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Opern-Kritik: Semperoper Dresden – Les Huguenots

Fanatische Massen

(Dresden, 29.6.2019) Peter Konwitschny kehrt nach 20 Jahren an die Semperoper zurück und triumphiert mit Giacomo Meyerbeers Grand opéra „Les Huguenots“.

vonRoberto Becker,

Die etwas seltsam anmutende Frage, was wohl die Fans von Dynamo Dresden und Leonardo da Vinicis berühmtes Abendmahl miteinander zu tun haben, lässt sich in Dresden mit den Titel einer Grand opéra beantworten: „Die Hugenotten“ – oder wie es in der Originalsprache, in der in der Semperoper gesungen wird, heißt: „Les Huguenots“. Das eine ist ein zum Opernplakat avanciertes Foto von Starfotograf Andreas Mühe, das schlicht und effektvoll zwei Dresdner Hausmarken zusammenspannt. Das andere eins der berühmtesten Gemälde der Welt, das der Bühnenbildner Johannes Leiacker zu einer Art optischem Leitmotiv der aktuellen Inszenierung erkoren hat, mit der Regie-Altmeister Peter Konwitschny nach zwanzig Jahren an jenes Opernhaus zurückkehrt, das er 1999 mit „Die Csárdásfürstin“ in eine skandalisierte Aufregung versetzt hat, die sogar mit juristischen Folgen verbunden war. In der Auseinandersetzung um die Eingriffe der damaligen Intendanz in seine Inszenierung nach der Premiere wurde immerhin juristisch geklärt, dass auch eine Inszenierung ein eigenständiges Kunstwerk ist. Die Arbeiten von Peter Konwitschny sind es unbestritten allemal. Auch wenn diejenigen, die heute in Erinnerung an seine früheren Arbeiten nach irgendeinem ästhetischen Tabubruch auf der Bühne lechzen, enttäuscht von dannen ziehen müssen.

Wie Konwitschny Werktreue versteht – nicht im Buchstaben-, sondern im Bedeutungssinne

Venera Gimadieva (Marguerite de Valois), Sächsischer Staatsopernchor Dresden

Konwitschny scheut sich nach wie vor nicht vor Eingriffen ins überlieferte Material, lässt gegen den allgemeinen Trend vorzugsweise auf deutsch singen (nicht in Dresden und im Falle Meyerbeer, da kam er um Französisch nicht herum, aber in der Inszenierung kurz davor in Halle, gab es Händels „Julius Cäsar“ nach langer Zeit mal wieder in einer deutscher Übersetzung), kürzt, wenn es ihm aus Gründen der Theaterwirksamkeit geboten erscheint, oder stellt auch um, wenn damit die Aussage geschärft wird. Aber mit all dem versucht er erkennbar seinen Begriff von Werktreue umzusetzen. Für ihn bedeutet das, sich den Absichten der Autoren verpflichtet zu fühlen, nicht im Buchstaben-, aber doch im Bedeutungssinne.

Leonardos Abendmahl wird zum optischen Leitmotiv

In Dresden gibt es somit eine schon auf den ersten Blick ziemlich werktreue Inszenierung, die Eugène Scribes und Giacomo Meyerbeers Grand opéra um die historische Bartholomäusnacht von 1572 auf ihre Relevanz für die Gegenwart befragt. Es geht um das mit einer Liebesgeschichte über die Religionsgrenzen hinweg verwobene Massaker, das die Katholiken unter den Hugenotten anrichteten. Also um die Eigendynamik von Fanatismus und Hass und deren Umschlagen in Gewalt. Leonardos Abendmahl ist wie ein optisches Leitmotiv jedes Mal auf den Zwischenvorhang projiziert, wird dabei aber von mal zu mal kleiner. Als Sinnbild für Utopie (die Jesus verkörpert) und den Verrat, der hier schon mit am Tisch sitzt. Auf der Bühne ist der Raum des Abendmahls nachgebaut und im ersten Bild beim großen Gelage der Katholiken noch freundlich und hell. Er teilt sich dann in kontrastierendes Schwarz-Weiß, bis sich eine Dunkelheit über ihn senkt, der niemand entkommt. Am Ende hat sich der Raum aufgelöst, und von Ferne am Horizont sieht man den Feuerschein einer brennenden Stadt. In der Nacht des Massakers gellen dann Maschinengewehrsalven (wenn man so will, aus einer Zukunft ohne Hoffnung auf Besserung) durch den Raum und mähen alles nieder, was sich bewegt.

Das letzte Wort behält die Musik – mit einem einsam traurigen Bassklarinettensolo

Christian Dollfuß (Bassklarinettist der Sächsischen Staatskapelle), Sächsischer Staatsopernchor Dresden

Bei Konwitschny hat die Frankreich zu der Zeit tatsächlich regierende Königin-Mutter Catherine de Médicis den Mordauftrag persönlich erteilt (das war bei der Uraufführung 1836 aus Zensurgründen nicht drin). In Dresden macht sie es (vielleicht sogar erstmals?) selbst. Sabine Brehm beeindruckt dabei hinter einem modernen Rednerpult mit ihrem Escot-Hut, was hier wie eine Botschaft aus der Zukunft wirkt. Am Ende erschießt der oberste Katholik Graf de St. Bris sogar seine eigene Tochter, die sich den Hugenotten angeschlossen hatte. Immerhin erstarrt er, als er es bemerkt. Doch das letzte Wort in dieser Inszenierung behält ein einsam trauriges Bassklarinettensolo zwischen den Leichen der Bartholomäusnacht.

Hervorragendes Ensemble auf dem gewohnt hohen Niveau des Hauses

Jennifer Rowley (Valentine), Christoph Pohl (Graf de Nevers)

Musiziert und gesungen wird dank Stefan Soltész und einer Sächsischen Staatskapelle, der der Ausflug ins französische Um- bzw. Vorfeld von Wagner hörbar Freude macht, und dem hervorragenden Ensemble auf dem gewohnt hohen Niveau des Hauses. John Osborn als Hugenotten Edelmann Raoul und Jennifer Rowley als seine katholische Geliebte Valentine steigern sich von Akt zu Akt und begeistern mit ihrem Liebesduett kurz vor der großen Katastrophe restlos. Durchweg beeindruckend in seiner körperlichen Stattlichkeit und stimmlichen Wucht ist John Relyea als Raouls Diener Marcel, der das leitmotivische „Ein feste Burg ist unser Gott“ bei jeder Gelegenheit als Waffe einsetzt. Standfest auch Tillmann Rönnebeck als sein Gegenüber Graf de St. Bris auf der anderen Seite. Seinem Fanatismus fällt nicht nur der Exverlobte seiner Tochter Nevers (Christoph Pohl), sondern auch sie selbst zum Opfer. Venera Gimadieva ist eine koloratursichere, attraktive Königin Marguerite, Stepanka Pucalkova profiliert sich als Page der Königin Urbain mit bestechender Präsenz. Das gesamte Ensemble hält mit, und auch der von Jörn Hinnerk Andresen einstudierte vorzügliche Dresdner Opernchor spielt alle seine Vorzüge aus. Das Premierenpublikum feierte die Protagonisten und streute beim Regieteam ein paar Buhs ein. Große Oper halt!

Semperoper Dresden
Meyerbeer: Les Huguenots

Stefan Soltész (Leitung), Peter Konwitschny (Regie), Bettina Bartz (Konzeptionelle Mitarbeit & Dramaturgie), Johannes Leiacker (Bühne & Kostüme), Fabio Antoci (Licht), Venera Gimadieva, Jennifer Rowley, Tilmann Rönnebeck, Christoph Pohl, Stepanka Pucalkova, Simeon Esper, Aaron Pegram, Chao Deng, Magnus Piontek, Mateusz Hoedt, John Osborn, John Relyea, Jürgen Müller, Gerald Hupach, Michal Doron, Sabine Brohm, Grace Durham, Petra Havránková, Brynne McLeod, Sächsischer Staatsopernchor Dresden, Kinderchor der Semperoper Dresden, Sächsische Staatskapelle Dresden

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