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Opern-Kritik: Staatstheater Braunschweig – I Capuleti e i Montecchi

Queeres Liebesdrama

(Braunschweig, 19.4.2026) Regisseur Jan Eßinger deutet die gleichgeschlechtliche Setzung als schicksalhafte Verfallenheit des berühmtesten Liebespaares der Kulturgeschichte. Musikalisch wähnt man sich in den siebten Opernhimmel versetzt.

vonRoland H. Dippel,

Wie gelangt man aus dramatischen Lücken zu einer auf den ersten Blick ungewöhnlichen Neusicht? Vincenzo Bellini komponierte seine „Romeo und Julia“-Adaption 1830 für das Teatro La Fenice in Venedig mit großer Eile. Sie war nach „Il pirata“ und neben der 1831 phänomenal einschlagenden „La sonnambula“ sein größter Triumph, unter anderem am Hoftheater Dresden mit Wilhelmine Schröder-Devrient. Eine Erfolgsgeschichte im zweiten Anlauf: Der Textdichter Felice Romani bearbeitete sein bereits existierendes Libretto und im 19. Jahrhundert ersetzte man Bellinis originales Finale lange mit dem brillanteren Ende aus „Giulietta e Romeo“ von Nicola Vaccai (1825). Heute jedoch hat Bellinis „Capuleti“ gerade wegen dieses in einer langen Szene vorbereiteten und damit revolutionären Schlussduetts einen hohen Stellenwert unter den Belcanto-Entdeckungen der letzten fünfzig Jahre.

Szenenbild aus „I Capuleti E I Montecchi“
Szenenbild aus „I Capuleti E I Montecchi“

Queere Positionierung von Julia und Romeo

Am Staatstheater Braunschweig entschloss sich das Produktionsteam zu einer erhöhte Aufmerksamkeit versprechenden Sicht: Frauenliebe in einem mafiösen Milieu. Jan Eßinger überließ die gleichgeschlechtliche Setzung als schicksalhafte Verfallenheit aneinander der eher metaphorischen als real zu nehmenden Ausstattung. So erhält Bellinis „Tragedia lirica“ eine zwar besondere, aber keine sonderlich aufregende Farbe. Die Außenseiterposition einer Liebe über die Barrieren verfeindeter Politgruppen gehört zu den wichtigsten Narrativen der Kulturgeschichte – in welcher Konstellation auch immer. Besonders deutlich hier bei Bellini und Romani, weil sie auf so gut wie alle von Shakespeare aus italienischen Quellen übernommenen Handlungsschritte verzichteten: Kein Maskenfest, keine Balkonszene, keine Nebenfiguren und kein poetisches Rankenwerk über Fee Mab, nächtliche Rittererscheinungen, Nachtigall und Lerche…

Szenenbild aus „I Capuleti E I Montecchi“
Szenenbild aus „I Capuleti E I Montecchi“

Triumph der Musik

Die szenische Drastik von Romanis Textbuch wird sich bei einer perfekten musikalischen Wiedergabe von „I Capuleti e i Montecchi“ immer am schwebenden bis tänzerischen Gestus der Komposition reiben. GMD Srba Dinić ermöglichte dem Staatsorchester Braunschweig und dem von Johanna Motter eher zu Bellini-Kompetenz als Konzept-Bezug angeleitetem Herren-Chor eine kongeniale Leistung. Unter Führung der exponierten Flöten wechseln elegante Presto-Läufe der Streicher, immer diskret akzentuierte Blecheinsätze und Dinićs unauffällig koordinierende Leitung. Dirigat und Orchester versetzen in den siebten Opernhimmel. Eloquente Kritik am Patriarchat stellt sich indirekt ein, weil Dinić mit Stil immer bei Bellinis Noten bleibt. Philipp Kapeller in der Partie von Giuliettas Verlobtem Tebaldo zeigt, dass die Macho-Attitüde der ersten Arie für die Figur – hier ein Adlatus mit Scheitel und blässlichem Auftreten – etwas zu groß ist. Seinen Strahlemoment hat Kapeller in der genau inszenierten Schlägerei und dieser folgenden Versöhnung mit Romeo. Rainer Mesecke als wenig profilierter Helfer Lorenzo und Sungjun Cho als autoritärer Capellio zeigen das Männergefüge und dessen blässliche Uniformität – so nüchtern und sachlich wie die mattbeigen Anzüge von Natascha Maraval.

Szenenbild aus „I Capuleti E I Montecchi“
Szenenbild aus „I Capuleti E I Montecchi“

Zärtlichkeiten auf der Limousine

Flucht aus dem Realismus in die komponierten Utopien signalisiert das Bühnenbild Marc Weegers. Eine enge Betontreppe von der klassizistischen Repräsentiationsebene in die von Romeo mit Graffiti auf Anfängerniveau besprühten Wände eines Garagenkellers ist der Hauptschauplatz. Da drängeln sich die Macho-Maden zusammen und freuen sich auf die Präsentation ihres Filetstücks Giulietta. Zu den Höhepunkten der Zwiegesänge suchen sich in Videos die Lippen der Sängerinnen, öffnet sich ein nächtliche Hymnen feiernder Himmel und kommt es zu physischen Zärtlichkeiten auf der Kühlerhaube. Paradoxer Hebeleffekt: Ob in dieser heteronormative Muster imitierenden Charakterisierung zwei Frauen oder ein gegengeschlechtliches Paar gegen die patriarchalen Direktiven verstoßen, ist schlichtweg zweitrangig.

Dazu hilft wenig, dass in der Ouvertüre gezeigt wird, wie die Liebe Giuliettas und Romeos aus einer Kinderfreundschaft wächst, und Giulietta in den Schlussakkorden erst ihren Vater abknallt, dann den Revolver auf sich richtet. Queerness wird in diesem Falle als apartes Kolorit, nicht aber essenziell dramatisches Agens betrachtet.

Szenenbild aus „I Capuleti E I Montecchi“
Szenenbild aus „I Capuleti E I Montecchi“

Harmonie der Stimmen

Desto schöner werden zwei lange Momente, in denen die Stimmen Giuliettas und Romeos erklingen, ohne dass man sie sieht. Die beiden Frauen harmonieren optimal – jede für sich ist eine fulminante Besetzung in den anspruchsvollen Herausforderungen! Milda Tubelytė singt sich mit betörendem Flirren durch die Partie des Romeo. Nina Solodovnikova wertet die sehr homogene und deshalb schwierigere Partie der Giulietta dramatisch auf. In den Strophengebilden entwickelt Solodovnikova eine fast magische Konzentration, in den zahlreichen Höhenläufen sensible Kraft. Von dieser Stimme möchte man unbedingt mehr Bellini und Belcanto hören. Das Publikum war begeistert und feierte nach der Premiere alle.

Staatstheater Braunschweig
Bellini: I Capuleti e i Montecchi (Romeo und Julia)

Srba Dinić (Leitung), Jan Eßinger (Regie), Marc Weeger (Bühne), Natascha Maraval (Kostüme), Johanna Motter (Chor), Björn Seela (Dramaturgie), Nina Solodovnikova (Giulietta), Milda Tubelytė (Romeo), Philipp Kapeller (Tebaldo), Rainer Mesecke (Lorenzo), Sungjun Cho (Capellio), Staatsorchester Braunschweig, Herren-Chor des Staatstheaters Braunschweig






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