Bach: Weihnachtsoratorium BWV 248

Die prachtvolle Orchestereinleitung kündigt die himmlischen Heerscharen an!

Der Zuhörer wundert sich: warum beginnt der Chor „Jauchzet, frohlocket!“ in so tiefer Lage?

Die Eröffnungskantate war ursprünglich eine (weltliche) Huldigungskantate, welche lautmalerisch mit „Tönet ihr Pauken, erschallet Trompeten“ begann. Sollten wir heute nicht den Mut haben, das Weihnachtsoratorium wieder so original zu beginnen, und dann erst – ab der hohen Lage – die späteren Worte „Jauchzet, frohlocket“ zu singen? Zumal Pauken und Trompeten als symbolische Instrumente von Macht und Herrlichkeit der Weihnachtsbotschaft sehr angemessen sind!

Bachs Arbeitspensum – neben Aufführungs-, Unterrichts-, Amts-, Vater- und Ehepflichten – war gewaltig; niemand könnte in dieser Zeitspanne Bachs Werk abschreiben. Wen wundert es, dass er besonders gelungene Musiken, wenn sie – wie die Huldigungskantaten – nur einmal (und meist unbeachtet) aufgeführt worden waren, für große und dauerhafte Werke mit unterlegten neuen (parodierten) Texten wiederverwendete? Fast das gesamte Weihnachtsoratorium ist aus solchen Gelegenheitswerken zusammengestellt – bedeutendste Ausnahme: die langsame, leise Weihnachts-Sinfonia (ein Siciliano in italienischer Tradition) für die Krippenszene im Stall von Bethlehem.

Die Weihnachtsgeschichte wird in sechs Kantaten erzählt: Geburt Jesu/ Verkündigung des Engels/ Anbetung der Hirten/ Namensgebung/ Ankunft der Weisen/ Anbetung der Weisen.

Die Erzählung sprudelt wie eine Brunnenkaskade über vier Ebenen:

Chöre mit vollem Orchester,
Rezitative des Evangelisten,
Betrachtungen und Arien (auch Ensembles),
Choräle (schlicht oder mit instrumentalen Vor-, Zwischen- und Nachspielen).
Die Praxis kennt folgende Aufführungsvarianten:

an sechs Sonntagen der Weihnachtszeit im Gottesdienst,
an einem/zwei Abend(en) in der Weihnachtszeit (Teil 1-3 und/oder 4-6),
an einem langen Abend – ganz (mit oder ohne Kürzungen, auf jeden Fall mit Sitzkissen!)
Wenn die Kirche heizbar ist, wenn es Toiletten gibt, und wenn die Akustik nicht „schwimmt“, ist das ungekürzte Weihnachtsoratorium mit seinem Wechsel von schwungvollen Chören, lebhaften Rezitativen, liebevollen Betrachtungen, deklamierten Arien (oft mit obligaten Instrumenten) und innigen Chorälen ausgesprochen kurzweilig – zumal, wenn das Publikum dabei mit einstimmt!

Eines sollte das weihnachtlich hochgestimmte Publikum bei diesem beliebtesten aller Oratorien bedenken: die Honorare der Musiker/innen und vor allem der Solist/inn/en sind in unseren Tagen alles andere als weihnachtlich! Und – Hand aufs Herz!– selbst eine doppelt bezahlte Eintrittskarte ist nichts gegen den dafür eingetauschten unermesslichen Reichtum an freudigen Klängen!

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