Bruckner: Sinfonie Nr. 6 A-Dur WAB 106

(UA Stuttgart 1901)

Bruckner schrieb und schrieb. Die Fünfte war vollendet, die Vierte noch nicht gespielt, aber schon umgearbeitet. Wien und die Welt nahm den wunderlichen, alternden Kauz kaum wahr.

Ein ekstatischer Rhythmus in glitzernder Höhe, ein behäbiges Hauptthema in grummelnder Tiefe – wie passt das zusammen? Rhythmus und Thema mischen sich nicht, die Harmonik wählt ausgefallene Wege – wo will das hin? Fliehkräfte sind am Werk: Eine schweifende Fantasie gebiert einen majestätischen Tanz von skurriler Heiterkeit – ein Paradiesvogel bei der Balz ...

Der erste Satz ist anspruchsvoll: Die zwischen duolischem und triolischem Duktus schaukelnde Struktur und die durch verstiegene Harmonik verwirbelten Passagen müssen geprobt werden, damit das Schwere schwebt, damit diese traurige Musik lächelt.

Der zweite Satz beginnt mit einem feierlichen Streicherthema über ernst schreitenden Bässen. Ein mit akzentuierter Dissonanz einsetzendes Oboesolo klagt sein Leid ... das schwärmerische zweite Thema – in hellem E-Dur – imaginiert ein schönes Wesen, das mit harmonischem Liebreiz die Augen schimmern macht. Das trauermarschähnliche dritte Thema – in dunklem c-Moll mit leisen Pauken und Posaunen – weiß von Abschied und Entsagung.

Das Scherzo (nicht schnell) hat kein Thema – und eigentlich auch keine Lust. Es enthält ein Sammelsurium leerer Begleitfiguren – wie ein Schrank voll verblichener Klamotten. Das Trio (langsam) mit vertrockneten Pizzicati und ferner Hörnerseligkeit – wie alte Jagdtrophäen – wirkt geisterhaft und schrullig.

Auch das Finale ist seltsam: Ein tonartlich unbestimmtes Vorthema – wie eine resignative Geste – wird dreimal wiederholt, dann fährt eine Tutti-Toccata wütend dazwischen. Das Seitenthema lächelt dünn. Die Schlussgruppe greift das Toccata-Thema auf und verliert sich wie geistesabwesend an ein kleines, rhythmisches Motiv. In der Durchführung gewinnt das Vorthema Wärme und Ausdruck – damit endet dessen musikalische Biografie. Die Reprise wird von der Toccata beherrscht. Die Coda zitiert das majestätische Hauptthema aus dem ersten Satz – ein wenig klingt es nach Routine.

Die „kleine“ Sechste steht im Schatten zweier Riesen: der meisterhaften Fünften und der charismatischen Siebten. Zu Bruckners Lebzeiten wurden nur die beiden Mittelsätze gespielt. Sie ist handwerklich vollkommen und in ihrem Befund – zwei inspirierte und zwei deprimierte Sätze – ein sehr persönliches Dokument.

(Mathias Husmann)

 

bitte auch aufrufen:

Bruckner: Die Neun Sinfonien / allgemeine Einführung

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