Sommerreihe: Starke Frauen – Clara Schumann

„Weil wir es mit dem Werk einer Dame zu thun haben“

Wunderkind, gefeierte Konzertpianistin und Komponistin: Clara Schumann legte zu Lebzeiten eine beachtliche Karriere hin. Heute kennen sie die Meisten als Frau von Robert Schumann

© gemeinfrei (13), F. Hoffmann La Roche Ltd., Yamaha, shutterstock, Christophe Abramowitz

Collage Komponistinnen

Collage Komponistinnen

Sie war ohne Zweifel eine der bedeutendsten Musikerinnen ihrer Zeit: Clara Schumann. Ihr Name ist heute erstaunlich geläufig für eine Künstlerin, die hauptsächlich in einer höchst vergänglichen Kunstform wirkte, nämlich als Musikerin. Ohne Möglichkeiten der Tonaufzeichnung, die erst am Ende ihres Lebens erfunden wurde, konnte der Nachwelt kein dauerhafter Eindruck von ihrer Kunst hinterlassen werden. Diese muss – das kann man aus zahlreichen zeitgenössischen Rezensionen schließen – auf höchstem künstlerischen wie technischen Niveau stattgefunden haben. Doch wie klug und kompetent die Worte auch gewählt waren: Sie können das Hören des Originals nicht ersetzen. Und so erging es Clara Schumann im Prinzip wie ihrem Freund und Kollegen Joseph Joachim, der zwar als einer der besten und einflussreichsten Geiger des 19. Jahrhunderts galt und gilt, dessen Name heute jedoch jenseits von Fachkreisen nur noch wenig bekannt ist.

Dabei gelingt Clara Schumann eine beispiellose Karriere. Ihr Vater Friedrich Wieck, damals Leipzigs bedeutendster Klavierpädagoge, erkannte ihr Talent und bereitete sie früh auf die Laufbahn einer Klaviervirtuosin vor – mit Erfolg. Als Siebenjährige gab sie ihr erstes öffentliches Konzert, als Neunjährige gleich im berühmten Gewandhaus. Es folgte Tournee auf Tournee für den Großteil ihres Lebens. So gut wie nichts konnte sie vom Konzertieren abhalten. Nicht der über ein Jahr währende Rechtsstreit mit ihrem Vater, als sie – mit zwanzig Jahren nach damaligem Recht noch minderjährig – Robert Schumann heiraten wollte. Nicht die einschließlich zweier Fehlgeburten insgesamt zehn Schwangerschaften im Verlauf ihrer Ehe. Und auch nicht der Tod dreier ihrer Kinder, die zwar das Erwachsenenalter erreichen, aber dennoch vor ihr starben. Ob sie auf die späteren Konzerteinnahmen tatsächlich dringend angewiesen war oder ob sie nicht längst trotz der Kosten für Personal, Reisen und Internate ein riesiges Vermögen angehäuft hatte, ist heute unter Biografen umstritten.

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Clara Wieck (spätere Schumann), kurz vor iherer Heirat mit Robert Schumann. Zeichnung von Johann Heinrich Schramm, 1840

Clara Wieck (spätere Schumann), kurz vor iherer Heirat mit Robert Schumann. Zeichnung von Johann Heinrich Schramm, 1840

Robert Schumann animierte sie zu weiteren Kompositionsversuchen

Als Komponistin hinterließ Clara ein zwiespältiges Erbe. Fast alle Werke sind für Solo-Klavier oder unter Beteiligung des Klaviers geschrieben. Bei den frühen Klavierstücken handelt es sich um die damals populären Tänze oder Charakterstücke. Auch das erste und einzige vollendete Klavierkonzert stammt aus der Jugendzeit: Mit nur fünfzehn Jahren vollendete sie das Werk. Die Orchestrierung übernahm bezeichnenderweise der ihr damals schon bekannte Robert Schumann. Trotzdem zeigt dieses jugendfrische Werk, dass Clara auch als Komponistin über einiges Talent verfügte und Vergleiche mit vielen männlichen Kollegen der Zeit nicht zu scheuen brauchte. Die Besprechung in Schumanns eigener Zeitung, der „Neuen Zeitschrift für Musik“, zeigt dabei wohl unfreiwillig das ganze Dilemma schöpferisch tätiger Frauen. Einerseits würde man nie „dem Gedanken Raum geben“, dieses Klavierkonzert „sei von einer Dame geschrieben“. Andererseits – so fährt der Text in einem gespielten Dialog fort – „soll von einer Recension gar nicht die Rede sein – ,und warum nicht?’ – Weil wir es mit dem Werk einer Dame zu thun haben…“

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Robert und Clara Schumann: Deckblatt zum gemeinsamen Liedband op. 37/op. 12. Breitkopf & Härtel, 1841

Robert und Clara Schumann: Deckblatt zum gemeinsamen Liedband op. 37/op. 12. Breitkopf & Härtel, 1841

Sechs Jahre später erfolgte so etwas wie eine Retourkutsche. Robert und Clara Schumann veröffentlichten gemeinsam einen Band mit zwölf Liedern – ohne bekanntzugeben, von wem welches stammt. Nicht nur für zeitgenössische Kritiker stellte dies eine Herausforderung dar. Auch heute würde vermutlich niemand in einem Blindtest sicher sagen können, bei welchem das vermeintlich Weibliche herauszuhören sei. Doch offenbar stand Clara ihrer eigenen schöpferischen Kraft kritischer gegenüber als Robert. Er animierte sie zu weiteren Versuchen und erklärt den von ihm gesehen Mangel an „innigen Gedanken“ in ihren Werken nicht mit fehlendem Talent, sondern mit der fehlenden „anhaltenden Übung“. Sie dagegen kommentierte ihr Klaviertrio von 1846, in dem manche eines ihrer besten Werke sehen, mit dem Hinweis: „Natürlich bleibt es immer Frauenzimmerarbeit, bei der es an der Kraft und hier und da an der Erfindung fehlt.“ So erklärt sich vermutlich auch, dass sie nach Robert Schumanns Tod 1856 das Komponieren fast vollständig aufgab.

Clara Schumann war damals ohne Zweifel eine bedeutende Künstlerin

Die herausragende Pianistin Clara Schumann bleibt als Komponistin eine Randerscheinung. Sie wäre vermutlich ebenso überwiegend in Vergessenheit geraten wie Joseph Joachim oder zahlreiche Instrumentalisten vor ihnen, hätte sie nicht Robert Schumann geheiratet. Damals war sie ohne Zweifel die bedeutendere Künstlerin, die nicht zuletzt mit ihren Konzerteinnahmen einen großen Teil zum Familieneinkommen beitrug. Wenn sie sich bereits während der Ehejahre darüber beklagte, sie sei als Clara Wieck und damit als Wunderkind und junge Pianistin „vergöttert“, als Clara Schumann jedoch „ignoriert“ worden, entspricht dies nur zum Teil den Tatsachen, zeigt jedoch eine Tendenz auf, die sich schließlich überwiegend bewahrheiten sollte. Denn Robert Schumann entwickelte sich postum von einem allenfalls in Leipziger Kreisen bekannten Klavierkomponisten zu einem der großen romantischen Tonsetzer.

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Clara Schumann um 1850. Fotografie von Franz Hanfstaengel

Clara Schumann um 1850. Fotografie von Franz Hanfstaengel

Die Freundschaft Claras zu Johannes Brahms, über deren zwischenzeitliche Intensität viel spekuliert wurde, trug ihr Übriges dazu bei, dass Clara Schumann einigermaßen in Erinnerung blieb. Von Claras Werken gibt es heute immerhin die eine oder andere Aufnahme, vor allem vom Klavierkonzert. Und ihr Porträt war für gut zehn Jahre fast jedem in Deutschland bekannt, zierte es doch die letzte Ausgabe des 100-Mark-Scheins, ehe 2002 der Euro eingeführt wurde.

Höre Sie hier Clara Schumanns „Drei Romanzen für das Pianoforte op. 21“:

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