Sommerreihe: Starke Frauen – Rebecca Clarke

„Ich nutze die Gelegenheit, um zu betonen, dass ich existiere“

Zu Lebzeiten hatte sie es nicht leicht, doch heute gilt Rebecca Clarke als eine der wichtigsten Komponistinnen Englands in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen

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Collage Komponistinnen

Collage Komponistinnen

Eine junge Frau verliebt sich in einen Seehundmann, einen seal man. Doch sie erkennt nicht die große Gefahr, die mit ihrer Liebe einhergeht. Denn obwohl ihre Gefühle erwidert werden, kommt für ihren Angebeteten nur ein Leben sowohl an Land als auch im Wasser in Frage. Also lockt er seine Geliebte ins Meer, wo sie auf tragische Weise ihr Leben lassen muss.

Das Lied „The Seal Man“, basierend auf einem Text von John Masefield, stammt aus der Feder von Rebecca Clarke. Sie gilt als eine der wichtigsten englischen Komponistinnen in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Bereits als Jugendliche begann sie mit der Vertonung von Gedichten, größtenteils von Richard Dehmel, William Butler Yeats oder bereits genanntem Masefield. Neben spätimpressionistischen Harmonien, die an Debussy erinnern, sind auch Einflüsse der englischen Volksmusik sowie fernöstliche Melodien in ihren Werken herauszuhören, wie etwa bei „The Tiger“, das auf einen traditionellen chinesischen Text zurückgeht.

Die Violasonate von Rebecca Clarke zählt heute zum Standardwerk für alle Musiker dieses Instruments

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Rebecca Clarke mit Viola, 1919

Rebecca Clarke mit Viola, 1919

Später konzentrierte sie sich auf Chormusik und kammermusikalische Werke, vor allem für Viola – nicht ganz zufällig, war sie doch selbst ausgebildete Bratschistin. Ihre Violasonate veröffentlichte sie 1919, im selben Jahr wie die ebenfalls preisgekrönte Sonate von Ernest Bloch und die Bratschensonate von Paul Hindemith. Sie zählt heute zum Standardwerk für alle Musiker dieses Instruments und zeugt von ihrem charakteristischen Stil, der sich vor allem durch dichte Harmonien, emotionalen Ausdruck und rhythmische Komplexität auszeichnet

Diese kompositorische Reife haben ihr aber nur die wenigsten Zeitgenossen zugestanden: Ihre anonym eingereichte „Viola Sonata“ hielten einige der damaligen Jurymitglieder fälschlicherweise für ein Werk von Maurice Ravel. Auch die Medien trauten einer Frau eine solche Leistung nicht zu. Über eine Meldung des Daily Mirror zeigte sich Clarke besonders amüsiert: „Und das Komischste war eine Zeitungsmeldung, in der jemand äußerte, dass ich nicht wirklich existiere, dass es eine Person namens Rebecca Clarke nicht gäbe, sondern dass der Name ein Pseudonym sei für Ernest Bloch.“

Sir Charles Villiers Stanford erkannte ihr großes Potenzial

Rebecca Clarke wurde am 27. August 1886 in dem Londoner Vorort Harrow als das Älteste von vier Kindern geboren. Ihre Eltern, die Deutsche Agnes Helferich und der Amerikaner Joseph Thacher Clarke, pflegten mit ihren Kindern die Hausmusik, vor allem das Streichquartettspiel. Überschattet wurde ihre Kindheit durch den autoritären, sogar gewalttätigen Vater. In ihren Memoiren, die sie als 80-Jährige verfasst hat, schreibt sie: „Wir wurden alle geschlagen, manchmal tat es richtig weh. In der Regel, hatte ich die Strafe, die ich erhielt, wohl verdient.“

Mit acht Jahren durfte sie ihren Bruder zum Geigenunterricht begleiten. Ihr musikalisches Talent wurde entdeckt und glücklicherweise auch gefördert. 1903 begann Clarke ein Geigenstudium bei Hans Wessely an der Royal Academy of Music. Auch wenn der Vater von den Kompositionsversuchen seiner Tochter wenig begeistert war, zeigte er trotzdem einige ihrer Arbeiten seinem Bekannten Sir Charles Villiers Stanford. Dieser erkannte ihr Potenzial und nahm sie 1907 als erste Frau in seine Kompositionsklasse am Royal College of Music auf. Parallel dazu sollte sie außerdem Viola studieren.

Nachdem sich die Konflikte mit ihrem Vater zugespitzt hatten, musste Clarke von 1910 an alleine für ihren Lebensunterhalt sorgen. Das tat sie als Bratschistin. 1912 wurde sie als eine der ersten Frauen in das von Henry Wood geleitete Queen’s Hall Orchestra aufgenommen. Kurz darauf spielte sie in einem Streichquartett sowie in einem Klavierquartett mit jeweils drei weiteren Musikerinnen und tourte durch ganz Europa.

Rebecca Clarke komponierte viele Solowerke für die Bratsche

Die spärliche Sololiteratur für Viola ergänzte sie laufend durch eigene Kompositionen. Doch nur ihr 1918 uraufgeführtes Werk „Morpheus“ für Bratsche und Klavier wurde in der Öffentlichkeit bemerkt und euphorisch von der Presse gefeiert – auf dem Konzertzettel hatte die Komponistin zum ersten und einzigen Mal statt ihres eigenen Namens das Pseudonym Anthony Trent verwendet. Doch warum entschied sich die Komponistin zu diesem drastischen Schritt?

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Konzertprogramm mit Rebecca Clarke als Bratischtin und der Aufführung eines ihrer Werke, 1918 © gemeinfrei

Konzertprogramm mit Rebecca Clarke als Bratischtin und der Aufführung eines ihrer Werke, 1918

Rebecca Clarke hatte die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit verbreitete Meinung, dass Frauen nicht komponieren sollten und könnten, verinnerlicht. Dennoch verschaffte ihr der zweite Preis beim Kompositionswettbewerb des Berkshire Festival of Chamber Music in Kalifornien 1919 den Durchbruch als Komponistin. Ein Porträtkonzert Rebecca Clarkes in der Londoner Wigmore Hall 1925 festigte ihre Anerkennung als Komponistin. Doch zeitlebens war sie stets äußerst selbstkritisch, insbesondere in Bezug auf ihr kompositorisches Schaffen, und das obwohl sogar Arthur Rubinstein sie einst als „the glorious Rebecca Clarke“ bezeichnete. Erst zwei Jahre vor ihrem Tod bekannte sie: „Ich nutze die Gelegenheit, um zu betonen, dass ich existiere… und dass die Violasonate mein eigenes Werk ist!“

Heute leistet die Rebecca Clarke Society einen wichtigen Beitrag für den Erhalt und die Verbreitung ihrer Werke

1939 siedelte Rebecca Clarke in die USA über, wo sie zunächst verstärkt komponierte. Am 23. September 1944 heiratete sie den Pianisten und Komponisten James Friskin, den sie bereits seit ihrer gemeinsamen Studienzeit am Royal College of Music kannte und der inzwischen an der Juilliard School in New York unterrichtete. In den ersten Jahren ihrer Ehe konzertierten sie als Kammermusikduo. Ende der 1940er Jahre musste sie ihre Tätigkeit als Bratschistin wegen Arthritis nach und nach aufgeben, hielt dafür aber vermehrt Vorträge über Musik. Sie starb am 13. Oktober 1979 im Alter von 93 Jahren in New York City.

Weder vor ihrem Tod noch in ihrem Testament traf Rebecca Clarke Vorkehrungen, um ihre Musik für die Nachwelt zu bewahren. Dennoch wurden einige ihrer Kammermusikwerke kurz nach ihrem Tod und in den 1990er Jahren eingespielt und teilweise gedruckt. Hier leistet vor allem die im Jahr 2000 gegründete Rebecca Clarke Society einen wichtigen Beitrag. Ihr Ziel ist es, Informationen zum Leben und Werk Rebecca Clarkes zugänglich zu machen und ihre Musik zur Aufführung zu bringen.

Sehen Sie eine Aufführung von Rebecca Clarkes Violasonate:

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