Hanns Eisler (1918-1962) war zwar zeitlebens formal österreichischer Staatsbürger. Aber seine Biographie ist vor allem ein Exempel für die Verwerfungen der deutschen Geschichte. Jüdische Herkunft und kommunistische Gesinnung; ein Arnold Schönberg-Schüler und Freund und künstlerischer Partner von Bertolt Brecht. Seine Melodie zu „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“ kennt zumindest im Osten Deutschlands jedes (dort zum Erwachsenen gewordenes) Kind. Es war die Nationalhymne der DDR. Dorthin zu gehen, hatte er entschieden, nachdem er im amerikanischen Exil als Jude und Kommunist den Naziterror überlebt und im Zuge der Kommunistenjagd unter Senator McCarthy ausgewiesen wurde. In der DDR, wie Paul Dessau, ein (gelegentlich) drangsalierter, aber doch gefeierter Komponist dieses deutschen Staates. Im anderen, größeren Deutschland komplementär dazu aus politischen Gründen (und nicht wie viele Schicksalsgenossen unter den vertriebenen Komponisten wegen des Moderne-Dogmas der Nachkriegszeit) eher eine Unperson.

Festival „Deutschland, Deutschland unter anderem“
So ist es per se ein Verdienst des Staatstheaters Kassel im Rahmen seines Saisonabschluss-Festivals „Deutschland, Deutschland unter anderem“, die szenische Erstaufführung von Eislers musikalisch agitatorischem Kraftakt „Deutsche Sinfonie“ zu wagen. Sie ist in den Jahren von 1935 bis 1947 entstanden, in seinen DDR-Jahren vollendet und 1959 in Ost-Berlin uraufgeführt.
In seiner klassenkämpferischen und geschichtskritischen Intention ist das Werk vergleichbar mit Paul Dessaus ebenfalls im amerikanischen Exil zwischen 1943 und 47 entstandem (selbst-) anklagenden Oratorium „Deutsches Miserere“, zu dem auch Brecht den Text beisteuerte. In diesem Falle kam die erste szenische Version von Dietrich Hilsdorfin Leipzig 2011 nicht über eine plakative Illustration hinaus.

Die Raummöglichkeiten der Kassler Interimsspielstätte werden offensiv genutzt
Für Eislers Deutsche Sinfonie nutzten Paul-Georg Dittrich (Regie), Pia Maria Mackert (Bühne), Anna Rudolph (Kostüme) und Lukas Rehm (Video) die besonderen offenen Raummöglichkeiten der Kassler Interimsspielstätte offensiv und mit Geschick. Das Orchester unter Leitung von Kiril Stankowist direkt vor der Zuschauertribüne platziert. Im frei bleibenden linken Teil der Spielfläche ist eine offene Versenkung, die als Drehort für einen englischen Schwarz-Weiß Film von Fritz Lang über die beginnende Judenverfolgung genutzt wird. Dahinter, zu ebener Erde, findet sich ein Raum für eine im Einheitslook ausstaffierte Erinnerungs-(bzw. Verdrängungs-)Gesellschaft von heute mit metaphorischem Geweihkitsch an den Wänden. Dahinter eine wandelbare Fassade mit der Aufschrift HOMELAND über dem Eingang. Links oben ein cleanes rosa Zimmer mit großem Hitlerbild an der Wand, braununiformierten Eltern und blondbezopftem Nachwuchs am Tisch. Diese beiden Mädels spielen am Ende zu Füßen des Publikums mit einem Spielzeug-Internetcafe, einem Wohnwagen und eine Pappsprechblase mit „Bum!“ eine Spätfolge der Nazijahre nach. Kassel war der Schauplatz des neunten, bis heute nicht restlos aufgeklärten NSU-Mordes. Oben in der Höhe gibt es im Schatten der New Yorker Freiheitsstatue den emigrierten Hanns Eisler im Halbdutzend. Sofort erkennbar – wobei Schauspieler Clemens Dönicke den (etwas allzu ausführlich geratenen) Hauptpart mit diversen gesprochenen Passagen übernimmt. So werden das Werk und die Geschichte seiner Entstehung quasi synchronisiert. Diese Backstage-Atmosphäre nutzen auch die Namensaufdrucke auf dem Rücken des Bertolt Brecht-Darstellers Stefan Hadžićund Fritz Lang beiIlseyar Khayrullova(die auchHilde Coppi verkörpert). Das Protagonistenensemble wird durch Ian Siddenals Hans Coppi und Priester komplettiert.

Fragwürdige Ergänzung von elektronischen Kompositionen
Über die Einfügung von elektronischen Kompositionen von Christopher Scheuer mag man geteilter Meinung sein. Die Einfügung des „Engels der Verzweiflung“ ist ein gelungener szenischer Coup. Marta Kristín Friðriksdóttir ist mit ihrer funkelnden Flügelapparatur der Hingucker unterm menschlichen Personal. Und die dunkle Spieglung des berühmten Engels der Geschichte, zu dem Walter Benjamin Paul Klees „Angelus novus“ stilisiert hat. Bei Dittrich wird diese von Benjamin und in der Folge von Heiner Müller inspirierte Figur zum Wegbegleiter eines Komponisten, den der kämpferische Wille nicht vor der Wirkungslosigkeit seines Komponierens bewahrt. In einem eindrucksvollen Bild spült ihn der metaphorische Regen, der nach unten fällt, schutzlos unter seinen immer mehr durchlöcherten Flügel. Von dem „und der Zukunft zugewandt“ (wie es in der Nationalhymne heißt) ist da nicht viel übrig.
Die „Deutsche Sinfonie“ ist Orchesterstück, Melodram, Oratorium und Chor-Kantate. Die erste szenische Umsetzung in ihrem Wechselspiel von großem Orchester, gesungenen und gesprochenen Passagen und der simultanen szenischen Collage, inklusive der live gedrehten Videos, baut nicht nur ihre eigene Spannung auf. Sie bietet einen packenden Tauchgang in die Untiefen der deutschen Geschichte. Und das als Mahnung für die Gegenwart.
Staatstheater Kassel
Eisler: Deutsche Sinfonie
Kiril Stankow (Leitung), Paul-Georg Dittrich (Regie), Pia Maria Mackert (Bühne), Anna Rudolph (Kostüme), Lukas Rehm (Video), Christopher Scheuer Sounddesign & Elektronik), Teresa Martin (Dramaturgie), Marco Zeiser Celesti (Chor),Clemens Dönicke (Hanns Eisler), Marta Kristín Friðriksdóttir (Engel der Verzweiflung), Stefan Hadžić (Bertolt Brecht), Ilseyar Khayrullova (Fritz Lang, Hilde Coppi), Ian Sidden (Hans Coppi, Priester), Opernchor des Staatstheaters Kassel, Staatsorchester Kassel, Statisterie des Staatstheaters Kassel
Mi., 03. Juni 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Eisler: Deutsche Symphonie
Marta Kristín Friðriksdóttir (Sopran), Ilseyar Khayrullova (Alt), Stefan Hadžić (Bariton), Ian Sidden (Bass), Clemens Dönicke (Hanns Eisler), Kiril Stankow (Leitung), Paul-Georg Dittrich (Regie)
Sa., 13. Juni 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Eisler: Deutsche Symphonie
Marta Kristín Friðriksdóttir (Sopran), Ilseyar Khayrullova (Alt), Stefan Hadžić (Bariton), Ian Sidden (Bass), Clemens Dönicke (Hanns Eisler), Kiril Stankow (Leitung), Paul-Georg Dittrich (Regie)
Fr., 19. Juni 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Eisler: Deutsche Symphonie
Marta Kristín Friðriksdóttir (Sopran), Ilseyar Khayrullova (Alt), Stefan Hadžić (Bariton), Ian Sidden (Bass), Clemens Dönicke (Hanns Eisler), Kiril Stankow (Leitung), Paul-Georg Dittrich (Regie)
Di., 23. Juni 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Eisler: Deutsche Symphonie
Marta Kristín Friðriksdóttir (Sopran), Ilseyar Khayrullova (Alt), Stefan Hadžić (Bariton), Ian Sidden (Bass), Clemens Dönicke (Hanns Eisler), Kiril Stankow (Leitung), Paul-Georg Dittrich (Regie)




