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Interview Gautier Capuçon

„Offenheit schadet nicht, sie stärkt“

Der französische Cellist Gautier Capuçon engagiert sich sehr für die Ausbildung und Förderung junger Musiker.

vonJan-Hendrik Maier,

Gautier Capuçon zählt zu den vielbeschäftigten Weltstars am Cello. Trotz seines intensiven Konzertpensums findet der 44-jährige Franzose Zeit, sein Wissen in internationalen Meisterkursen und an die Stipendiaten seiner eigenen Stiftung weiterzugeben. Auf dem Weg zu einer Probe auf Schloss Elmau schaltet sich Capuçon zum Interview.

Vor vier Jahren gründeten Sie eine Stiftung, die talentierten Nachwuchsmusikern bei ihren ersten Schritten auf dem Klassikmarkt unterstützt. Welche Bilanz ziehen Sie heute?

Gautier Capuçon: Die Stiftung ist noch jung und vergleichsweise klein – wir machen die ganze Verwaltung zu zweit, dennoch können wir schon auf 36 Stipendiaten aus aller Welt blicken. Ende Mai finden die Vorspiele für unseren fünften Jahrgang statt, für den sich mehr als 150 Musiker beworben haben. Es freut mich besonders, dass das Niveau der Bewerber von Jahr zu Jahr steigt. Wir haben bisher Stipendien in Höhe von 900 000 Euro ausgezahlt, mehr als 100 Konzerte organisiert und vier Alben aufgenommen. Darüber hinaus ist es uns gelungen, ein familiäres Umfeld zu schaffen, in dem jeder jedem jederzeit mit Rat und Tat zur Seite steht.

Wie sieht das Engagement jenseits finanzieller Unterstützung und Hilfe bei der Konzertakquise aus?

Capuçon: Wir bieten viele Workshops zu Themen an, die nicht unmittelbar mit Musik zu tun haben, aber dennoch wichtig für das spätere Berufsleben sind und die meines Erachtens an den Konservatorien zu kurz kommen. Am Anfang einer Karriere kann man zum Beispiel in Interviews schnell überfordert sein. Wir trainieren diese Situationen gemeinsam mit Studenten einer Pariser Journalistenschule. Auch die körperliche Gesundheit ist ein großes Thema. Wie geht man mit der physischen Belastung um? Gerade junge Musiker, die sich etwa durch intensives Üben oder eine ungünstige Körperhaltung beim Spielen verletzen, trauen sich oft nicht, das anzusprechen, aus Angst, man könnte es ihnen negativ auslegen. Verletzungen sind unter Musikern noch immer ein Tabuthema, Profisportlern hingegen würde man sofort gute Besserung wünschen. Das gilt übrigens auch für die mentale Fitness. Als Profimusiker ist man oft alleine und steht unter hohem Druck. Mir ist es wichtig, dass sich die Stipendiaten darüber bewusst sind und wissen, an wen sie sich wenden können.

Welche Veränderungen wünschen Sie sich, um die Chancengleichheit für junge Musiker zu verbessern?

Capuçon: Zunächst sollten wir erfahrenen und gesetzten Künstler uns alle noch stärker für die nachfolgende Generation einsetzen. Man muss dazu nicht extra eine Stiftung gründen. Es wäre schon viel getan, würde jeder ein oder zwei Musiker gezielt unterstützen und beraten. Zudem spielt Bildung eine zentrale Rolle. Kinder sollten von klein auf die Gelegenheit haben, intensiv mit Kultur, Kunst und Musik in Kontakt zu kommen. Natürlich werden später nicht alle Berufsmusiker, aber wenn sie den Samen in sich tragen, wird er reifen und Früchte tragen, die sie ein Leben lang begleiten. So schaffen wir das Publikum von morgen. In vielen asiatischen Ländern ist das übrigens längst Realität. Es ist genauso wichtig, Klassik jenseits der großen Konzerthäuser und in kleineren Städten zu präsentieren, sodass möglichst viele Menschen sie erleben können. Als klassische Musiker sollten wir uns nicht länger in unserer eigenen Blase vor dem Einfluss anderer Genres verstecken. Mozart, Brahms und Dvořák haben uns das doch mit dem Einbeziehen von Folklore vorgemacht. Offenheit schadet nicht, sie stärkt. Und der Exzellenz tut das keinen Abbruch.

Nehmen Sie Unterschiede wahr hinsichtlich der Reaktionen des Publikums in Europa, den USA oder in Asien?

Capuçon: Natürlich. Ich war kürzlich auf einer dreiwöchigen Tournee in Asien. Das Faszinierende dort: Etwa 80 Prozent der Zuhörer sind jünger als dreißig. Das lässt sich auf die eben angesprochene frühe Bildung zurückführen. So entsteht eine Gesellschaft, in der sie nach einem Beethoven-Rezital Jubelstürme wie auf einem Rockkonzert erleben. Dessen ungeachtet bin ich überzeugt, dass wir klassischen Musiker viel häufiger direkt mit dem Publikum kommunizieren sollten.

Das heißt?

Capuçon: Die wahre Stimme eines Musikers ist zwar sein Instrument, doch wir können viel Vertrauen schaffen und eine Beziehung zu den Zuhörern aufbauen, wenn wir einfach mit ihnen sprechen: wer wir sind, ein paar Worte zu einem Werk oder darüber, was wir beim Spielen empfinden. Das traditionelle Modell vom Konzert, in dem ein Künstler im Frack die Bühne betritt, sich verbeugt, spielt, sich noch einmal verbeugt und wieder geht, ist überholt.

Gautier Capuçon ist auch Botschafter des Vereins Orchestre à l'École, welcher Musik in Schulen einführt
Gautier Capuçon ist auch Botschafter des Vereins Orchestre à l’École, welcher Musik in Schulen einführt

Sechs Jahre lang haben Sie auch eine eigene Sendung im französischen Radio moderiert.

Capuçon: Das war äußerst bereichernd und hat mich nachhaltig geprägt. Ich musste lernen, ohne mein Cello Geschichten zu erzählen, und mir überlegen, wie ich vermitteln kann, warum ich ein bestimmtes Werk oder einen Künstler besonders schätze.

Sie spielen innerhalb weniger Tage Saint-Saëns’ erstes Cellokonzert mit zwei unterschiedlichen Orchestern und Dirigenten. Ist das eine Herausforderung?

Capuçon: Im Gegenteil, das ist außerordentlich inspirierend. Jedes Orchester hat seine eigene Geschichte und seine Klang-DNA, dazu kommt der Dirigent mit seiner Persönlichkeit, seinem Empfinden und seiner Sicht auf ein Werk, und schließlich trete ich als Solist hinzu. Dieses Zusammenspiel macht die Unendlichkeit der Musik aus. Der Prozess des Erkundens ist nie abgeschlossen, auch nicht bei Stücken, die ich schon hunderte Male aufgeführt habe. Jede Begegnung eröffnet mir eine neue Landschaft. Darin liegt ein unerschöpflicher Reichtum.

Sie treten ebenso für zeitgenössisches Repertoire an. Wieso hat das bei vielen Konzertbesuchern noch immer einen schweren Stand?

Capuçon: Der Begriff „zeitgenössische Musik“ war in den vergangenen Jahrzehnten nicht immer Synonym für Musik im eigentlichen Sinn, stand nicht immer für Emotionen. Vielleicht erklärt das, warum sie auf ein nicht spezialisiertes Publikum bisweilen abschreckend wirkt. Dabei sollen wir uns bewusst machen: Zeitgenössische Musik ist die Musik unserer Gegenwart. Auch Bach, Mozart und Brahms waren einmal zeitgenössische Komponisten. So wie ich es für meine Aufgabe halte, die Musik meiner Zeit zu spielen, ist es für das Publikum ein Privileg, ein gerade erst entstandenes Werk zu entdecken, vielleicht sogar seine Uraufführung mitzuerleben und zu verfolgen, wie es hoffentlich seinen Weg in die Konzertsäle findet.

Gibt es einen Komponisten, von dem Sie sich ein Cellokonzert wünschen würden?

Capuçon: Ich habe das große Glück, mit vielen Komponisten persönlich zusammenarbeiten zu dürfen, sodass es schwierig ist, eine einzelne Person herauszugreifen. Ich habe in jüngerer Vergangenheit Konzerte von Lera Auerbach, Thierry Escaich und Danny Elfman uraufgeführt. Weitere Projekte sind unter anderem mit Bryce Dessner und Max Richter in Vorbereitung.

Woher nehmen Sie die Energie für Ihr enormes Auftrittspensum?

Ich versuche schon seit einigen Jahren etwas kürzer zu treten, aber es gibt so vieles zu entdecken, so viele Begegnungen, die ich erleben will, dass mir das schwer fällt. Ich gehe jedoch jeden Tag joggen. Neben der sportlichen Komponente ist das immer auch ein Moment, in dem ich abschalten und den Kopf frei bekommen kann. Das ist für die psychische Gesundheit sehr wichtig.

concerti-Tipp

Album Cover für

Gaïa

Werke von Dessner, Belli, Selaocoe u.a.

Ayanna Witter-Johnson (Gesang), Sarah Rebecca (Gesang & Cello), Gautier Capuçon (Cello), Frank Braley, Jérôme Ducros & Olivia Belli (Klavier), Ensemble Capucelli
Erato

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