OPUS Klassik 2019: Joyce DiDonato

Lust am Experiment

Die amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato erhält für ihr Album „Songplay“ den OPUS Klassik 2019 in der Kategorie „Sängerin des Jahres“.

© Simon Pauly

Joyce DiDonato

Joyce DiDonato

Ausgangspunkt ihres Albums „Songplay“ sei eine, nun ja, zweifelhafte Erfahrung, die zahlreiche ehemalige Gesangsstudenten mit ihr teilen würden, erklärt Joyce DiDonato im Booklet zur CD. Die Erfahrung ist eng verbunden ist mit einer Liederfibel, betitelt mit „24 Italienische Lieder und Arien“. An dieser „Sängerbibel“ mussten sich praktisch alle Gesangsstudenten abarbeiten und dabei den Anforderungen der Professoren genügen – mit einer für sie damals desaströsen Erkenntnis: „Wir [die Studenten] sind der Inbegriff äußerster Niedergeschlagenheit und haben im Alleingang die gesamte Menschheit enttäuscht.“

Nun, einige Jahre später, bringt das Notenbuch ihr den OPUS Klassik als Sängerin des Jahres ein. Auf „Songplay“ interpretiert sie ausgewählte Lieder eben nicht so, wie es mancher Gesangsprofessor erwartet. Stattdessen betrachtete sie das Buch als „kühne Einladung zum Spielen, zum Experimentieren“. Konkret heißt das: DiDonato hat zusammen mit einer Band aus Klavier, Trompete, Bandoneon, Bass und Schlagzeug eine Auswahl der Arien in ein neues Klanggewand gegossen und einige amerikanische Songs dazwischengesetzt. Das Ergebnis ist das genaue Gegenteil jener Erfahrung, die die Sängerin als Erstsemester gemacht hat, und offenbart eine hörbare Lust am Musizieren auf höchstem Niveau.

Schlug sich zunächst als Kellnerin durch: Joyce DiDonato

Die Geschichte dieses Albums hat durchaus ihre Analogien zur Karriere der Amerikanerin, die nach ihrer Gesangsausbildung in ihrem Heimatstaat Kansas und in Philadelphia sich erst einmal als Kellnerin durchgeschlagen hatte, bevor sie ihr erstes Engagement an der Santa Fe Opera erhielt. Auch international konnte sie nur schwer Fuß fassen: „Nach dreizehn Vorsingen in Europa gab es zunächst genau ein ,Ja‘“, erzählte sie im concerti-Interview. Erst mit vierzig Jahren erfolgte der Durchbruch an den europäischen Opernhäusern, als sie die Angelina in Rossinis „La Cenerentola“ gab. Es folgten Debüts an der New Yorker MET, 2010 sang sie bei den Salzburger Festspielen, und 2013 hatte sie die Ehre, Solistin der „Last Night of the Proms“ in London zu sein. Inzwischen gehört die Sopranistin zu den wenigen Sängerinnen dieser Welt, die den Spagat vom Barock bis zum Belcanto rundum überzeugend meistern. Gerade in letzterem Opernfach vermag die Sopranistin gar all jene zu überzeugen, für die der Belcanto nur manierierte Akrobatik ist. Denn genau das macht DiDonato eben nicht. Stattdessen ordnet sie jede Virtuosität, jede Girlande des Schönklangs dem Prinzip des Ausdrucks unter – wie auch auf ihrem Arienalbum. Sollen die Gesangsprofessoren denken was sie wollen – am Ende geht es nur darum, mitreißend Musik zu machen!

Preisträger-Album Anzeige

Songplay
Joyce DiDonato (Mezzosopran), Charlie Porter (Trompete, Flügelhorn), Lautaro Greco (Bandoneon), Chuck Israel (Bass), Jimmy Madison (Schlagzeug)
Erato

Aktuelles Album Anzeige

Berlioz: La Damnation de Faust
Joyce DiDonato (Mezzosporan), Michael Spyres (Tenor), Nicolas Courjal (Bass), Alexandre Duhamel (Bariton), Orchestre Philharmonique de Strasbourg, John Nelson (Leitung)
Erato, VÖ: 22.11.2019

Termine

Samstag, 20.06.2020 20:00 Uhr Kölner Philharmonie
Montag, 22.06.2020 20:00 Uhr Konzerthaus Dortmund

Auch interessant

OPUS KLASSIK: Joyce DiDonato

Wenn die Oper zischt und knallt

Die amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato erhält für ihre Einspielung von Hector Berlioz’ „Les Troyens“ am 14. Oktober einen OPUS KLASSIK in der Kategorie „Operneinspielung des Jahres (Oper 19. Jahrhundert)“. weiter

ECHO Klassik 2017: Best of Klassik 2017

Die Crème de la Crème der Szene

Es hat Tradition, dass die musikalischen Höhepunkte der ECHO-Klassik-Preisträger auf einer Doppel-CD vereint werden: Best of Klassik 2017 weiter

ECHO Klassik 2017: Joyce DiDonato

Mit dem Furor der Unbedingtheit

Mezzosopranistin Joyce DiDonato bekehrt selbst hartgesottene Verächter virtuoser Vokalgirlanden des Belcanto weiter

Rezensionen

Rezension Joyce DiDonato – Songplay

Was für ein Mix!

Joyce DiDonato hat auf ihrem aktuellen Album „Songplay“ eine bunte Mischung aus Jazz-Songs, Barock und Frühklassik geschaffen. weiter

Rezension Joyce DiDonato – Into the Fire

Wollüstige Einheitlichkeit

Im Zentrum dieses Liederabends der großartigen Joyce DiDonato stand der für sie komponierte Zyklus „Into the Fire“ von Jake Heggie. weiter

CD-Rezension Joyce DiDonato

Back to the Roots

Die amerikanische Mezzosopranistin begeistert mit dem sonst eher von Jazz-Sängern interpretierten American Songbook weiter

Kommentare sind geschlossen.