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Opern-Kritik: Theater Regensburg – Der Prinz von Schiras

Spät, aber nicht zu spät

(Regensburg, 16.12.2023) Diese utopisch lebensferne Romantik funktioniert auch heute noch: Am Theater Regensburg inszeniert Sebastian Ritschel mit Fortune die sehr späte deutsche Erstaufführung von Joseph Beers Operette „Der Prinz von Schiras“.

vonJoachim Lange,

Es ist ein makabrer, später Erfolg der Nazis, dass sie nicht nur viele jüdische Künstler vertrieben oder, noch schlimmer, ermordet haben, sondern auch ihre Werke aus dem kollektiven Gedächtnis verbannten. Und es bleibt ein Phänomen, dass die fehlende Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in den ersten Nachkriegsjahrzehnten soweit ging, diesen kulturellen Kahlschlag zu korrigieren. Eine dogmatische Fixierung auf eine westliche Moderne, oder im Osten Deutschlands auf demonstrativen Antifaschismus, blockierten lange die Wiederaufforstung dieser schmerzenden Lichtungen im Wald der deutschen (und europäischen) Kultur.

Szenenbild aus „Der Prinz von Schiras“
Szenenbild aus „Der Prinz von Schiras“

Wiederentdeckung eines Shootingstars der Operette

Das hat sich in der letzten Zeit spürbar geändert. Nicht nur durch regieführende Intendanten wie Barrie Kosky, der die landesweite Strahlkraft der Komischen Oper Berlin dafür nutzte, die Berliner Operette der zwanziger und dreißiger Jahre wiederzubeleben und im übertragenen und wörtlichen Sinne die Puppen tanzen zu lassen. Auch für das Genre per Definition zuständige Häuser, wie etwa die Staatsoperette in Dresden, reihen sich da ein. Anfang des Jahres beispielhaft mit Joseph Beers „Polnische Hochzeit“, die 1937 nur noch in Zürich uraufgeführt werden konnte. Wer sich von dieser Inszenierung faszinieren ließ, der verstand auf Anhieb, wieso das damalige Junggenie Joseph Beer (1908-1987) seinerzeit als Shootingstar des Genres galt und von etlichen Zeitgenossen als ein potenzieller Erbe Franz Lehárs angesehen wurde. Beer überlebte den Holocaust in Südfrankreich -– seine Eltern, die Schwester und auch sein 1883 geborener Librettist Fritz Löhner-Beda wurde 1942 in Auschwitz ermordet.

Szenenbild aus „Der Prinz von Schiras“
Szenenbild aus „Der Prinz von Schiras“

Ähnlichkeit des Zeitgeistes von 1923 und 2023

So durchschlagend national und international erfolgreiche und zeitnah reichlich nachgespielte Musiktheater-Novitäten wie noch in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts gibt es heute kaum noch. In der (totgesagten, aber nicht totzukriegenden) Operette schon gar nicht. Hinzu kommt etwas, worauf kürzlich in der gerade mit dem Bayerischen Operettenfrosch ausgezeichneten Inszenierung der 1923 uraufgeführten Hugo Hirsch-Operette „Der Fürst von Pappenheim“ am Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz ausdrücklich angespielt wurde: eine gewisse aufdämmernde Ähnlichkeit des Zeitgeistes von 1923 und 2023.

Szenenbild aus „Der Prinz von Schiras“
Szenenbild aus „Der Prinz von Schiras“

Begeisterungspotenzial bei heutigen Zuschauern

Aber in der Operette sind derartige politische Ingredienzien meist gut verpackt. Hier zählt bei den vergessenen, also heute wie eine Novität daherkommenden Exemplaren der Gattung zunächst einmal die Professionalität, mit der sie auf die Bühne kommen, um sie auf ihr Begeisterungspotenzial bei heutigen Zuschauern zu überprüfen. Und da sind vor allem inszenatorisches Handwerk auf der Bühne und Enthusiasmus für diese Musik im Graben gefragt. Ehrgeiz, die dem Geist der Zeit entspringenden Geschichten zu überschreiben und durch ambitionierte Neudeutungen zu ersetzen, wäre hier tatsächlich eher fehl am Platze. Man darf die wiedergefundenen und zum Teil aufwändig in ihrem Material rekonstruierten Fundstücke tatsächlich wie ein Geschenk der Vergangenheit an die Gegenwart betrachten und sie mit gebotener Vorsicht auspacken. Genau das machen Sebastian Ritschel und sein Team gemeinsam mit GMD Stefan Veselka und den Musikern seines Orchesters. Natürlich sind auch die Protagonisten mit spürbarer Begeisterung bei der Sache. 

Szenenbild aus „Der Prinz von Schiras“
Szenenbild aus „Der Prinz von Schiras“

Geschenk in einer Luxus-Verpackung

Die Affinität des regieführenden Regensburger Hausherrn für das Werk von Joseph Beer hat gute Gründe. Er hat 2018 in Graz schon die „Polnische Hochzeit“ inszeniert und dabei offensichtlich Feuer gefangen. Es klingt fast nach einem in ein Bühnenbild umgesetzten Kalauer -– aber er und sein Bühnenbildner Kristopher Kempf präsentieren ihrem Publikum diesen Operetten-Prinzen und seine amourösen Reiseabenteuer als Geschenk in einer Luxus-Verpackung. Die Bühne wird anfangs tatsächlich von einem Riesenkarton mit Schleife obendrauf beherrscht. Das Innere der Kiste bleibt zunächst so geheimnisvoll wie dieser Prinz Nadir von Schiras selbst, den Carlos Moreno Pelizari immer luxuriös gewandet mit standfestem Schmelz (und ebensolcher Figur) singt. Rückenwind bekommt der Prinz, weil er bei einem Angriff der Japaner auf den amerikanischen Luxusliner die Chance nutzt, die von ihm angebetete Violet kurzerhand als seine Verlobte auszugeben und sie damit vor einer Internierung bewahrt. Da diese Violet bei der so temperamentvollen wie attraktiven Kirsten Labonte eine dezidiert operetten-selbstbewusste Amerikanerin ist, zeichnet sich schon bald ab, dass der Weg zum Happyend mit einigen Kollisionen gepflastert ist. Da muss noch der ungeliebte Verlobte Harry Hastings (Schauspieler Michael Haake macht das mit Sinn für die Pointe) elegant abserviert werden. 

Szenenbild aus „Der Prinz von Schiras“
Szenenbild aus „Der Prinz von Schiras“

Komödiantisches Sahnehäubchen auf der Melange

Auch braucht die Geschichte des zweiten (längst verheirateten) Paares ein paar von den insgesamt 16 Nummern des Abends, um sich zu entfalten. Violets Gesellschaftsdame Nell (Scarlett Pulwey) weiß nämlich nichts davon, dass ihr als Steward an Bord arbeitender Mann Jimmy Winterstein (Paul Kmetsch) in Wahrheit der Erbe eines Millionenvermögens ist und hier nur „arbeitet“, weil er eine Wette gewinnen will. Als das rauskommt, ist Nell kurz empört, kriegt aber sehr schnell und pragmatisch die Kurve. Als ehemaliger Diplomat wacht der Vicomte de la Motte-Latour (Matthias Störmer) über dieses sonderbare Inkognito und zieht im Hintergrund die Fäden, um den Prinzen und seine Angebetete zusammenzubringen. Was ihm natürlich gelingt. Das Libretto belohnt ihn dafür immerhin mit der Schwester des Prinzen Jasmine (Theodora Varga), deren Avancen der Vicomte lange irgendwie nicht für realistisch hielt. Dass der Prinzendiener Hassan und seine Frau Fatma mit Fabiana Locke und Felix Rabas besetzt sind, ist sozusagen das komödiantische Sahnehäubchen auf der Melange mit der ebenso genderfluid kostümierten und vielseitig zum Zuge kommenden Ballettcompany. 

Szenenbild aus „Der Prinz von Schiras“
Szenenbild aus „Der Prinz von Schiras“

Unwiderstehlich einschmeichelnder Melodien-Charme

Die Kreuzfahrt mit Zwischenhalt endet in Alabama, wo sich auf Violets Hazienda alle Paare wieder- und zum guten Schluss auch noch der Prinz und Violet zusammenfinden. Wohl, weil man sich den Prinzen beim besten Willen nicht als Neuamerikaner auf einer Ranch vorstellen kann, gibt es auf der jetzt vom Geschenkpapier befreiten Kiste die Worte „HAPPY“ und „AND“. Durch den unwiderstehlich einschmeichelnden Melodien-Charme der Musik und die gekonnt gemachte Vorlage von Ludwig Herzer und dem Starlibrettisten Fritz Löhner-Beda funktioniert diese Art von utopisch lebensferner Romantik auf der Bühne auch heute noch. Zumindest kann sie mit den Operetten, die das Repertoire beherrschen, spielend mithalten. 

Theater Regesburg
Joseph Beer: Der Prinz von Schiras

Stefan Veselka (Leitung), Sebastian Ritschel (Regie & Kostüme), Kristopher Kempf (Bühne), Gbriel Pitoni (Choreografie):Gabriel Pitoni, Harish Shankar (Chor), Ronny Scholz (Dramaturgi), Carlos Moreno Pelizari, Theodora Varga, Kirsten Labonte, Michael Haake, Scarlett Pulwey, Matthias Störmer, Paul Kmetsch, Fabiana Locke, Felix Rabas, Roger Krebs, Christiana Wimber, Donggun Seo, Andrea Dohnicht-Pruditsch, Gertrud Judenmann, Thomas Lackinger, Christian Schossig, Tanzcompany Theater Regensburg, Opernchor, Philharmonisches Orchester Regensburg



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