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Opern-Kritik: Theater für Niedersachsen – Harvey Milk Reimagined

Buntes Passions- und Revolutionsspiel

(Hildesheim, 3.5.2026) Das Theater für Niedersachsen wagt die deutsche Erstaufführung der Oper von Stewart Wallace über den 1979 in San Francisco ermordeten Queer-Aktivisten Harvey Milk. Ein enormer Erfolg.

vonRoland H. Dippel,

Am Ende aufjauchzende Ovationen zu einem politischen, aber auch künstlerischen Ereignis: Erst explodierte im Theater für Niedersachsen in Hildesheim die bildgewaltige Bühnen- und Videovision von Vincent Stefan und des Ausstatters Martin Miotk, dann der Zuschauerraum. Der am 27. November 1979 mit dem Bürgermeister George Moscone in San Francisco ermordete Queer-Aktivist Harvey Milk gehört zu den schwulen Ikonen des 20. Jahrhunderts. Die biografische Oper „Harvey Milk Reimagined“ von Stewart Wallace (Jahrgang 1960) mit Absprüngen zur queeren Sozial- und Sittengeschichte wurde jetzt am ambitionierten Theater für Niedersachsen zum satten Ereignis.

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Man kann einmal mehr darüber nachdenken, wie bzw. wodurch relevantes Theater in der sogenannten Provinz stattfindet und warum es nicht die der enormen Bedeutung angemessene Wahrnehmung erhält. Oder zu wenig. Oliver Graf kann „Harvey Milk reimagined“ zu den großen Ereignissen seiner inzwischen einige queere Höhepunkte reihenden Intendanz zählen, weil es nicht beim politischen Manifest bleibt und die mit unerschöpflichen Bilderfluten eine queere Walpurgisnacht entfesselnde Inszenierung auch ein künstlerisches Ereignis ist.

Szenenbild aus „Harvey Milk Reimagined“ am Theater für Niedersachsen
Szenenbild aus „Harvey Milk Reimagined“ am Theater für Niedersachsen

Knapp, spannend, eindeutig: Das Opern-Remake von 2022

Stewart Wallaces komprimierte Bearbeitung von 2022 mit verkleinertem Orchester, dafür radikal erweiterter metaphorischer und appellativer Bedeutung bietet jetzt ein ganz anderes dramatisches Potenzial als die erste Fassung in den 1990ern. Noch immer stehen Harvey Milk, sein Lebensgefährte Scott Smith und der politische Attentäter Dan White im Mittelpunkt, wie in der 1998 an der Oper Dortmund erstaufgeführten Fassung aus Houston. Allerdings ist um diesen Figurenkern, den man als Replik auf die klassische Operntriade aus Liebespaar und dessen Gegner deuten kann, alles knapper, härter, deutlicher. Die Stimme von Harveys besorgt vor Holocaust und Homosexualität warnender Mama durchschneidet die Szenen. Aus der linearen Komposition entwickelte Wallace eine durch das Sounddesign im Theater Hildesheim massiv eindringliche, ja bedrohliche Direktheit. Atmosphäre, Kolorit, Splitter aus der Alltagsgeschichte, Traumata aus den Verfolgungskatastrophen des 20. Jahrhunderts bilden ein audiovisuelles Cluster mit sarkastischen bis böse karikierenden Momenten, die weder vor deren Gegnern noch der queeren Community selbst innehalten.

Szenenbild aus „Harvey Milk Reimagined“ am Theater für Niedersachsen
Szenenbild aus „Harvey Milk Reimagined“ am Theater für Niedersachsen

Hochgebildetes Bildspektakel

Auf Überwältigung setzen in der deutschen Erstaufführung der impulsiv und motorisch wirkenden Neufassung Vincent Stefan und Martin Miotk. Schon im KI-generierten Video des Prologs blubbern die verschiedenen Ebenen ineinander: Furcht, Hoffnung, Aufbruch und vor allem die Sehnsucht nach Emanzipation, Anerkennung und Selbstbestimmung. Dabei lassen sie die eindeutige Zeichenhaftigkeit des politischen Manifests hinter sich. Es wird deutlich, dass nicht allen alles gefallen kann und trotzdem die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensformen zu den Grundfesten einer freien Gesellschaft gehören muss.

„Mein Stern besteht aus einem gelben und einem pinken Dreieck“ singt Harvey an einer entscheidenden Stelle. Wallace kontrastiert in seiner Partitur der zwei- statt dreiaktigen und wesentlich kürzeren Fassung die Einzelnen und die Gemeinschaft. Opernchor und Extrachor (Herausforderung für den Leiter Achim Falkenhausen) werden eingesetzt, um aus der schwulen Fokussierung die allgemeingültige Konstellation herauszukristallisieren. An die Stelle physischer Ähnlichmachung von Figuren zu ihren historischen Vorbildern treten symbolische Zuordnungen aus Exklusion, Partizipation und utopischer Integration. Der Kick vom Realen ins Allgemeine unter Zuhilfenahme kritisch materialisierter Deko-Trends durchzieht den Abend.

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Szenenbild aus „Harvey Milk Reimagined“ am Theater für Niedersachsen
Szenenbild aus „Harvey Milk Reimagined“ am Theater für Niedersachsen

Smarter Held, großes Schicksal

Wallace ist auch insofern ein typisch US-amerikanischer Opernkomponist, dass seine Partien – mit Ausnahme der Counterstimme von Farrukh Pirov als suggestiver Erzähler – aus jedem Ensemble besetzt werden können. In der Titelpartie erhält Eddie Mofokeng den ganz großen Auftritt: Ein smart-lyrischer Jedermann-Bariton mit samtweichen Töne in Harveys Fragen, knappen Melodien bei der queeren Selbstfindung und Identitätsbestimmung, dann aber kernig-kantigen Phrasen, wenn es ans Eingemachte geht. Julian Rohde ist als Scott Smith kein forscher Macher, sondern der feinsinnig im Hintergrund Beobachtende.

Wallace verkabelt sich nicht nur mit den „Walküre“- und „Tosca“-Zitaten (natürlich die Diva in diskreter Ähnlichkeit zu Maria Callas) bei Harveys ersten Opernbesuchen mit der Kunstform Musiktheater, sondern auch in sehnsüchtig wirkenden Bezügen zu alten Mustern. So trumpft David Soto Zambana in der Konfliktrolle des frustrierten Jedermanns und Mörders Dan White auf wie ein klassischer Schurke. Mario Klein, Gabrielė Jocaitė, Neele Kramer (Mama) und Xïa Wang modellieren plastische Nebenpartien und Episodenfiguren, die bei Stefan und Miotk im Strudel der Massen, Projektionen und Farben aufgehen. Der zweite Teil legt es trotz der dramatischen Zuspitzung auf das Attentat gegen Harvey auf ein Zerfließen von Raum- und Zeitstrukturen an.

Szenenbild aus „Harvey Milk Reimagined“ am Theater für Niedersachsen
Szenenbild aus „Harvey Milk Reimagined“ am Theater für Niedersachsen

Knallbuntes Muster der Ausgrenzungen

Ein großer Wurf ist diese Produktion, weil sie über die Oper von Wallace und seines Librettisten Michael Korie hinauswächst, sich mit einem grellen wie sinnfälligen Rausch der Mittel zu einem schwulen Passions- und Revolutionsspiel aufbläht. Auch darin ist dieser Abend keineswegs „provinziell“. Das hat viel mit metropolitanem Theater zu tun, bei dem sich Bubbles, Grenzgehende und Zufallsbegegnungen kreuzen. Zugleich nahmen Stefan und Miotk die Ausgrenzungsstrategien gegen Homosexualität als buntes Muster zur Darstellung von Verwerfungen generell. Fast ungerechterweise ging das zu Lasten der TfN-Philharmonie unter Sergei Kiselev, die in dem visuellen Farbrausch des Gesamtkunstwerks eine eigene, allerdings im Trubel nicht sonderlich deutlich bemerkbare Palette erhielt. Wallaces Partitur erweist sich als dramaturgisch satt und für brillante Szeneneinfälle wie hier als strapazierfähig, hat aber letztlich weniger Tiefenpotenzial als Previns „Endstation Sehnsucht“ oder Wuorinens „Brokeback Mountain“.

Theater für Niedersachsen
Wallace: Harvey Milk Reimagined

Sergei Kiselev (Musikalische Leitung), Vincent Stefan (Regie & Videos), Martin Miotk (Bühne & Kostüme), Achim Falkenhausen (Chor), Eddie Mofokeng (Harvey Milk), David Soto Zambrana (Dan White), Julian Rohde (Scott Smith), Mario Klein (George Moscone/Horst/Teamster), Gabrielė Jocaitė (Dianne Feinstein/Hooker), Neele Kramer (Anne Kronenberg/Mama), Xïa Wang (Henrietta Wong), Farrukh Pirov (The Messenger), Océane Wuttke/Ophélie Wuttke/Georg Sammler/Julian Naruhn/Benedikt Weber (Young Harvey), Andrey Andreychik (Closet Lover Jack), Atsushi Okumura/Jesper Mikkelsen/Xin PanThree (News Reporters), Philipp Wegerer (Chauffeur/Supervisor), Opernchor & Extrachor des tfn, tfn-Philharmonie





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