Frösche, die im Flickflack virtuos über die Bühne preschen, ein stolzer Hirsch, der mit einem eleganten violetten Schmetterling ein akrobatisches Seiltanzduett vollführt – und die Schnecke… nun ja, sie ist halt die Schnecke: Zu welch außergewöhnlichen Choreografien diese Waldbewohner fähig sind, wenn der Mensch nicht hinsieht oder der Förster auf dem Waldboden verträumt vor sich hindöst. Es ist ein spielerisches Tanztableau zu einer musikalischen Naturidylle, in deren Klang man Wald, Unterholz, Tannengrün und Sommerschwüle beinahe riechen zu hören meint. Ein tierisch-verwunschener Kontrapunkt in Leoš Janáčeks Oper „Das schlaue Füchslein“, die hier stärker als zauberhafte Tierfabel auftritt, als es der folgende rurale Realismus vermuten ließe.
Am Samstagabend feierte das Werk, erstmals an der Berliner Staatsoper Unter den Linden zu erleben, Premiere. Regisseur Ted Huffman gelingt der souveräne Umgang mit dem Grundkonflikt des Stücks: Als Märchenstoff ist „Das schlaue Füchslein“ oft zu wehmütig, in seinen fatalistischen Zügen bisweilen von brutaler Konsequenz. Die Menschen bleiben in ihrem schlichten Bauernleben gefangen. Weder Pater noch Schulmeister noch Förster vermögen ihrer sexuellen Begierde Erfüllung zu verschaffen; was an Sehnsüchten trocken versandet, wird am Stammtisch im Alkohol ertränkt. Doch auch die Tiere sind an den Kreislauf des Lebens gebunden: Auf jugendlichen Entdeckergeist folgen Familiengründung und schließlich der Tod.

Semirealismus
Als Metapher eines erkalteten Realismus taugt das Werk dennoch nicht. Zu sehr schillert, schimmert, fließt und fühlt diese Musik. Huffmans Verdienst besteht darin, das Märchen im Allgemeinen und diesen Janáček im Besonderen ernst zu nehmen. Wohltuend ist der Verzicht auf lebensphilosophisches Pathos. Die Bühne gleicht einem Diorama, in dem sich Försterstube, Dachsbau und Wirtschaft in rascher Bildfolge rhapsodisch zusammenfügen; die Szenen greifen ineinander, die dreiteilige Aktstruktur löst sich sinnfällig auf. Auf Tiermasken und allzu klischeeträchtige Kostüme wird verzichtet, das animalische Kolorit lediglich angedeutet: Die Füchse tragen Orangebraun, die Frösche Grün. Priester und Förster sind an Soutane und Janker klar zu erkennen, doch der Übergang vom Menschlichen ins Tierische bleibt fließend – besonders in jenem Moment, da das Mädchen Terynka dem Füchslein einen Rock reicht und dieses seine Sehnsucht nach dem Menschsein besingt.

Großartige artistische Elemente
Eine besondere gestalterische Note erhält die Tierwelt durch die jungen Artisten der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin. Frei von karnevaleskem Kitsch erschaffen sie eine bewegte, verwunschene Fauna – ein gelungener Verjüngungseingriff, zumal das Stück bei aller Frühlingsharmonie durchaus zähe Längen entwickeln kann. An der Seite des vitalen Kinderchors bilden sie den lebendigen Gegenpart zu den von Alter und Gewohnheit gezeichneten Menschen. Überhaupt überzeugt bei Huffman die Unmittelbarkeit manch tragikomischen Bildes: die Hühner etwa, die nach dem missglückten Revolutionsruf der Füchsin prompt zu deren Beute werden und schließlich traurig von Stangen und Leitern herabhängen.

Simon Rattle mit Erfahrung und Ehrfurcht vor dem Werk
So lebhaft das Regiekonzept, so sehr scheint Simon Rattle, der mit „Das schlaue Füchslein“ nach fünfzehn Jahren seinen Zyklus aller Janáček-Opern an der Staatsoper Unter den Linden beschließt, die Geschichte für sich längst auserzählt zu haben. Zu vertraut ist ihm diese Musik, die er seit Kindertagen auswendig kennt. Die perfekt abgerundeten Klänge, die der Brite der Berliner Staatskapelle entlockt, wollen nicht recht zur markant tschechischen Sprachrhythmik und zur funkelnden Harmonik Janáčeks passen. Für Liebhaber rückhaltender Gestaltung und beinahe studiohafter Atmosphäre mögen diese Orchestertöne ideal sein, ein expressiveres Lebenszeichen aus dem Graben jedoch hätte der Partitur gerade anfangs gutgetan.

Gelungenes Fuchsduett und der Ernst des Landlebens
Umso entscheidender erweist sich die Besetzung der drei zentralen Figuren. Vera-Lotte Boecker erzählt als weibliches Titelfüchslein ihren ganz eigenen Lebenskreislauf. Ihr natürliches Talent ist es, in jugendlichem Elan unschuldig zu wirken, aber brachial zu singen. Das überzeugt: im naiven Überschwang der Jugend ebenso wie im neckischen Spiel mit dem Förster, im Revolutionsgestus und schließlich im Tod. Magdalena Kožená ist im rotbraunen Zweireiher und mit karamellfarbenen Mezzotönen ein ideal gereifter Fuchs; als Duo zwischen Kinderwunsch und blutbeschmierter Schnauze nach dem Hasenverzehr entfalten beide große Intensität. Gestalterisch besonders eindrucksvoll gerät auch Svatopluk Sem, Ensemblemitglied des Prager Nationaltheaters. Sein Bariton zeichnet die karge bäuerliche Grundstimmung ebenso präzise wie die beinahe erschreckende Einsamkeit der Männer, die in dieser Inszenierung eindringlich zutage tritt.
Staatsoper Unter den Linden Berlin
Janáček: Das schlaue Füchslein
Simon Rattle (Leitung), Ted Huffman (Regie), Sonoko Kamimura (Regiemitarbeit), Nadja Sofie Eller (Bühne), Astrid Klein (Kostüme), Bertrand Couderc (Licht), Pim Veulings (Choreografie), Dani Juris (Chor), Vinzenz Weissenburger (Kinderchor), Vera-Lotte Boecker, Magdalena Kožená, Svatopluk Sem, Natalia Skrycka, Florian Hoffmann, David Oštrek, Carles Pachon, Kinderchor und Staatsopernchor, Staatskapelle Berlin, Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin
Termintipp
Di., 03. März 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Janáček: Das schlaue Füchslein
Vera-Lotte Boecker (Füchslein Schlaukopf), Magdalena Kožená (Fuchs), Svatopluk Sem (Der Förster), Natalia Skrycka (Die Försterin/Eule), Carles Pachon (Harašta), Simon Rattle (Leitung), Ted Huffman (Regie)
Termintipp
Sa., 07. März 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Janáček: Das schlaue Füchslein
Vera-Lotte Boecker (Füchslein Schlaukopf), Magdalena Kožená (Fuchs), Svatopluk Sem (Der Förster), Natalia Skrycka (Die Försterin/Eule), Carles Pachon (Harašta), Simon Rattle (Leitung), Ted Huffman (Regie)
Termintipp
Fr., 13. März 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Janáček: Das schlaue Füchslein
Vera-Lotte Boecker (Füchslein Schlaukopf), Magdalena Kožená (Fuchs), Svatopluk Sem (Der Förster), Natalia Skrycka (Die Försterin/Eule), Carles Pachon (Harašta), Simon Rattle (Leitung), Ted Huffman (Regie)
Termintipp
So., 15. März 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Janáček: Das schlaue Füchslein
Vera-Lotte Boecker (Füchslein Schlaukopf), Magdalena Kožená (Fuchs), Svatopluk Sem (Der Förster), Natalia Skrycka (Die Försterin/Eule), Carles Pachon (Harašta), Simon Rattle (Leitung), Ted Huffman (Regie)




