Cameron Carpenter spielt Livekonzerte vor Hilfseinrichtungen

Wertvolle Fracht

Organist Cameron Carpenter spielte mit seinem Orgel-LKW 32 Livekonzerte in vier Tagen und machte damit all denjenigen eine Freude, die es in Corona-Zeiten besonders schwer haben.

© Dovile Sermokas

Unterwegs mit dem Orgel-LKW: Cameron Carpenter

Unterwegs mit dem Orgel-LKW: Cameron Carpenter

Unter der sozialen Isolation, die seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie zum alltäglichen Begleiter geworden ist, haben vor allem Menschen in Senioren- und Pflegeeinrichtungen zu leiden. Der fehlende Kontakt zur Außenwelt sowie die ausbleibenden Besuche von Familie und Freunden machen vielen von ihnen schwer zu schaffen. Musik kann uns in solchen Situationen helfen, sie kann uns die erdrückende Einsamkeit zumindest für einen kurzen Moment vergessen lassen. Immer mehr engagierte Musiker, so auch der Organist Cameron Carpenter, setzen sich deshalb für die Hilfsbedürftigen ein und geben kostenlose Livekonzerte vor den Türen derjenigen, die sie am meisten brauchen.

Cameron Carpenter ist einer der großen Orgelvirtuosen unserer Zeit. Im Angesicht der Coronakrise hat der in Berlin lebende Amerikaner seine Orgel kurzerhand auf einen LKW verfrachtet und ist quer durch die Hauptstadt getourt. Innerhalb von vier Tagen spielte er 32 Konzerte vor Wohn- und Pflegeheimen und sorgte für große Begeisterung bei den Anwohnern. „In den Heimen und Einrichtungen wurde die Ankunft des Lastwagens immer herzlich Begrüßt“, erzählt der 39-Jährige. „Die Bewohner genossen das Spektakel, die unerwartete Abwechslung, mal etwas anderes und andere Menschen zu sehen – und natürlich die Musik. Diese spürbare Wertschätzung, die man uns entgegenbrachte, hat mich immer sehr motiviert, mein Bestes zu geben. Einige der Auftritte gehören für mich sogar zu den emotionalen Highlights meiner Karriere. Damit hatte ich nicht gerechnet.“ Auf dem Programm standen ausschließlich Werke von Altmeister Johann Sebastian Bach.

Logistische Meisterleistung

Die Idee, durch mobile Orgelkonzerte mit klassischer Musik einen guten Zweck zu erfüllen, kam von Carpenters engem Freund, dem Kulturmanager Christian Reichart. Die Umsetzung barg allerdings technische Herausforderungen, wie Carpenter berichtet: „Alle Geräte wurden auf maximale Mobilität eingerichtet. Die digitale Orgel ist dafür am besten geeignet. Sie ist über die Verstärker so skalierbar, dass man sie für 15 Personen auf einem Seniorenheimbalkon oder für viele tausend in Wohnblöcken in großer Entfernung einrichten kann.“ Begleitet von einer großen Crew samt Toningenieur, Bühnenmanager und Co. gelang dem Star-Organisten und seinem Team eine logistische Meisterleistung, die laut Carpenter alle Mühen wert war: „Das Projekt erforderte enormen Aufwand und sehr große Anstrengung, aber es hat sich absolut gelohnt!“ Das Vorhaben, das Programm weit über Berlin hinaus auszudehnen, befinde sich in Vorbereitung.

Vom Konzept der Livekonzerte vor der Haustür lassen sich neben Cameron Carpenter derzeit zahlreiche Musiker inspirieren: Unter dem Namen MDR-Lieder-Lieferdienst liefern Musikerinnen und Musiker des MDR Sinfonieorchesters in Mitteldeutschland Livekonzerte auf Bestellung aus. Auch das Mozartfest Würzburg will nun seine Kurkonzerte in private Hinterhöfe verlagern. Da das Fest wegen Corona nicht wie geplant stattfinden kann, wird vom 19. bis 21. Juni der mit einem Flügel ausgestattete Musik-LKW „Der blaue Eumel“ in den Innenhöfen des Würzburger Stadtgebiets Station machen und Kurzkonzerte mit Kammermusik, Jazz und Theater zu den Anwohnern bringen.

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