„Arabella“ ist schwierig. Die Opern-„Liebelei“ über die Komtesse Arabella, die den „Richtigen“ erwartet und durch kupplerischen Anschub ihres Vaters einen edlen Hirsch aus den slawonischen Wäldern am Haken hat, wird wegen des schwierigen Frauenbildes und als ultraspäter Edeloperetten-Abklatsch gefürchtet. Vor jeder der mit schlechtem Dramaturgie-Gewissen angesetzten und meist hymnisch bejubelten Produktionen steht die Frage: Wie reaktionär verstrahlt ist die letzte Zusammenarbeit des 1929 verstorbenen Hugo von Hofmannsthal mit Richard Strauss wirklich?

Diese „lyrische Komödie“ ist eine artifizielle Alternative zu jener Unterhaltungsindustrie der Weimarer Republik, die heute durch Aufführungen und Wissenschaft eine bemerkenswerte Aufwertung erfährt. Hofmannsthal und Strauss setzten sich radikal ab von den mondänen Operetten eines als trivial betrachteten Franz Léhar, Eduard Künneke oder Leo Fall. Wo jene auf zeitgenössische Modetänze, Revue-Schlager und Publikumseffekte schielten, suchte das edelste Kreativduo der deutsch-österreichischen Oper in Rückblick auf das Wien von 1860 eine psychologisierte Kunstform mit musikalischen Pastellen aus Walzern und slawischem Musikmaterial. Die Bedeutung des letzteren für das Werkganze wurde jetzt am Theater Altenburg Gera viel deutlicher hörbar als in vielen anderen Aufführungen.

Finanzieller, moralischer und ideologischer Ruin
Trotzdem: „Arabella“ bleibt ein herausforderndes Opus durch kaum auflösbare Koinzidenzen: Hofmannsthals jüdische Wurzeln contra Strauss‘ Zukunft als Präsident der Reichsmusikkammer. Die „Arabella“-Uraufführung als Prestige-Event, das den braunen Machthabern eigentlich zu dekadent war und in den Strauss-Hochburgen München und Wien noch als nostalgisches Repertoire-Filet präsentiert wurde, als die junge Alice Schwarzer auf die Barrikaden ging. Jetzt wagten Kay Kuntze und GMD Ruben Gazarian das polyvalente Edelstück im Theaterhaus Gera und brauchen sich hinter Dresden und München nicht zu verstecken.

Das Grafenpaar Waldner pfeift wirtschaftlich aus dem letzten Loch: Theodor erhöht mit seiner Spielsucht die existenzgefährdenden Schuldenberge, Adelaide erhofft mit ekstatischen Verzweiflungsschüben das Wunder einer guten Partie für die Tochter Arabella. Deren jüngere Schwester Zdenka fühlt sich in den ihr wegen der klammen Finanzen aufgezwungenen Männerverkleidung zunehmend unwohl und setzt sich für ihre Liebe zum eigentlich Arabella anhimmelnden Jägeroffizier Matteo über alle Konventionen hinweg. Im genial wuselnden Orchestersatz des zur Entstehung über 65-jährigen Strauss herrscht dazu eine intime bis virtuose Dauerexplosion. Darüber finden die Stimmen in Gera relativ häufig und erstklassig zu echten Melodie-Juwelen über „zweifelhafte Existenzen“ – wie es Arabella mit Blick auf ihre Familie vor dem zukünftigen Gatten Mandryka tändelnd ausdrückt.
Keine Treppen für den Trieb
Die Regie des Generalintendanten und die eher Richtung 1900 vorpreschende statt in der beginnenden goldenen Operettenära nach 1860 bleibende Ausstattung von Benita Roth zeigen das in klugen bis bösen Details. Man muss aber äußerst genau hinschauen und zuhören in dieser Produktion. Nicht immer ist es so, wie etwas scheint oder man das aus dem Werkganzen von feinem Text und den schier undurchdringlichen Sinnebenen der Musik zu entnehmen glaubt. Man denkt an das Wien von Schnitzler und Felix Salten. Es wird deutlich, dass es beim Fiakerball an diesem Faschingsdienstag um Alles oder Nichts geht. Die nonbinäre Fiakermilli (Julia Gromball mit sensationell verlangsamten, zwei bis dreideutigen Koloratur-Seidenbändern) entfesselt bei Frauen und Männern ein erotisches Roulette. Mandryka scheint beim ersten Auftritt mit dem dunkelroten Futterstoff seiner Pelerine direkt aus Draculas Transsylvanien ins Wien der ganz frühen Moderne mitsamt exotischer Kartenaufschlägerin (gerissen und virtuos: Franziska Weber) importiert zu sein. Generell gibt es keine der von Hofmannsthal erforderten Treppen: Der erotische Trieb macht keine Unterschiede zwischen den Ständen, wie der mit feinen Soziolekt-Details gestickte Text ständig nahelegt und man hier auch sieht. Nicht hämisch, sondern mit traurigen bis primitiven Brüchen.

Melancholie in Piano und Forte
Ruben Gazarian lieferte eine für jedes große Haus ehrenvolle Prachtleistung. Das hervorragend disponierte Philharmonische Orchester Altenburg Gera, die für den kleinen Part mit dem Opernchor und Philharmonischen Chor Gera groß besetzten Massen (Leitung: Judith Bothe) fluten ebenfalls mit Dichte und einem melancholischen Schleier sogar im Fortissimo. Aus den Solostreichern von Arabellas Monolog raunen Primas-Klänge. Gleichzeitig setzt Gazarian die Walzer-Sequenzen mit einem schwebend betörenden Fluidum, das die Fragilität der Szene zu Klang macht.

Rettung einer Problem-Partie
Gera kann unverändert Stolz auf sein auch diesmal lautstark und auch von vielen angereisten Zuschauern umjubeltes Ensemble zeigen. Eigentlich unverständlich, dass Anne Preuß noch immer nicht an ein größeres Haus geholt wurde. Mit festem, flirrendem und in den vielen schwierigen Stellen beglückend gut geführtem Sopran gibt sie eine Arabella, wie sie zwischen Zickigkeit und Herzlichkeit nicht im Buch steht. Sie wuchtet mit sängerischer Bestleistung das bereits zur Uraufführung patinierte Frauenbild ins 21. Jahrhundert – mit Kompromissen, die bei Feministinnen den Brechreiz auf das Stück vermindern könnten.

Subtil auf gleicher Ebene ist Natalie Image als Zdenka – mit deutlicher Zerrissenheit, warmen Silbertönen und empathischen Gesten. Jongwoo Ki gibt einen Matteo fern jeder Karikatur mit ehrlicher Leidenschaft und ernstem Gestus, was in dieser Partie schwer ist. Johannes Beck ist ein Graf Waldner mit erstarrenden Routinen, Rita Lucia Schneider eine interessant zwischen Resignation und Mondänität changierende Gräfin Adelaide, welche von ihr zu einer Hauptpartie gemacht wird. Alejandro Lárraga Schleske gibt keinen zu charismatischen Retter Mandryka. Immer wieder blitzt auf, dass Mandrykas Frauenbild noch rückständiger ist als das der Wiener Feiermeute, er dem vergöttlichten und dadurch noch mehr entmündigten Geschlecht aber eine relativ hohe Wertschätzung entgegenbringt. Schade, dass Jaeyoung Lee und Kai Wefer als Arabellas abgewiesene Verehrer Graf Dominik und Graf Lamoral nicht mehr gefordert sind.
Tobias Kratzer entwarf in seiner „Arabella“-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin vor drei Jahren eine utopische Schlussvision als Alternative zu den bürgerlichen Geschlechter-Stereotypen. Kay Kuntze dagegen schaffte es, mit dem Bilderarsenal von Hofmannsthal und Strauss eine ehrliche, aber Arabella und Mandryka nicht denunzierende Beziehung zu etablieren. Das ist in dieser genial verquasten Oper eine echte Kunst.
Theater Altenburg Gera
Strauss: Arabella
Ruben Gazarian (Leitung), Kay Kuntze (Regie), Benita Roth (Bühne & Kostüme), Judith Bothe (Chor), Peter Larsen (Dramaturgie), Johannes Beck (Graf Waldner), Rita-Lucia Schneider (Adelaide), Anne Preuß (Arabella), Natalie Image (Zdenka), Alejandro Lárraga Schleske (Mandryka), Jongwoo Kim (Matteo), Jan Kristof Schliep (Graf Elemer), Jaeyoung Lee (Graf Dominik), Kai Wefer (Graf Lamoral), Julia Gromball (Fiakermilli), Franziska Weber (Kartenaufschlägerin), Roman Koshmanov (Welko), Michael Schmortte (Jankel), Philharmonisches Orchester Altenburg Gera, Opernchor des Theaters Altenburg Gera, Philharmonischer Chor Gera
So., 21. Juni 2026 14:30 Uhr
Musiktheater
R. Strauss: Arabella
Anne Preuß (Arabella), Johannes Beck (Graf Waldner), Rita- Lucia Schneider (Adelaide), Natalie Image (Zdenka), Alejandro Lárraga Schleske (Mandryka), Ruben Gazarian (Leitung), Kay Kuntze (Regie)




