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Bundesjugendorchester tourt mit gehörlosen Musikern

Wie hat der fast taube Beethoven seine „Eroica“ gehört?

Zusammen mit gehörlosen Laienmusikern bringt das Bundesjugendorchester „Das Gewicht der Asche“ zum Klingen.

vonChristian Schmidt,

Die Verzweiflung des erst 32-jährigen Ludwig van Beethoven schreit aus seinem Heiligenstädter Testament förmlich empor. „O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störrisch oder misanthro­pisch haltet oder erklärt, wie Unrecht tut ihr mir“, rief der Ertaubende denen zu, die ihn mieden. Dabei beschreibt er erschreckend klar, wie demütigend es sei, wenn jemand neben ihm eine schöne Melodie vernahm, die er einfach nicht hörte.

Heutzutage müssen Schwerhörigkeit und Taubheit nicht mehr soziale Isolation bedeuten, nicht einmal Verzicht auf Musik erzwingen. Hörgeschädigte können sehr subtil Frequenzen, Intensitäten und Rhythmen empfinden und Musik zudem über die visuelle Wahrnehmung verfolgen. Anlässlich des Beethovenjahres 2020 plante das Bundesjugendorchester unter der Leitung von Christoph Altstaedt ein Konzertprojekt, an dem hörgeschädigte Jugendliche eines Bildungszentrums in der Nähe von Freiburg im Breisgau als musikalische Laien mitwirken sollten. Zunächst der Coronapandemie zum Opfer gefallen, wird das spannende Programm nun auf der Frühlingstournee des Orchesters, dessen Mitglieder etwa im gleichen Alter sind, nachgeholt.

Beethoven als Schwerpunkt beim Bundesjugendorchester

Einer der musikalischen Schwerpunkte liegt auf Beethovens dritter Sinfonie, die er in einer Zeit komponierte, in der sein Gehörverlust bereits weit fortgeschritten war. Beim Bundesjugendorchester ist das Werk jedoch, in dem zwölf hörgeschädigte Jugendliche ihre eigene Rolle bekommen, eine Uraufführung des Komponisten Mark Barden, der mit ihnen in mehreren Workshops erarbeitete, welche Möglichkeiten auch mit Hörschäden bestehen, am musikalischen Leben teilzuhaben und sogar selbst mitzuwirken.

„Aus der hochkonzentrierten Stimmung ergaben sich regelrecht magische Momente, als wir zu dreizehnt um einen Flügel herumstanden und alle ein Geräusch darauf machten“, erinnert sich Barden lebhaft an diese Zeit. „Es war eigentlich ganz einfach, ihr musikalisches Feingefühl herauszulocken, man muss sich nur trauen und öffnen“, sagt der Detmolder Kompositionsprofessor, der sich in seinen Werken seit jeher vor allem mit der Physis der Klangerzeugung beschäftigt.

Ganz so banal ist das Musizieren nicht

In seinem neuen Werk „the weight of ash“, das der Deutsche Musikrat in Auftrag gab, spielen die Jugendlichen nun an acht Stellen teilweise solistisch auf Waldteufeln, kratzen mit Cellobögen auf Styropor oder bringen mit ihren Fingern Weingläser zum Summen. „Sie erzeugen damit Klangflächen, die in die orchestralen Farben eingewoben sind“, erklärt Barden, der das Werk als Hommage an seine 2017 verstorbene Mutter konzipierte.

Einstudiert haben die hörgeschädigten Jugendlichen ihren Part nicht nur mit dem Komponisten selbst, sondern auch unter Anleitung ihrer Musiklehrerin Christine Löbbert, die selbst blind ist. Als absolute musikalische Laien sind sie auf Hilfe angewiesen, erhalten auch während der Aufführung bestimmte Zeichen. Denn so ganz banal ist das Musizieren dann doch nicht, weil die sogenannten Cochlea-Implantate, mit deren Hilfe akustische Signale an die Hörnerven weitergetragen werden, auf Sprache ausgerichtet sind.

„Für Musikwahrnehmung sind sie noch recht primitiv, denn sie können die Klangfarben des Orchesters kaum unterscheiden“, so Barden. Um das Publikum mit Einschränkungen der Sinne zu konfrontieren, hat er mit der Lichtregie auch eine Passage in absoluter Dunkelheit eingebaut: „Für eine radikale Veränderung der Sinneswahrnehmung mache ich alle vorübergehend blind statt gehörlos.“ Das hätte auch Beethoven gefallen.

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