Musikalische Spurensuche: Hannover

Virtuosen, Kapellmeister – und ein astronomisch versierter Komponist

Als historisch bedeutsame Musikmetropole wird Hannover noch immer unterschätzt. Eine Tour durch die Stadt kann Abhilfe schaffen.

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Barockes Flair in den Herrenhäuser Gärten von Hannover

Barockes Flair in den Herrenhäuser Gärten von Hannover

Ob als welfische Residenzstadt, Kurfürstentum, Hauptstadt des Königreichs oder Niedersächsische Landeshauptstadt: Hannover wurde im Verlauf der Geschichte schon immer eine ganz besondere Rolle zuteil. Da ist es kaum verwunderlich, dass auch die Musikgeschichte nicht spurlos an der schönen Leinestadt vorübergehen konnte. Wer sich in Hannover an die Suche nach ebenjenen historischen Spuren des Musiklebens heranwagen möchte, der kann auch trotz coronabedingt geschlossener Konzert- und Opernhäuser fündig werden.

Musikalische Freundeskreise

Am besten beginnt man die Tour am Hauptbahnhof, mitten im Stadtzentrum. Hier schließt direkt die Joachimstraße an, man braucht sich „unterm Schwanz“ von König Ernst-Augusts ehrwürdigem Ross nur ein Stück links zu halten. Benannt nach dem berühmten Geigenvirtuosen, Komponisten und Dirigenten Joseph Joachim, gibt der Straßenname den ersten Hinweis auf musikhistorische Größen der Stadt. Joachim war ab 1853 Königlicher Konzertmeister in Hannover und bekleidete dreizehn Jahre lang dieses Amt. Während dieser Zeit brachte er hier mehrere Werke zur Uraufführung, darunter auch sein zweites Violinkonzert. Joachim war außerdem Mitglied im Hannoverschen Künstlerverein, dessen Sitz sich im sogenannten Künstlerhaus befindet, ein ansehnliches Gebäude nur wenige Meter von der Joachimstraße entfernt (Sophienstraße 2), in dem sich seinerzeit zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten tummelten.

Ebenfalls Mitglied im Künstlerverein war Hans von Bülow, der in Hannover zwischen 1877 und 1879 den Posten des Hofkapellmeisters am Königlichen Hoftheater innehatte. Das Hoftheater nennt sich heute Niedersächsisches Staatstheater und liegt gleich um die Ecke (Opernplatz 1). Das ehrwürdige Opernhaus im spätklassizistischen Stil ist die Uraufführungsstätte zahlreicher Werke, etwa des ersten Klavierkonzerts von Johannes Brahms – unter der Leitung Joseph Joachims. Brahms wiederum hielt sich als dessen enger Freund des Öfteren in Hannover auf, ebenso wie das ebenfalls zum engen Freundeskreis gehörende Ehepaar Robert und Clara Schumann. Vor allem Clara gab in Hannover immer wieder Konzerte, so auch ihr letztes im Jahr 1881.

Hannovers Opern und ihre Meister

Bevor wir allerdings den Opernplatz erreichen, kommen wir an der Bronzestatue von Heinrich Marschner vorbei, dem einzigen Komponistendenkmal der Stadt (Georgstraße 51). Es stammt von dem Bildhauer Ferdinand Hartzer und wurde 1877 aufgestellt. Marschner galt seinerzeit als einer der führenden deutschen Opernkomponisten und leitete die Königliche Hofkapelle zwischen 1831 und 1859. „Der Bäbu“ (1838) und „Austin“ (1852) wurden in Hannover uraufgeführt. Sein bedeutendstes Werk ist jedoch die dreiaktige Oper „Hans Heiling“, aus der Antonín Dvořák später ein Thema für seine berühmte 9. Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ entnahm.

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Bronzestatue des einstigen Hannoveraner Hofkapellmeisters Heinrich Marschner

Bronzestatue des einstigen Hannoveraner Hofkapellmeisters Heinrich Marschner

Das eindrucksvolle Opernhaus des Niedersächsischen Staatstheaters wurde 1852 eröffnet und löste damit das ehemalige Opernhaus im Leineschloss ab, das sich ebenfalls in fußläufiger Entfernung befindet (Hannah-Arendt-Platz 1). Das Leineschloss beherbergt heute den Niedersächsischen Landtag. An der Stelle des heutigen Plenarsaals befand sich ab 1690 ein hölzernes Opernhaus, für dessen Einweihung der italienische Komponist Agostino Steffani die Oper „Enrico Leone“ komponierte. In seinen sechs Jahren als Opernkapellmeister am Hofe des Herzogs Ernst August von Hannover brachte Steffani fast jedes Jahr neue Opern heraus.

Mit Musik zu den Sternen

Nach all dem Pflastertreten sollte unbedingt noch ein Abstecher in die berühmten Herrenhäuser Gärten unternommen werden, die sehr gut mit der U4 oder U5 zu erreichen sind. Wer auf dem Weg dorthin am Königsworther Platz aussteigt, kann auf dem Neustädter Friedhof sogar noch das Grab des Komponisten Heinrich Marschner besuchen. In den pittoresken Herrenhäuser Gärten kann man sich besser als anderswo ganz dem barocken Flair der Zeiten Steffanis und Händels hingeben. Ja, auch Georg Friedrich Händel war ab 1710 Hannoverscher Kapellmeister. Er schrieb während dieser Zeit einige Vokalwerke und dirigierte Schlosskonzerte im Leineschloss. Den Großteil seiner Dienstzeit verbrachte er jedoch in London.

Ebenfalls hauptsächlich in England, das mit dem Königreich Hannover lange Zeit in Personalunion stand, wirkte der gebürtige Hannoveraner Wilhelm Herschel. Auf der Insel komponierte er zahlreiche Sinfonien und andere Werke. Herschel ist heute allerdings mehr für seine astronomischen Erkenntnisse bekannt als für seine musikalischen: 1781 entdeckte er den Planeten Uranus. Ihm und seiner Schwester Karoline zu Ehren (auch sie war Astronomin) trägt die etwas abseits des Weges liegende Volkssternwarte Hannover den Beinamen „Geschwister Herschel“ (Am Lindener Berge 27).


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