Startseite » Oper » Opern-Kritiken » Spirituelle Grausamkeit

Opern-Kritik: Staatsoper Stuttgart – Saint François d’Assise

Spirituelle Grausamkeit

(Stuttgart, 11.6.2023) Stadtwanderst du noch oder pilgerst du schon? Das achtstündige Event zwischen Opernhaus und Sommerfrische mit Picknick gleicht einer säkularen Antwort auf spirituelle Überwältigungsstrategien. Die Monumentalität Messiaens erfährt jenseits säuselnder Gefälligkeit ihre zeitgemäße Übersetzung.

vonRoland H. Dippel,

Es zeichnet sich ab, dass die 1983 in Paris uraufgeführte Vier-Stunden-Oper „Saint François d’Assise“ zum zweiten wichtigen Religionsklassiker der Oper des 20. Jahrhunderts wird – neben Arnold Schönbergs weitaus spröderem wie mindestens ebenso sperrigem „Moses und Aron“. Die Premieren-Zahlen von Olivier Messiaens Opus summum an Häusern wie Darmstadt, in der kommenden Spielzeit in der Elbphilharmonie und Genf beweisen es. An der Staatsoper Stuttgart gab es im Opernhaus selbst und dem etliche Tram-Stationen entfernten Killesberg zwei komplementäre Schauplätze. Deshalb wurde das Publikum nach dem ersten Teil zum Hauptbahnhof geführt, zur sommerlichen Parkerkundung in die Autonomie entlassen und zurück begleitet. Vor der Stigmatisierung und dem heiliggemäßen Sterben gab es Lunchpakete für‘s Picknick.

Die Vogelpredigt ertönte mit hellem Sonnenschein und guten Temperaturen. Bei Messiaen ist sie ein 45-Minuten-Stück, in dem der zutiefst gläubige Komponist und Organist einen Großteil seiner ornithologischen Studien und Tonpoeme verwob. Neben den deutschen Untertiteln erschienen auch die Vögel, welche gerade aus Messiaens großdimensioniertem Pfeif-, Schlag-, Zwitscher- und Krähochester intonierten. Überwältigend war das, weil nach dem Fußmarsch durch den Park, die Bürger-Oasen und Rosen-Beete des Killesbergs die Frage, ob man einem Event oder doch eher einem richtig verstandenen Opernoratorium beiwohnt, unwesentlich wurde. War das noch Stadtwandern oder bereits Pilgern? Gute Vorüberlegung für Ausflugsideen.

Szenenbild aus „Saint François d’Assise” an der Staatsoper Stuttgart
Szenenbild aus „Saint François d’Assise” an der Staatsoper Stuttgart

Sommerliche Klanggigantomanie

Die mit der Masse auch Bewusstsein zeigende Riesenbesetzung des Staatsorchesters Stuttgart – allein mit drei Ondes Martenots, drei Perkussionisten am aus dem Haus besetzten Schlagwerk sowie Heerscharen von Streicher- und Bläsergruppen – war eine säkulare Antwort auf spirituelle Überwältigungsstrategien. Manuel Pujol hatte mit den über hundert Chor- und Extrachor-Stimmen zwar nur ein Drittel der von Messiaen gewünschten Besetzung einstudieren können, gelangte aber auf der Bühne wie im Freilichttheater zu orgiastischen Klangwirkungen. Am Pult hielt Titus Engel den Anforderungen der Partitur, deren repetierenden Tonstrahlen, der schmerzlich intensiven Tonmalerei von François‘ Gotteserlebnis und ihrer packenden Eindringlichkeit in voller Länge stand. Er glättete weder die zermarternde Exzessivität in Messiaens das Publikum nicht schonendem Heiligenleben noch deren grelle Farben und Nähen zu Wagners „Ring“. Immer ganz nah war Engel an der schlanken Monumentalität Messiaens wie dem von Katrin Connan mit dunkler bis düsterer Strenge gestalteten Bühnenraum.

Der Ausflug in die Sommerfrische zwischen den beiden Teilen im Opernhaus war demzufolge wichtig. Die Reise des Staatsorchesters Stuttgart von der Hauptbühne am frühen Nachmittag auf das Killesberg-Podium in der Abendsonne und zurück in den Orchestergraben des Opernhauses bis zur Dämmerung machte inhaltlichen Sinn. Auf der Opernbühne entstand immer mehr Raum für François, die Platzerweiterung für dessen spirituelles Erleben und seine Entrückung. Der Engel wurde zur Libelle, fast wie im Weihnachtsmärchen: Dazu gab es das vierte Bild für die Wanderung vom MP3-Player mit hauseigener Einspielung, was erstaunlich gut klang und keine Beeinträchtigung war. Die acht Stunden blieb man geistig also erstaunlich frisch.

Szenenbild aus „Saint François d’Assise” an der Staatsoper Stuttgart
Szenenbild aus „Saint François d’Assise” an der Staatsoper Stuttgart

Aggressives Mysterienspiel

Ebenso wie Michael Mayes in der Titelpartie mit Wotan-Dimensionen durch Ausmaß, Ausdruck und Stimmmaße. Gemeinhin stellt man sich den aus der toskanischen Edelschicht stammenden Heiligen Francesco zierlich und aristokratisch vor. Das ist Mayes noch weniger als die anderen reifen, patriarchalen und meist Grandseigneurhaften Bassbaritone seit José van Dam. Ganz im Gegenteil: Mit Vollbart und Haarknoten ist er ein von der Karriereüberholspur weg zu psychischen Panorama-Routen bekehrter und trotzdem nicht milde werdender Platzhirsch.

Die Choreografin Janine Grellscheid verordnete ihm schon im ersten Bild schwindeln machende Derwisch-Drehungen. Bei der Vogelpredigt am Killesberg muss Mayes in Begleitung von Elmar Gilbertsson als Bruder Massée sogar auf buschigen Abhängen balancieren. An den perfid-balsamischen Psalmodie-Rekorden seiner Partie kann Mayes nichts ändern. Aber er zeigt, was in Messiaens Textbuch steckt: Freude gibt es für den Heiligen nur in der Selbstüberwindung zum Kontakt mit den Ekeligen, als den er den Aussätzigen (Moritz Kallenberg) küsst. Schön sophistisch auch die Schlusswendung: Da erscheint wie Dostojewskis Gedankenpolizei-Großinquisitor Danylo Matviienko, der als Bruder Léon die Oper mit seinen Zweifeln und Ängsten beginnt.

Szenenbild aus „Saint François d’Assise” an der Staatsoper Stuttgart
Szenenbild aus „Saint François d’Assise” an der Staatsoper Stuttgart

Ganzheitlich und aktuell

Ob diese Lesart Messiaen gefallen hätte? Auf alle Fälle glitt Anna-Sophie Mahlers Regie nicht in säuselnde Gefälligkeit ab. Alles Liebliche ist dem jetzt agnostischen musikalischen Mysterienspiel für den Großraum Stuttgart mitsamt Rest der Welt ausgetrieben. Die aus der Bürgerschaft gesammelten Hoodys hängen an den Brüdern wie Sackleinen (Kostüme: Pascale Martin). Sie machen den Chor, die als Pilgergruppen-Leiter und auf der Bühne eingesetzten Statisten zu einer globalisierten Millionendorf-Gruppe ohne Individualität. Sie beklagen und bewundern François, verstehen dessen Nöte aber nicht im entferntesten. Der Libellen-Engel hatte als einzige Figur Kostüme mit der grellen Buntheit von Regenbogenfarben und Lametta. Beate Ritter singt dessen Fragezeichen-Kantilenen mit milder Lieblichkeit geradewegs hypnotisch.

Mahler malt also Bewusstsein, mit dem sich vielleicht die tierisch-menschlich-pflanzliche Weltbevölkerung retten lässt. Ihr François ist ein Heiliger, der den Kopf aus der bergenden Fruchtblase des Katholizismus ins Bewusstsein der Verbundenheit von allem mit allem drückt. Das Publikum jubelte.

Staatsoper Stuttgart
Messiaen: Saint François d’Assise

Titus Engel (Leitung), Anna-Sophie Mahler (Regie), Katrin Connan (Bühne), Pascale Martin (Kostüme), Janine Grellscheid (Choreografische Mitarbeit), Georg Lendorff (Video), Bernd Purkrabek (Licht), Ingo Gerlach (Dramaturgie), Manuel Pujol (Chor), Beate Ritter, Michael Mayes, Moritz Kallenberg, Danylo Matviienko, Elmar Gilbertsson, Gerhard Siegel, Marko Špeha, Elliott Carlton Hines, Anas Séguin, Chor, Extrchor und Statisterie der Staatsoper Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart

Auch interessant

Rezensionen

  • Asya Fateyeva steht mit Hingabe für die Vielseitigkeit ihres Instruments ein.
    Interview Asya Fateyeva

    „Es darf hässlich, es darf provokant sein“

    Asya Fateyeva, Porträtkünstlerin beim Schleswig-Holstein Musik Festival, spricht über den Reiz und die Herausforderungen des für die Klassik so ungewöhnlichen Saxofons.

Newsletter

Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach: frische Klassik!