Porträt Augustin Hadelich

Metropole und Idylle

Aufgewachsen ist Augustin Hadelich tief in der Toskana – heute wird der Geiger von New York bis Los Angeles gefeiert

Augustin Hadelich © Rosalie O'Connor

Augustin Hadelich

Routine? – „Das Schlimmste, was passieren kann.“ Lust am Musizieren? „Je länger ich spiele, desto größer die Freude.“ Adrenalin? „Vor hunderten Menschen spielen zu dürfen, kann pures Glücksgefühl sein.“ Seine Antworten sind frei von Allüren. Augustin Hadelich spricht überlegt, aber nicht zaghaft.

Mit fünf Jahren entdeckte der Knabe die Geige. Seine beiden älteren Brüder spielten bereits Klavier und Cello. „Ein Trio? Das hätte bei uns nicht wirklich funktioniert.“ Die Eltern hatten ihm die Violine vorgeschlagen. „Liebe auf den ersten Blick war es nicht, denn die ersten Streichversuche, wenn ein Kind den Bogen in die Hand nimmt, klingen wenig verlockend. Erst als ich Aufnahmen und Konzerte mit wirklich guten Geigern gehört habe, begann meine Liebe zu diesem Instrument.“ Der Vater, ein Hobby-Cellist, hatte Augustin den ersten Unterricht gegeben, später ging es einmal im Monat nach Deutschland. Mit zwölf Jahren war dann klar, dass er Musiker werden wollte.

Eine Kindheit zwischen Weinreben und Olivenbäumen

Augustin Hadelich

Augustin Hadelich © Sini Pennanen

Aufgewachsen ist Hadelich in Cecina, einem Städtchen tief im Westen der Toskana. Seine Eltern hatten der deutschen Heimat Anfang der 80er Jahre den Rücken gekehrt, um in Italien Wein und Oliven anzubauen. „Diese große Ruhe ist fürs Arbeiten fantastisch, hier kann ich mich stundenlang konzentrieren“, schwärmt Hadelich, der heute meist in New York lebt und sich kaum größere Kontraste zwischen Metropole und Idylle vorstellen kann. „Ich habe es sehr genossen, in eine Stadt zu wechseln, in der so viel los ist und wo man ständig von anderen Musikern umgeben ist.“

Studiert hat er an der Juilliard School, bei Joel Smirnoff. „In Ländern wie Deutschland ist die Ausbildung flächendeckend sehr gut, in Amerika dominiert mehr das Elite-Prinzip mit nur wenigen Top-Hochschulen.“ Aber letztlich hänge – wie so oft im Leben – alles vom einzelnen Lehrer ab. „Mir war schon in Europa aufgefallen, dass ich am meisten von Lehrern inspiriert wurde, die auch Kammermusiker waren: von ihrer spezifischen Herangehensweise, ein Stück zu lernen, und dann auch von ihrer Art zu musizieren“, erinnert sich der Musiker. „Smirnoff hat das fortgesetzt. Technik spielt bei ihm eine untergeordnete Rolle, ihm geht es mehr um die musikalischen Nährwerte der einzelnen Werke.“

„Man muss sich immer sehr schnell entscheiden“

In Amerika ist Hadelich längst in den Olymp der ganz Großen aufgestiegen, befördert sicher durch den Gewinn des wichtigsten US-Violinwettbewerbs in Indianapolis 2006 – „ein großer Schritt mit vielen Konzertauftritten in der Folge“ – und 2009 durch den New Yorker „Avery Fisher Career Grant“ sowie zuletzt durch den Grammy für seine Dutilleux-Aufnahme mit dem Seattle Symphony Orchestra. Auch seine spontanen Zusagen haben ihm geholfen: 2008 sprang er in Los Angeles für Julian Rachlin ein, 2010 ergriff er die Chance bei den New Yorker Philharmonikern. „Man muss sich immer sehr schnell entscheiden, ob man sich für solch eine Chance wirklich bereit fühlt. Nur dann sollte man zusagen.“ Hadelich hat die Gelegenheiten beherzt ergriffen, aber auch zweimal überzeugt abgesagt: „Meist wird ein bestimmtes Stück gewünscht, sei es Tschaikowsky, sei es Mendelssohn oder anderes – das macht es nicht unbedingt leichter.“

Augustin Hadelich

Augustin Hadelich © Rosalie O’Connor

Bei seiner Repertoire-Auswahl ist Hadelich eher vorsichtig. Klar, die großen Konzerte hat er teils schon relativ früh gelernt, doch Britten etwa erst vor kurzem für sich entdeckt. Demnächst soll nun die Bernstein-Serenade folgen. Was zeigt: Hadelich ist kein Hasardeur, kein Glamour-Geiger – der Mann setzt auf natürliches Wachsen. Beste Voraussetzungen für eine nachhaltige Karriere.

CD-Tipp

Violinkonzerte von Bartók & Mendelssohn
Augustin Hadelich (Violine)
Norwegian RO
Avie Records

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