Opern-Tipps im Oktober

Weniger ist wesentlich

Opern-Tipps im Oktober – ausgewählt von unserem Opernexperten Peter Krause.

© Hans Jörg Michel

Im September wurde Hans Thomallas „White-Wall-Oper“ Dark Spring in Mannheim uraufgeführt.

Im September wurde Hans Thomallas „White-Wall-Oper“ Dark Spring in Mannheim uraufgeführt.

Wünsche und Visionen kennen keine Grenzen, schon gar nicht, wenn Künstler sie haben, die ihre Fantasie sprudeln und ihren Ideen freien Lauf lassen. Doch der Rahmen für Grenzsprenger ist seit März 2020 mindestens so spürbar geschrumpft, wie die Distanz­regeln erweitert wurden. Die Anpassung an die neue Normalität bringt freilich nicht nur die schmerzliche Reduzierung von Ansprüchen mit sich, sie birgt auch die Chance, das sonst so maßlos mit seinen Mitteln wuchernde Musik­theater auf seinen Wesenskern zu fokussieren – warum nicht einfach mal auf zwei singende Menschen, die uns von der Liebe in all ihrer krassen Absolutheit berichten?

Tristan und Isolde sind so ein Paar, das die Grenzen des Anstands und der Sitte in den Wind einer Sommernacht schießt und sich vollkommen hingibt. Richard Wagner schwebte in seiner Vertonung der ins Unendliche strebenden Liebesgeschichte ein Kammerspiel vor, das dann aber letztlich doch ein paar Nummern gigantischer geriet. Am Aalto Theater Essen wird der grandiose Liebeswahn nun kammermusikalisch eingedampft in einer anderthalbstündigen Bearbeitung der Handlung, die sämtliche Neben­figuren eliminiert und ganz auf die großen Monologe und Duette von „Tristan und Isolde“ vertraut. In den Titel­partien des mit „Tristan XS“ übertitelten Abends sind ab 2.10. mit Daniela Köhler und Daniel Johansson zwei ausgewiesene Wagner-Experten zu erleben, die ihre Rollendebüts geben.

An der Deutschen Oper am Rhein übernimmt der gefragte Regisseur Johannes Erath eine ähnliche Erkundung des Wesentlichen, wenn er in Düsseldorf unter dem Titel „Vissi d’arte“ und mit Musik von Puccini, Strauss, Verdi und Wagner eine szenisch-musikalische Zustandsbeschreibung über die nun endlich erkämpfte Auferstehung des Bühnenraums und seiner Zauberdinge ersinnt (ab 2.10.). Er reflektiert die unmöglichen Möglichkeiten des Bühnen­kusses, die Spielarten der Nähe, den Zauber des ersten Tons und die Stolperkanten der auf Abstand getrimmten Bühnenhygiene. Ein Abend über die Liebe in der Oper und die Liebe zur Oper.

© Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Läuft ebenfalls unter der Marke „Semper Essenz“: „Il barbiere di Siviglia“ in Dresden.

Läuft ebenfalls unter der Marke „Semper Essenz“: „Il barbiere di Siviglia“ in Dresden.

Neue Bescheidenheit

Am Nationaltheater Mannheim wiederum mündet die neue Bescheidenheit der eigentlich niemals wunschlos glücklichen Opernmacher ins Konzept der White-Wall-Oper, die jenseits gewohnter Ausstattungsopulenz und in Beschränkung auf jeweils neunzig Minuten auch Opernklassiker wie Puccinis „Madame Butter­fly“ (ab 4.10.) oder Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ (ab 1.11.) in neuem Licht erscheinen lässt. Gleich einem weißen Blatt Papier bilden weiße Wände den Hintergrund für Projektionen von Video- und bildenden Künstlern sowie Zeichnern. Davor sorgen die Sängerinnen und Sänger des bekanntlich großen und exzellenten Ensembles für musik­theatralische Magie.

Das Wesentliche im Namen trägt auch der Ansatz der Semperoper Dresden, wo Repertoireschlachtrösser wie „Madama Butter­fly“ (ab 26.9.) oder „Tosca“ (ab 3.10.) in anderthalb Stunden unter der Marke „Semper Essenz“ konzertant über die Bühne gehen. So gelangen die Heroinen zu einem etwas früheren Bühnentod als bislang üblich. Sängerstars wie die lettische Sopranistin Kristine Opolais als Tosca sorgen dabei für vokalen Glanz im Elbflorenz.

Donnerstag, 26.11.2020 18:00 Uhr Aalto-Musiktheater Essen

Wagner: Tristan XS (konzertant) (Auszüge)

Daniel Johansson (Tristan), Daniela Köhler (Isolde), Tomáš Netopil (Leitung)

Donnerstag, 26.11.2020 19:30 Uhr Deutsche Oper am Rhein – Theater Duisburg

Vissi d’arte

Morenike Fadayomi, Maria Kataeva, Stefan Heidemann, Andrés Sulbarán & Heidi Elisabeth Meier (Gesang), Düsseldorfer Symphoniker, Wolfgang Wiechert (Leitung), Johannes Erath (Regie)

Freitag, 30.10.2020 19:30 Uhr Opernhaus Mannheim

Puccini: Madame Butterfly

Astrid Kessler (Chio-Chio-San), Julia Faylenbogen (Suzuki), Irakli Kakhidze (F. B. Pinterkon), Jānis Liepiņš (Leitung), ROCAFILM Roland Horvath (Video)

Freitag, 30.10.2020 19:00 Uhr Semperoper Dresden

Auch interessant

Opern-Kritik: Staatstheater Cottbus – Mazeppa

Brüche und Widersprüche

(Cottbus, 25.10.2020) Andrea Moses macht aus Tschaikowskys „Mazeppa“ eine atemberaubende Studie über den Untergang eines Imperiums. weiter

Opern-Kritik: Staatsoper Hannover – Carmen

Carmens Töchterchen

(Hannover, 24.10.2020) Zwischen Musical, Revue und Performance verlegt Barbora Horáková Bizets Evergreen in die Jugendkultur der Gegenwart, ersetzt damit alte Klischees durch neue. weiter

Opern-Kritik: Theater Regensburg – Dame Kobold

Italianità aus Weimar

(Regensburg, 24.10.2020) Er war mit Liszt befreundet und wurde mit Brahms und Wagner in einem Atemzug genannt: Endlich werden jetzt die Opern des Joachim Raff wiederentdeckt. weiter

Kommentare sind geschlossen.