbeholfen wirkende Personenregie, die den Sängern obendrein die gesprochenen Passagen aufbürdet (das können sie in der MuKo wirklich um Klassen besser). Dan Karlström als Veit und Peter Dolinsek als sein Saufkumpel Hans sind da nicht zu beneiden. „Im Wein liegt Wahrheit nur allein“ oder „O wie köstlich ist das Reisen mancherlei man profitiert…“ Undines Auftritt mit „Ach, welche Freude, welche Wonne! Hell erstrahlt die liebe Sonne“ ist auch nicht viel besser gedichtet. Lortzing hat sich das Libretto auch für diese 1845 in Magdeburg uraufgeführte Oper selbst zurechtgebastelt. (Er ist sozusagen sein eigener Friedrich Kind, mit dem es dem Kollegen Weber beim „Freischütz“ ja auch nicht viel besser erging.)

© Kirsten Nijhof

Szenenbild aus „Undine“

Szenenbild aus „Undine“

Musikdirektor Christoph Gedschold lässt das Gewandhausorchester glänzen.

Musikalisch ist das Ganze im Gegensatz zur Szene ein Genuss. Vor allem, wenn das Gewandhausorchester unter Leitung seines Musikdirektors Christoph Gedschold loslegt. Schließlich sind sechs von Lortzings Opern in Leipzig uraufgeführt worden. Die Tradition, auf die diese Orchester baut, beginnt deutlich vor Richard Wagner. Der Klang ist farbig, auch dräuend wenn es sein muss – obwohl Lortzing gerade in den Passagen nicht an Webers „Freischütz“ rankommt. Nicht nur die Handlung, auch die Musik biedermeiert vormärzlich vor sich hin. Macht aber dennoch Vergnügen. So wie auch der Gesang. Krankheitsbedingt kamen in der Rolle von Undine und Hugo die Zweitbesetzungen bei der Premiere zum Zuge, was auch mal schön ist, weil die sich ja meistens in keiner Besprechung wiederfinden.

Olga Jelinková fügt ihrer mädchenhaften Erscheinung vor allem eine sichere, betörende Höhe hinzu, und auch Matthias Stier kann seinen Ritter Hugo fast durchgängig mit geschmeidigem Schmelz ausstatten. Olena Tokar ist eine schnippisch auftrumpfende Bertalda. Der vokal tadellose Mathias Hausmann ein wohl etwas zu sympathisch, eher als väterlicher Betreuer, denn als Fürst aus dem Untergrund rüberkommender, in verschiedenen Masken auftretender Kühleborn. Randall Jakobsh steuert einen sonoren Pater bei, Sejong Chang und Karin Lovelius komplettieren als Elternpaar Tobias und Marthe das Ensemble. Wie zu erwarten, wurde alle Protagonisten gefeiert – das Regieteam kassierte für Leipziger Verhältnisse erstaunlich viele Buhs.

MDR Kultur, MDR Klassik und DLF Kultur haben die Premierenvorstellung live übertragen. Bis Ende des Jahres stellt MDR Kultur der Stream der Opernpremiere online zur Verfügung.

Oper Leipzig
Lortzing: Undine

Christoph Gedschold (Leitung), Tilmann Köhler (Regie), Karoly Risz (Bühne), Susanne Uhl (Kostüme), Michael Röger (Licht), Olena Tokar, Matthias Stier, Mathias Hausmann, Sejong Chang, Karin Loelius, Olga Jelínková, Dan Karlström, Peter Dolinšek, Randall Jakobsh, Chor der Oper Leipzig, Gewandhausorchester

Samstag, 10.06.2023 19:00 Uhr Oper Leipzig

Lortzing: Undine

Christoph Gedschold (Leitung), Tilman Köhler (Regie)

Freitag, 07.07.2023 19:30 Uhr Oper Leipzig

Lortzing: Undine

Christoph Gedschold (Leitung), Tilman Köhler (Regie)

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