Staatstheater Hannover: Puccini „Tosca“

Wenn alle Täter zugleich auch Opfer sind

Vasily Barkhatov inszeniert unter der Leitung von Kevin John Edusei Puccinis „Tosca“ als bildgewaltiges Psychodrama.

© Marco Borggreve

Kevin John Edusei

Kevin John Edusei

Soll die Kunst sich mit der Macht ins Einvernehmen setzen, um auf opportunistische Weise ihren bloßen Fortbestand zu sichern? Oder soll sie ihren eigenen Standpunkt behaupten und gegebenenfalls Widerstand leisten, um ihre Autonomie, ihren Wahrhaftigkeitsanspruch nicht zu verlieren? Diese Frage schwebt über Puccinis Opernthriller „Tosca“ wie das Schwert über dem Kopf des Höflings Damokles, der neidisch zum allmächtigen Tyrannen Dionysos aufsah, ohne die Schattenseiten und Gefahren eines auf Unterdrückung und Gewalt basierenden Luxuslebens zu erkennen.

Bei Puccini ist es Polizeichef Scarpia, der den korrupten staatlichen Machtapparat repräsentiert. Der Kunstmaler Cavaradossi wird zu seinem Gegenspieler, weil er einem aus dem Staatsgefängnis geflohenen politischen Gefangenen Unterschlupf gewährt. Cavaradossis Geliebte Tosca versucht zu vermitteln und gerät zwischen die Fronten zweier Männer, die unerschütterlich zu ihren Prinzipien stehen und bereit sind, bis zum Äußersten zu gehen, um ihren Stolz nicht zu verlieren.

Vasily Barkhatov inszeniert „Tosca“ in Hannover neu

Der junge russische Regisseur Vasily Barkhatov, der zu einer Neuinszenierung der Erfolgsoper nach Hannover berufen wurde, wird kein politisches Historienspiel auf die Bühne bringen, denn ohnehin gab es für das Sujet des zugrundeliegenden Dramas von Victorien Sardou kein reales Vorbild. In den Fokus rückt daher der Kampf zweier Alphamänner um eine starke Frau. Das psychologisch durchleuchtete Beziehungsgefüge, in dem alle Täter auch Opfer sind, wird Barkhatov gemeinsam mit Bühnenbilder Zinovy Margolin in einer bildgewaltigen Szenerie auf mehreren räumlichen Ebenen ansiedeln.

Dass Barkhatov und Margolin Räume spektakulär aufbrechen und auf diese Weise neue Bedeutungszusammenhänge schaffen können, bewiesen beide bereits mit Zimmermanns „Die Soldaten“ bei den Internationalen Maifestspielen 2016 in Wiesbaden. Am Pult in Hannover steht Kevin John Edusei im Wechsel mit weiteren Dirigenten. Solange die Staatsoper noch nach einem Nachfolger für Ivan Repušić sucht, wird man sich mit Gastdirigenten behelfen. Vermutlich steht der Chefdirigent der Münchner Symphoniker weit oben auf der Kandidatenliste für den offenen Posten des Generalmusikdirektors.

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